Es ist ein eindringliches Bild, das sich dem Besucher am Ende der Dauerausstellung im Schlesischen Museum Görlitz bietet. In einer Vitrine sind Schlüssel ausgestellt. An Haken hängen sie, bündelweise. Große sind darunter, die zu Scheunentoren passen könnten, kleine, mit denen sich vielleicht Wohnungstüren öffnen lassen. An den Schlüsselringen kleben kleine Zettel mit Ortsnamen und Straßen, die keiner mehr nennt. Die Schlüssel passen in kein Schloss mehr, erinnern im Museum an den Heimatverlust in der Folge eines verbrecherischen Krieges, der in das Land zurückschlug, von dem er ausgegangen war. Die Vertriebenen, die die Schlüssel ihrer Häuser mitnahmen, begingen in den Augen der neuen Herrscher eine Straftat. Die Schlüsselgewalt geriet zur Machtfrage. In der neuen Heimat galt dieses Souvenir des Verschwindens, des Verlustes nicht selten als Symbol des Revanchismus, als nostalgisches Relikt einer rückwärtsgewandten Rachelust. Die Museen und Archive kennen viele dieser Geschichten.

Dass in einer Stadt wie Görlitz heute der Vertreibung der Deutschen aus Schlesien gedacht werden kann, wäre vor 14 Jahren noch undenkbar gewesen. In der DDR völlig verschüttet, stieß das Schicksal der zwölf Millionen Heimatvertriebenen im Westen seit den siebziger Jahren auf breites intellektuelles Verdrängen. Seit einiger Zeit nimmt die Offenheit der Diskussion, die Stetigkeit der Aufklärung zu. Wir merken in dieser Debatte um Erinnerung an das erlittene Leid sehr schnell, dass sie sich nur noch auf begrenzte Weise mit innerdeutschen Argumenten führen lässt.

Die Europäische Union wächst und benötigt nun auch im Osten, was sich in Westeuropa als stabil erwiesen hat: ein Fundament der Versöhnung. So hat es der ehemalige polnische Außenminister Bronislaw Geremek treffend beschrieben. Die Polen, Ungarn, Slowaken, Tschechen kehren nach Europa zurück, das sie – ihrem eigenen Selbstverständnis nach – nie verlassen haben. Und sie entdecken es neu. Die jüngere Generation der Polen beschäftigt sich nicht mehr nur mit der polnisch-deutschen und polnisch-jüdischen Vergangenheit, sondern begibt sich an die eigenen Ostgrenzen, in die Karpaten-Täler, auf die Spuren der Góralen, der Lemken, der Huzulen oder nach Podlachien, ins litauisch-weißrussische Grenzgebiet.

Was genau ist „Vertreibung?“

Wir erforschen heute selbstverständlich die Geschichte des schlesischen Kulturraumes, wissen, dass der Geburtsort Gustav Mahlers nicht mehr hinter dem Eisernen Vorhang liegt, suchen Verbindungen zwischen den Gerhart-Hauptmann-Häusern in Agnetendorf, Erkner und Kloster auf Hiddensee und richten eine Stiftungsprofessur für deutsche Kultur an der Universität Klausenburg ein. Wir sind dabei, Europa neu zu gestalten, was auch bedeutet, seine kulturelle Substanz zu betonen. Aber all dies hat nur dann Sinn, wenn wir uns auch gemeinsam erinnern. Alles, was wir geworden sind, was wir verheert und zerstört und wieder aufgebaut haben, was wir erfunden, geschaffen, erforscht haben, die Zeugnisse des Glaubens und der Kunst, vergessene Schätze und verbrannte Trümmer – alles lagert in unserem Boden, auf dem wir das kühne Projekt der europäischen Einheit errichten. Wenn wir uns bewusst machen, wenn wir bereit sind, sowohl die „vergessenen Schätze“ als auch die „verbrannten Trümmer“ zu heben, dann werden wir auch die Frage beantworten können, wo Europa aufhört, dort, wo die Grenzen unserer gemeinsamen geschichtlichen Erfahrung verlaufen. Wir brauchen gemeinsame Orte der Erinnerung.

Noch ist es nicht selbstverständlich, dass Deutsche und Tschechen, Litauer und Polen, Rumänen und Ungarn sich ihrer Geschichte gemeinsam stellen. Das Schlesische Museum in Görlitz ist hierin wegweisend und nur ein Beispiel dafür, in welch fürsorglicher Weise die Erinnerung an das kulturelle Erbe der ehemaligen Ostprovinzen in Museen, Instituten und 3500 Heimatstuben bewahrt wird. Der Bund fördert das Oldenburger Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa ebenso wie das Pommersche, das Westpreußische, das Ostpreußische, das Siebenbürgische oder das Donauschwäbische Museum. Die Ostdeutsche Galerie in Regensburg wird ebenso unterstützt wie der Adalbert-Stifter-Verein, das Schaufenster Schlesien, das Kulturzentrum Ostpreußen, die Martin-Opitz-Bibliothek in Herne, das Marburger Herder-Institut oder die Institute für Kultur und Geschichte der Deutschen in Nordost- und Südosteuropa.

Dank der Kulturförderung des Bundesvertriebenengesetzes besitzen wir längst ein dezentrales Netzwerk an Einrichtungen, das Kulturgeschichte bewahrt und Erinnerung ermöglicht, vielleicht aber nicht immer in gebotenem Maße wahrgenommen wird. Dieses bestehende System gilt es noch stärker zu nutzen. Günter Grass hat Recht, wenn er sagt: „Wie schon zu Beginn der siebziger Jahre bin ich auch heute der Meinung, dass wir zwar Land verloren haben, aber nirgendwo, in keinem Potsdamer Abkommen, steht geschrieben, dass die kulturelle Substanz dieser Provinzen und Städte in Vergessenheit geraten muss.“ Das tut sie aus benannten Gründen auch nicht.