Auch in der Union gärt es, seitdem die Vorschläge der "Herzog-Kommission" auf dem Tisch liegen. Das Bemerkenswerte dabei: Lauter noch als der Streit zwischen den Lagern ist nun der Streit innerhalb der Lager. Zwar kämpft die SPD, zwar kämpft die rot-grüne Koalition gerade um ihre eigene Mehrheit – aber mindestens ebenso heftig kämpft die Union um ihre eigene Meinung.Und zwar so, als habe die eigene Kommission, die immerhin unter dem Vorsitz eines vormaligen, von der CDU gestellten Bundespräsidenten tagte, sich eines regelrechten Sakrilegs schuldig gemacht. "Selten hat mich etwas so schockiert wie diese Vorschläge", rügt der stellvertretende CSU-Vorsitzende Horst Seehofer. Das klingt ja gerade so, als stehe er dem linken Flügel der SPD näher als seiner eigenen Union.In der Tat wird hier aber ein Grundmuster der Politik sichtbar. So schön die Demokratie ist und so schön satte Mehrheiten sein mögen – von einer gewissen Größe an, werden Mehrheiten selber zum Problem. Und an diesem Problem wird die CSU – und wird damit auch die Schwesterpartei CDU zu laborieren haben. Der CSU-Erfolg vor zwei Wochen (immerhin über 60 Prozent der Stimmen bei der bayerischen Landtagswahl) konnte eigentlich nur zustande kommen, weil die CSU (fast) schon nicht mehr eine Partei ist, sondern eine Art populistisches Gesamtkunstwerk, in dem Laptop und Lederhose, in dem Tradition und Moderne ein regelrechte Legierung eingegangen sind. Offenbar geht es in der parlamentarischen Politik nur voran, wenn die einzelnen Parteien nicht zu groß sind, und wenn diese Parteien nicht – wie die CSU – im Grunde alles zusammenbinden und –halten müssen: Vom stockkatholischen Bauern bis zum lebenslustigen Fließbandarbeiter, der woanders, wo das Wetter und das Leben nicht so schön sind und die "Sozis" nicht so traurig, glatt die SPD wählen könnte. Ja, die CSU ist in gewisser Weise beides – eine ländlich-konservative und zugleich "sozialdemokratische" Partei. Anders kommt man eben selbst in Bayern nicht auf 60 Prozent.Hat man aber erst einmal so viele Interessen zusammengebunden und so viele Wähleranteile gewonnen, wird man überaus scheu gegenüber Veränderungen. Um es einmal so zu sagen: Man verliert eher als eine Partei von 39 Prozent zwei Prozent als dass eine Partei, die über sechzig Prozent gestiegen ist, jemals unter diese magische Marke fallen möchte. Der Erfolg kann an sich selber ersticken.Daher die wütende Reaktion auf die Vorschläge der Herzog-Kommission. Daher aber auch die Notwendigkeit, mit solchen Kommissionen die Diskussion wieder aufzubrechen, die sonst unter der Parole "möglichst alles für alle" vollkommen einschlafen würde.Gustav Radbruch, der nur kurz amtierende, aber bedeutende Justizminister der Weimarer Republik hat einmal gesagt, regieren heiße Stimmen verlieren. Wer immer nur immer mehr gewinnen will, kann am Ende nicht mehr regieren.