Hugo Chávez, Anführer der Revolution in Venezuela und Staatspräsident des einst reichen südamerikanischen Landes, bekämpft sie mit Worten, wo er nur kann: die "neoliberalen Kolonialisten", vornehmlich die aus den Vereinigten Staaten. Dennoch macht Chávez ausgerechnet mit den vermeintlich Bösen Geschäfte. Es sind allerdings fast die einzigen, die er überhaupt noch macht. Die Exporte des Landes bestehen zu 85 Prozent aus Erdöl – und knapp zwei Drittel davon werden in die verhassten USA geliefert.

Nicht zuletzt wegen der prekären Sicherheitslage im Mittleren Osten wollen die USA jene 13 Prozent ihrer Erdöleinfuhren, die sie aus Venezuela beziehen, nicht aufs Spiel setzen. Deshalb haben sie die verbalen Attacken aus Caracas bisher ertragen. Jetzt droht ihnen indes der Konkurs des Lieferanten.

Die staatliche Ölproduktion Venezuelas schrumpft schon seit Jahren. Von mehr als 3Millionen Fass à 159 Liter, welche die staatliche Erdölgesellschaft PDVSA (Petroleos de Venezuela S. A.) bei Chavez’ Amtsantritt Anfang 1999 täglich förderte, sind schätzungsweise noch 1,7 bis 1,8 Millionen Fass geblieben. Dafür steigt zwar die seit 1995 erlaubte private Ölförderung. Sie beruht allerdings auf "verhängnisvollen Verträgen für die venezolanische Wirtschaft", wie der Ökonom und Erdölwirtschaftsexperte Victor Poleo meint. Tatsächlich befreien die Verträge die Konzerne auf Jahre fast ganz von Steuern und Staatsabgaben. Auch der Deutsche Klaus Schäffler, seit 28 Jahren Wirtschaftberater in Caracas, gesteht: "Mit diesen Konditionen wird Venezuela vom Ausland über den Tisch gezogen wie noch nie zuvor." Hugo Chávez untersagte künftige Deals dieser Art bereits per Gesetz.

Die privaten Erdölkonsortien sind Joint Ventures internationaler Erdölkonzerne, oft mit Minderheitsbeteiligungen der staatlichen PDVSA. Die Multis fördern heute täglich bereits rund 800000 Barrel Rohöl, vornehmlich Schweröl aus dem Orinoko-Gürtel. Dort liegen mit 300 Milliarden Barrel die derzeit größten verfügbaren Erdölreserven der Welt.

Nach der fatalen Teilprivatisierung, die Chávez bis dato immerhin respektiert, schmerzt Venezuela der Rückgang der staatlichen Produktion umso mehr – zumal nur ein Teil davon für den Export zur Verfügung steht. Rund 450000 Barrel werden für den eigenen Markt raffiniert, auf dem ein Liter Benzin umgerechnet nicht mehr als vier Euro-Cent kostet. Weitere 53000 Barrel lässt Chávez seinem Freund Fidel Castro täglich nach Kuba schicken. Als Bezahlung erhält er Dienstleistungen im Gesundheits- und Bildungssektor. Weil die staatlichen Erdöleinnahmen rapide schwinden, gehen die Investitionen ebenfalls drastisch zurück. Im Vergleich zu den neunziger Jahren sind sie nach offiziellen Angaben um rund zwei Drittel gefallen. Die Produktion der teils veralteten Förderanlagen im Maracaibo-See droht deshalb weiter zu schrumpfen.

Auch die "strategische Reserve" Venezuelas für Preis- oder Produktionseinbrüche hat sich halbiert. Solche Reserven können der Wirtschaft in Notzeiten helfen, wie zu Jahresbeginn: Nachdem Chávez mehr direkte Kontrolle über das Erdöl gefordert hatte und die "Oligarchie" von PDVSA-Managern der Selbstbereicherung und Misswirtschaft bezichtigte, zettelten diese am 10. Dezember 2002 einen Generalstreik an. Der achtwöchige Arbeitskampf führte zeitweise zum totalen Zusammenbruch der Erdölproduktion.

Zwar ging Chávez als Sieger aus dem so genannten Erdöl-Putsch hervor und feuerte 18000 Führungs- und Fachkräfte der PDVSA; doch die staatliche Produktion erreichte nie wieder das vorherige Niveau. Seit Juni sinkt sie sogar erneut. Unnachgiebig, aber einsam bestreitet Erdölminister Ramírez übrigens diesen Rückgang der Erdölförderung.

Die Märkte reagierten auf den Streik: Der Welterdölpreis stieg damals von 27 auf über 37 Dollar pro Barrel, Rating-Agenturen stuften Kredite für Erdölprojekte im Orinoko-Gürtel umgehend herab, und das Fachblatt Petroleumworld sah bereits die Zahlungsfähigkeit des hoch verschuldeten Landes gefährdet. Das Rating zog Monate nach dem Streik zwar wieder an, und die privaten Erdölkonzerne verdienen dank hoher Weltmarktpreise wieder gut. Doch das einst reichste Land Südamerikas steuert auf eine ökonomische Katastrophe zu: In diesem Jahr wird die Wirtschaft voraussichtlich um 13 Prozent schrumpfen. Die offizielle Arbeitslosigkeit hat jüngst erstmalig die Marke von 20 Prozent erreicht. Der Preisanstieg betrug in den ersten acht Monaten 18,9 Prozent, mehr als 60 Prozent der 24 Millionen Venezolaner leben bereits in Armut.