Der Wille zur Macht wurde an diesem Ort in Stein und Marmor gehauen. Mussolini träumte von der faschistischen Retortenstadt EUR als einem "Dritten Rom". Jede Prachtstraße eine monumentale Aufmarschschneise für seine Schwarzhemden, jeder säulenbewehrte Palazzo eine imperiale Gebärde, jede muskelbepackte Statue zumindest kolossal.Böse Zungen behaupten, dass sich Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi schon etwas dabei gedacht haben muss, als er zum Beginn der Regierungskonferenz über Europas künftigen Verfassungsvertrag seine Kollegen aus 28 derzeitigen und künftigen Mitgliedsstaaten der EU ausgerechnet nach EUR einlud. Manchem dämmerte erst vor Ort, dass EUR nicht etwa den Geist Europas in drei monumentale Buchstaben geschlagen hat, sondern in diesem südlichen Stadtteil Roms vor sechzig Jahren vom Duce eine Esposizione Universale di Roma, kurz eben EUR geplant war, ein Architektur(alp)traum, der in den Gräueln des Zweiten Weltkriegs unterging und erst in der Nachkriegsrepublik friedlicher als Gartenstadt wieder auferstand. Und das ungefähr zu der Zeit, da die sechs Gründungsmitglieder der EWG die Römischen Verträge vorbereiteten.Europa als Rettung nach den "Totalitarismen des letzten Jahrhunderts", so sah das Berlusconi in seiner Eröffnungsrede und seiner Pressekonferenz. Freilich zählt der Italiener den Faschismus nicht dazu, nur Kommunismus und Nationalsozialismus. Derart berlusconisiert, erscheint dieses EU-Europa wahrlich als die Rettung und wirft einen Schleier angeblicher Unschuld über die schwarze Vergangenheit von EUR und Italien.Einen "Akt der Willensstärke" forderte der italienische Gastgeber von seinen Kollegen, damit der Entwurf einer Verfassung bis Weihnachten zum guten Ende gebracht werde und nicht zerredet und zerrieben wird von allerlei Wünschen nach Verbesserung (die der Text an vielen Stellen wahrlich nötig hat) und Veränderung (die aus nationalem Egoismus eine solche Verbesserung unmöglich machen könnte). Vom Aufstand der Zwerge war zuvor die Rede, weil die kleineren Nationen, immerhin rund 20 unter den 25, sich im Vorfeld des römischen Treffens gut organisiert zeigten. Doch der Wortführer der Zwerge gab sich in Rom konziliant: Österreichs Bundeskanzler Wolfgang Schüssel betonte nimmermüde, die Forderungen seiner Regierung seien gegen niemanden gerichtet, man setze sich einfach für etwas ein.Zum Beispiel für das Prinzip Ein Land, ein Kommissar: Auch wenn künftig in der EU-Kommission 25, bald 27 und mehr Länder ihre Besten in Amt und Würden sehen wollen, müsse dieser Grundsatz gewahrt bleiben. Schließlich gehe es um Stimme, Stimmrecht und Informationszugang, und das gleichberechtigt, egal ob groß oder klein. Natürlich dürfe die Effizienz der Kommissionsarbeit darunter nicht leiden, erklärte der Kanzler aus Wien, weshalb Schüssel sich etwa einen Kommissar für Betrugsbekämpfung oder Katastrophenschutz vorstellen könne.Womit ein Kompromiss zumindest in dieser Frage in Sicht ist. Denn der Konventsentwurf hatte die Kommission verkleinern wollen, genau wie drei Jahre zuvor schon der Vertrag von Nizza, den damals auch Schüssel unterschrieben hatte. Hart, schier unversöhnlich klangen beim Treffen in Rom hingegen die Spanier und Polen. Sie wollen die so genannte nationale Stimmgewichtung im Rat der Minister auf keinen Fall nach den einfachen Regeln des Konvents austariert sehen und kämpfen für den Vertrag von Nizza (wo Polen gar nicht am Tisch saß, aber gut bedient wurde, und Spanien jene Verkleinerung der Kommission unterzeichnete, von der es bündnistaktisch jetzt nichts mehr wissen will).Hinter all den Zahlenspielen, die dem Laien Hekuba bleiben, verbirgt sich ein Machtanspruch: Polen wie Spanier wollen künftig zu den "Großen" im vergrößerten Europa gehören – und verbünden sich dafür (vorübergehend) mit den Kleinen, die eher am Prinzip Ein Land, ein Kommissar hängen. Kopfschüttelnd verließ ein führender Kopf aus einem Gründungsland die über dreistündige Sitzung mit dem Satz: "Diese Polen, sind noch nicht Mitglied und drohen schon mit dem Veto".Erschüttert war mehr als ein Teilnehmer aber von einem vorhersehbaren Ereignis anderer Art. Fünf Minuten durfte jedes Land am kreisrunden Tisch vor antikisierender Wandmalerei vortragen, Berlusconi etwas länger, dazu der Kommissionspräsident Romano Prodi und Pat Cox, Präsident des Europäischen Parlaments. Bei 30 Sprechern ergab das einen Film mit Überlänge, Europa in Cinemascope. Als jeder gesprochen hatte, war im Grunde nichts gesagt, geschweige denn diskutiert.Unfreiwillig fügten die Staats- und Regierungschefs auf diese Weise der monumentalen Architekturgeste in EUR eine kolossale Sprachgebärde hinzu: Die Rede war von Europas Zukunft, sie wurde besprochen, beschworen, auch beschwört. Die Chefs als Schamanen. Die hemdsärmelige Arbeit sollen jetzt die Außenminister erledigen, in etlichen Intensivseminaren bis Ende November, ehe dann beim Gipfeltreffen im Dezember die Chefs das letzte Wort haben. Erst dann wird sich zeigen, ob dieses Europa fähig ist zum "Akt der Willensstärke". Oder ob der historisch heikle Ausflug nach EUR eher Anfang einer monumentalen Schwäche der Gemeinschaft war.