Die düsteren Endzeitprognosen, die vor dem Labourkongress in den Medien kursierten, erwiesen sich als falsch, zumindest als sehr voreilig. Wie so oft zuvor. Blair kam, sprach und siegte. Schon vor seiner Rede wurde der Premier von den Delegierten minutenlang mit einer "standing ovation" gefeiert. Es war fast so, als ob sich die Partei, ungeachtet des Zornes einer beachtlichen Minderheit wegen des Irakkrieges, dazu entschlossen hatte, die Presse zu widerlegen. Andrew Marr, Chefredakteur der BBC, konstatierte denn auch völlig zu Recht: Blair 1, Medien 0. Die Labourparty scheint die Lektionen der Vergangenheit beherzigt zu haben. Früher zerfleischte sich die Partei, bezichtigte ihre eigenen Regierungen regelmäßig des Verrates, die mehrheitlich konservative Presse schwelgte angesichts der inneren Zerrissenheit von Labour, die Wähler wandten sich ab, die Partei schlitterte unaufhaltsam in lange, trostlose Jahre der Opposition hinein. Es schien kaum notwendig, dass Tony Blair die Delegierten daran erinnerte, Labour müsse bei der nächsten Wahl nicht mit der harten Linken, sondern mit der politischen Rechten, mit den Konservativen, um Stimmen konkurrieren. Eine deutliche Mehrheit der Partei zieht nach wie vor die Gestaltungsmöglichkeiten der Regierung den harten Bänken der Opposition vor, auf denen man die reine Lehre hochhalten, aber nichts bewegen kann. Zugleich heißt das zwangsläufig, dass man auch in Zukunft einige unangenehme Kröten wird schlucken müssen.Denn Blair dachte nicht daran, seiner Partei viele Zugeständnisse zu machen. Ein bisschen Demut, ein Hauch von Einsicht, dass er vielleicht zuviel von oben herab diktiert und zu wenig zugehört habe. Das war es denn auch schon. Ansonsten ließ er, fast im Stil einer Margaret Thatcher, keinen Zweifel daran aufkommen, dass er alleine die Richtung bestimmt und dass es auch künftig nur nach vorne geht. Einen Rückwärtsgang kenne er nicht. Er zielte damit allen voran auf die Reformen in Gesundheitswesen und Bildungssektor, die den Traditionalisten und Gewerkschaften solche Bauchschmerzen bereiten. Hospitäler werden mehr Unabhängigkeit erhalten und nicht länger von London aus ferngesteuert, Universitäten dürfen höhere Studiengebühren erheben, um ihre Finanzlage zu verbessern. Was angesichts ständig steigender Studentenzahlen dringend notwendig ist.Auch beim heiklen Thema Irakkrieg machte Blair keinen Rückzieher. Er wisse, das seine Entscheidung für den Waffengang Nation, Partei und Familien tief gespalten habe. Doch würde er heute erneut die gleiche Entscheidung treffen. Ohne Saddam Hussein sei der Irak ein "besseres Land". Nun gelte es alle Kräfte auf die Gestaltung des Friedens zu konzentrieren. Die Gegner seiner Irakpolitik vernahmen es mit Ingrimm. In der Debatte am Mittwoch Nachmittag entlud sich noch einmal ihr ganzer Zorn. Eine Minderheit wird dem Premier den Krieg niemals verzeihen. Doch die Wirkung ihres Protestes bleibt beschränkt. Die Prioritäten von Parteivolk und Wählern liegen woanders. Das belegen alle Umfragen, die für Blair und seine Regierung derzeit alles andere als erfreulich ausfallen. Die Wähler sorgen sich um die wachsende Steuerlast, um Gesundheits-, Bildungs- und Verkehrswesen. In ihren Augen verdient die Blairregierung ein klares Plus nur für das Management der Ökonomie. Auf allen anderen Feldern muss die Regierung in den nächsten zwei Jahren handfeste Verbesserungen vorweisen, soll der historische dritte Wahlsieg gelingen, den Blair anstrebt.Der Premier nutzte den Parteikongress in Bournemouth, seine Partei auf anderes Ungemach vorzubereiten. Seine Äußerungen zu Asyl und Einwanderung waren knallhart: es müsse Schluss sein mit den juristischen Kniffen, mit denen clevere Anwälte die Ausweisung abgelehnter Asylbewerber endlos verzögern, auch würden künftig Asylbewerber aus demokratischen Ländern gleich an der Grenze zurückgeschickt. David Bluncket, der Schily der Blairregierung, zeigte sich hocherfreut. Der Beifall im Saal war mehr als gedämpft. Auch Blairs deutliches Plädoyer für die Einführung von Identity Cards, von Personalausweisen, "um Bürgerfreiheiten im 21. Jahrhundert zu bewahren", stieß auf wenig Begeisterung. Hinter diesen Initiativen steckt die Sorge der Regierung vor "angry white man", den zornigen Männern aus der weißen Arbeiterklasse. Angesichts des wachsenden Zustroms von Asylanten, wirtschaftlichen Flüchtlingen und illegalen Einwanderern – nach offiziellen Schätzungen liegt die Gesamtzahl bei 200 000 bis 250 000 pro Jahr – drohen diese Stammwähler Labours nach rechts abzuwandern, entweder zu den Tories oder gleich zu den Extremisten der British National Party. Dem wird die Regierung versuchen, einen Riegel vorzuschieben. Der Konflikt mit einem Teil der eigenen Partei ist damit auch hier vorprogrammiert.Tony Blair stehen also unruhige, möglicherweise stürmische Zeiten bevor. Erst recht dann, wenn sich die Situation im Irak nicht merklich verbessern, der Blutzoll britischer Truppen wachsen und sich kein Hinweis auf die Massenvernichtungswaffen des Saddam Hussein finden sollte. Auch steht im Dezember der Abschlussbericht von Lord Hutton über das Waffendossier und den Tod des Experten David Kelly an. Doch vorerst sitzt Blair fest im Sattel. Es ist schwer, einen britischen Premier und Parteiführer zu stürzen. In der Fraktion des Unterhauses gibt es keine Mehrheit für einen Königsmord, die meisten Mitglieder des Kabinetts wollen um keinen Preis Blair gegen Gordon Brown eintauschen. Der mächtige Schatzkanzler hat ihnen bereits als Kontrollbesessener Überminister das Leben schwer genug gemacht. Brown selbst weiß, dass er nicht den Dolchstoß führen darf. Wer immer das tat, scheiterte bislang stets bei dem Versuch, anschließend selbst den Thron zu besteigen.Dass Brown stärker denn je auf den Spitzenjob drängt, weiß man nicht erst seit seiner fulminanten Rede am ersten Tag dieses Parteikongresses. Niemals zuvor ist der langjährige Weggefährte des Premiers so deutlich auf Distanz zu Blair gegangen. Er empfahl sich als Mann der Partei, sprach von Herz und Seele Labours und der Pflicht, die alten Werte hochzuhalten. Kein einziges Mal nahm Gordon Brown das Wort New Labour in den Mund, wohl aber sprach er 64 Mal von Labour. ‚Ich stehe bereit, die Führung zu übernehmen‘ - jedermann verstand die Botschaft, nicht zuletzt Tony Blair. Der Premier zahlte mit gleicher Münze zurück. Niemals zuvor hatte es Blair in 10 Parteitagsreden versäumt, seinen "eisernen Kanzler" in den höchsten Tönen zu loben. Diesmal nahm der Regierungschef die ökonomische und gesellschaftspolitische Erfolgsbilanz der vergangenen 6 ½ Jahre allein für sich in Anspruch. Gordon Brown gelang es nicht immer, lächelnde Miene während dieser Blairrede zu machen. Was am Mittwoch auf den Frontseiten der britischen Presse genüsslich im Bild dokumentiert wurde.Der versteckte Machtkampf zwischen Premier und Schatzkanzler wird weitergehen. Die letzte Etappe konnte Blair für sich verbuchen. Seine Lust an der Macht scheint ungebrochen. Fast wirkt es, als werde er durch Widerspruch und Unpopularität geradezu beflügelt. Auf dem Kontinent gaben sich in diesem Jahr erhebliche Teile der politischen und publizistischen Klassen der gar nicht immer klammheimlichen Hoffnung hin, Tony Blair werde das Jahr 2003 politisch nicht überleben. Dies können sie sich abschminken. Auf geraume Zeit noch werden sie es mit diesem britischen Regierungschef zu tun haben, der den meisten von ihnen gelegentlich schon einmal auf die Nerven gegangen sein dürfte. Sein Selbst- und Sendungsbewusstsein ist ungebrochen.Originalfassung der Rede von Tony Blair auf dem Parteitag in Bournemouth