Es gab einen Tag im Leben von Aischa, an dem sie nicht wusste, ob sie ihren Wünschen wirklich trauen konnte. Es war der Tag, als die Amerikaner in Kirkuk einmarschierten. Das Regime Saddams war über Nacht zusammengebrochen. Als Aischa morgens in ihr Büro ging stieß sie auf den ersten amerikanischen Soldaten ihres Lebens. Er hieß Johnson, das stand auf seinem Helm. Daran erinnert sich Aischa: J. P. Johnson. Er war groß und breit und seine Augen waren blau wie der Himmel über Kirkuk."Wohin wollen Sie?", sagte der Soldat und versperrte Aischa den Weg."Ich will zur Arbeit!", antwortete sie."Können Sie sich ausweisen?"Aischa kramte ihren Pass aus ihrer Handtasche und ein Dokument, auf dem stand, dass sie Angestellte der Ölgesellschaft Nord war, Lohnbuchhalterin. Soldat Johnson nahm es ihr aus der Hand und übergab es einem Iraker, einen Mann, den Aischa nie gesehen hatte. Er muss mit den Amerikanern gekommen sein, dachte Aischa, und blickte in seine kantiges Gesicht, ein Kurde wahrscheinlich. Dieser Dolmetscher stellte ihr ein paar Fragen. Sein Ton war grob. Aischa blieb ruhig, auch wenn es ihr schwerfiel, nicht zu reagieren. Sie fühlte sich verletzt von diesem Fremden, der aussah als sei er gestern noch mit einer Kalaschnikow irgendwo in den wilden Bergen Kurdistans herumgestiefelt und der jetzt hier auftrat wie ein herrischer Gebieter. Aischa rächte sich auf ihre Weise."Ich will an meinen Arbeitsplatz!", sprach sie den Soldaten Johnson in fehlerfreiem Englisch an. "Ich arbeite dort seit zwölf Jahren. Ich habe viel zu tun. Ich muss an meinen Schreibtisch. Mein Vorgesetzter erwartet mich sicher schon!"Johnson blickte sie an. Sein Gesicht war verkniffen, und Aischa dachte schon, er würde sie zurückweisen, aber er sagte nur: "Bitte, sie können durch!"Sie ging auf das Gelände der Ölgesellschaft. Überall waren Soldaten, Jeeps und Panzer. Aischa traf Kolleginnen vor dem Eingang des Hauptgebäudes. Nicht alle waren gekommen. Manche hatten es vorgezogen, zu Hause zu bleiben, aus Angst, aus Unsicherheit. Niemand wusste was passieren würde in diesen Tagen."Wir sollen heute nicht arbeiten!", sagte eine von ihnen. "Die Amerikaner sagen, wir sollen morgen wieder kommen. Heute gäbe es für uns nichts zu tun!"Aischa blieb trotzdem noch eine Zeit lang auf dem Gelände. Sie sah die fremden Soldaten, ihre großen, modernen Waffen und sie sah vor allem die Irakis, die mit der US-Armee gekommen waren. Sie ähnelten dem Übersetzer, der sie am Eingang so grob behandelt hatte. Sie hatten dasselbe herrische Auftreten, sie lachten und schäkerten mit den Amerikanern und wenn ein Einheimischer auf sie zuging, blickten sie ihn von oben herab an wie einen Bittsteller. So also sieht die neue Macht aus, dachte Aischa. Das war der Moment als sie zweifelte, ob ihr eigener Wunsch, dass die Amerikaner endlich den Diktator Saddam vertreiben würden, ein guter Wunsch gewesen war. Der Moment an dem sie zum ersten Mal dachte, dass sie sich vielleicht noch nach Saddams Zeiten sehnen würde.In den nächsten Tagen blieb Aischa zu Hause. Sie wartete bis man sie rufen würde. Die Nachrichten waren schlecht. Plünderungen, Entführungen, Raub und Mord. Opfer waren vor allem Einwohner arabischer Herkunft. Aischa war Araberin.Ihre Familie war vor dreißig Jahren nach Kirkuk gezogen, damals war sie fünf Jahre alt. Saddam Hussein hatte allen Arabern, die sich in dieser vornehmlich kurdischen Stadt ansiedelten, Land geschenkt und 10.000 Dinar, damals entsprach dies einem Wert von 30.000 Dollar. Die Kurden und Turkomannen Kirkuks nennen die arabischen Neubürger deshalb abschätzig "10.000er", Gekaufte, Leibeigene, Verräter.Der Diktator wollte Kirkuk arabisieren. Aus gutem Grund. Kirkuk ist eine reiche Stadt. Das Ölfeld Baba Gur Gur, das größte des Irak, liegt vor seinen Toren. Da Kurden wie Turkomannen in den Augen des Diktators unzuverlässige Kantonisten waren, versuchte Saddam Hussein diesen Reichtum zu sichern, in dem er Araber ansiedelte. Er schuf eine Klasse von vermeintlich treuen Kolonisten.Der Reichtum Kirkuks ist freilich nur eine Behauptung, denn in Wahrheit ist die Stadt so arm, dass es seine Armut nicht einmal vor dem flüchtigen Besucher verbergen kann. Stinkende Abwässer überschwemmen die Strassen, an den Fassaden blättert die Farbe ab und in dunklen, staubigen Werkstätten quälen sich Arbeiter für einen Hungerlohn durch den Tag. Das Öl von Baba Gur Gur hat immer anderen Glück gebracht, dem Herren von Bagdad, der damit seine gewaltige Kriegsapparat finanzierte, seine Paläste und seinen Grössenwahn; den Herren in den Weltkonzernen, die mit diesem Öl die Maschinen der Industrienationen am Laufen hielten.Ein wenig Glück hat es auch Aischa gebracht, eine Arbeit in der Ölgesellschaft, ein sicherer Posten."Ich bin in dieser Stadt aufgewachsen. Aber irgendwie ist sie mir doch fremd geblieben. Immer lag etwas Feindliches in der Luft", das sagt Aischa heute, wo sie sich kaum mehr aus dem Haus traut.Wenige Tage nachdem sie an ihrem Arbeitsplatz gewesen war, hatte sie ein Mann mit einer Pistole bedroht und ihr gesagt, sie solle in den bereitstehenden Wagen einsteigen. Das geschah bei Tag. Keiner der vielen Passanten griff ein. Aischa reagierte geistesgegenwärtig. Sie lief einfach weg, in der Hoffnung, dass der Mann nicht schießen würde. Er schoss nicht.Seither ging sie nur mehr sehr selten aus dem Haus, in Begleitung ihres Bruders, dem es aber nicht ganz gelang, seine eigene Besorgnis zu verbergen. Aischa hörte auch, dass viele Araber Kirkuk verließen; dass Kurden herumgingen und sich bei den arabischen Mitbewohner erkundigten, ob sie ihr Haus nicht verkaufen wollten, ob sie nicht, jetzt wo "Ihr Saddam" sie nicht mehr schützen könne, überlegten, zurückzukehren in ihre Geburtsorte, nach Falludscha, nach Bagdad, nach Khalidiya."Ihre Heimat", was sollte das sein? Aischa wusste es nicht. Die "Angebote" dieser Kurden verstand sie als offene Drohung. Sie wollte ihr nicht weichen, wohin sollte sie denn auch gehen? Kirkuk war doch ihre Stadt.Gerüchte drangen in das Haus Aischas, wonach Islamisten mehr und mehr das Stadtbild bestimmten. Frauen sollten Schleier tragen, hieß es. Aischa hatte nie in ihrem Leben einen Schleier getragen, keine ihrer Kolleginnen bei der Arbeit hatte das je getan. Den Schleierzwang von dem sie hörte empfand sie als Freiheitsverlust, als Einschränkung und vor allem als Vorbote für eine schlimme, eine schwere Zukunft.Eines Tages kam dann die Nachricht, die sie überzeugte, dass die Zeiten Saddams besser gewesen waren; eine Nachricht, die sie in die Hände des Diktators Saddam trieb: 1997 hatten drei Männer aus Kirkuk ein neunjähriges Mädchen entführt, vergewaltigt und ermordet. Nach der Tat waren die drei geschnappt worden. Ohne großes Federlesen verurteilte das Gericht sie zum Tod. Die Hinrichtung fand unmittelbar nach dem Urteil statt. "Sie haben das verdient", sagt Aischa. Und jetzt waren diese Mörder die rehabilitiert worden. "Opfer der Diktatur!", sagte Aischa empört, "Kindermörder als Opfer der Diktatur!"Sie konnte nicht genau sagen, ob diese Nachricht der Wahrheit entsprach. Das interessierte sie auch nicht. Was sie gehörte hatte, passte für sie in die neuen Zeiten in der jeder als Gegner Saddams galt, wenn er nur unter seinem Galgen zu Tode gekommen war.Am Abend desselben Tages strahlte der arabische TV-Sender Al Dschasira eine Tonbandnachricht des flüchtigen Diktators aus. Saddams Bild blieb minutenlang auf dem Bildschirm, während seine rollende, krächzende Stimme, die Irakis zum Widerstand gegen die Besatzer aufrief. Aischa betrachtete das Gesicht, die hängenden Backen, den Schnauzbart, die Augen, die sie nicht recht zu lesen verstand. Sie war ganz eingenommen von Saddams Erscheinung, und nahm seine Botschaft nur als Nebengeräusch war. Als das Bild endlich vom Schirm verschwand, liefen ihr Tränen übers Gesicht. "Ja", sagt sie ohne Scham, "ich habe geweint. Ich habe um ihn geweint, weil er ein starker arabischer Mann ist. Wir brauchen einen starken arabischen Mann!"