Deutschland ohne die Sozialdemokratie, das klingt fast wie die Schweiz ohne Berge. Die SPD ist nicht nur die älteste, sie ist auch die deutscheste aller deutschen Parteien. Mögen die Christdemokraten auch immer feste die Keule nationaler Rhetorik geschwungen haben, in Wirklichkeit setzten sie nach 1945 eine eindeutige Priorität: Westbindung vor Einheit. Die SPD dagegen hat jederzeit vor allem den Zusammenhalt der Deutschen im Auge gehabt. In den fünfziger und frühen 60er Jahren donnerte sie: "Dreigeteilt? Niemals!" (der dritte Teil waren die ehemaligen deutschen Ostgebiete in Polen und Russland) und zieh die Konservativen ob ihrer Amerikahörigkeit der nationalen Unzuverlässigkeit. Auch die Entspannungspolitik hat die Sozialdemokratie vor allem aus deutschem Patriotismus betrieben, und nicht, wie uns Helmut Kohl glauben machen wollte, aus nationaler Seinsvergessenheit. Zugegeben, der jüngeren Generation, darunter auch Gerhard Schröder, war die deutsche Frage im Laufe der siebziger und achtziger Jahre aus dem Blick, aus Herz und Verstand geraten. Aber es kam ja rechtzeitig die Wiedervereinigung, um die deutsche Seele zu retten. Bezeichnenderweise sind es jetzt Schröder und seine Regierung, die Gefallen daran gefunden haben, hin und wieder mit dem "neuen deutschen Selbstbewusstsein" zu protzen. Als eine "Neue Rechte" vor zehn Jahren die "selbstbewusste Nation" forderte, erntete sie nur verächtliches Achselzucken. In Deutschland darf nur eine Kraft nationale Gefühlsaufwallungen anstacheln und ausnutzen, und das ist die Sozialdemokratie.Denn die SPD verkörpert in Deutschland das schlechthin Unverdächtige, sie ist die parteigewordene gute Absicht. Niemand traut ihr, dieser von Nazis und Kommunisten schwerstens attackierten Insel der Demokratie inmitten der deutschen totalitären Unheilsfluten des 20. Jahrhunderts, ernsthaft zu, irgendetwas Irrationales anzetteln zu wollen. Dafür verzieh man ihr auch immer, dass sie eine stockautoritäre Partei ist; Parteisoldatendisziplin ist ihr ebenso im Innersten eingeschrieben wie die Überzeugung, rückständige Schichten der Bevölkerung müssten durch staatliche Maßnahmen notfalls zu ihrem Glück gezwungen werden. Schröders und Münteferings Drohungen gegen Abweichler sind deshalb gar nichts Ungewöhnliches für die Geschichte der Sozialdemokratie, neu ist nur der Anflug von Verzweiflung, der in ihnen mitschwingt. Denn die Parteiführung droht diesmal nicht nur den eigenen Funktionsträgern, sondern der ganzen Bevölkerung. Wenn ihr die von uns auf den Weg gebrachten schmerzhaften Reformen jetzt nicht mittragt, lautet die Botschaft, werdet ihr einen katastrophalen Zusammenbruch unseres Wohlstandsstaats erleben. Eine SPD, die den Teufel an die Wand malt, die das Vertrauen in eine stets lichter werdende Zukunft verloren hat, eine Blut-Schweiß- und Tränen-SPD – das ist nicht mehr die Sozialdemokratie, wie wir sie kannten.Denn die Sozialdemokratie hatte sich deshalb so tief in das deutsche Gemüt gegraben, weil sie dessen Sehnsucht nach harmonischer Vereinigung der Gegensätze stets so trefflich auf den Punkt bringen konnte. In der sozialdemokratischen Programmatik ließ sich alles miteinander vereinbaren: Fürsorge für die Schwächsten der Gesellschaft und Aufstiegsmöglichkeiten für jeden, wissenschaftlich-technischer Fortschritt und Kleingärtneridylle, Nationalstolz und Internationalismus, Arbeitertraditions–Vereinsmeierei und kosmopolitische Schriftstellerkongess-Atmosphäre, Filzpantoffelmief und große, weite geistige Welt. Die SPD war Heimeligkeit und Aufbruch, Sentimentalität und Realismus, Romantik und Rationalismus, Loreley und Faust in einem. "Modell Deutschland" lautete der SPD-Wahlkampfslogan 1976, und die siebziger Jahre waren in der Tat das Goldene Zeitalter des Wohlfahrtsstaats Bundesrepublik. Nach dem Wirtschaftswunder war nun auch das soziale Sicherungssystem perfektioniert worden, und dafür stand die SPD. Das "Modell Deutschland" war das Modell Sozialdemokratie, und die CDU hat sich danach nur so lange an der Macht halten können, weil sie das sozialdemokratische Erfolgsrezept weitgehend kopierte.Doch nur der SPD ist seit 150 Jahren das Kunststück gelungen, Mobilisierungs- und Eindämmungspartei zugleich zu sein. Sie schaffte es, Kampfgeist und Veränderungsdrang der Unterprivilegierten zu wecken und ihn im gleichen Atemzug in ruhige, kontrollierte Bahnen zu lenken. Zwar hatte die SPD immer einen linken Flügel, der ihre kämpferische Rhetorik für bare Münze nahm, doch das beruhte stets auf einem Missverständnis. Die SPD war für die Unterprivilegierten, bald aber auch für die Mittelschichten, gerade deshalb so attraktiv, weil man von ihr etwas bekam, ohne dass man dafür sein Blut oder auch nur seinen schon erreichten Besitzstand riskieren und sich auf den Barrikaden die Kugeln um die Ohren fliegen lassen musste. Die SPD war immer die Partei der garantierten Sicherheit, eine im Kern konservative Partei, genauer: eine Partei des kontrollierten, gebremsten Fortschritts, die sich im Zweifelsfalle für die Aufrechterhaltung der Ordnung und die Bewahrung des bereits Erreichten entschieden hat, und die nichts so sehr fürchtete wie entfesselte politische Leidenschaft. Ein Linksruck scheidet daher als Lösung für die gegenwärtige Identitätskrise der Partei aus, denn nach links ist die SPD in ihrer Geschichte allenfalls kurzfristig gerückt, wenn es am linken Rand etwas Substanzielles zu integrieren gab. Da ist aber derzeit nichts. Im Kern jedoch war die Sozialdemokratie im Sinne reiner Lehren nie eine "linke" Partei, sondern immer die Partei der goldenen Mitte.Nur einmal hat diese Orientierung auf den schleichenden Fortschritt in Sicherheit versagt: vor der unintegrierbaren Gewalt des Nationalsozialismus. Jetzt aber stößt sie einmal mehr und aus ganz anderen Gründen an ihre Grenzen. Es ist sicher nicht das erste Mal, dass die Sozialdemokratie der Gesellschaft Opfer abverlangt, aber dieses Mal kann sie nicht überzeugend sagen, welche Verbesserungen für alle am Ende der Talsohle temporären Verzichts winken. Denn der Sozialdemokratie ist die Gewissheit abhanden gekommen, dass sie bei allen historischen Rückschlägen auf der Hauptwelle des historischen Stroms schwimmt, der selbstredend in immer lichtere Höhen der Aufklärung und Gerechtigkeit führte. Die Vehemenz, mit der sich Parteilinke, aber auch gemäßigte Traditionalisten gegen die Streichung des Fernziels "demokratischer Sozialismus" aus dem Parteiprogramm wehren, bringt symbolisch zum Ausdruck, wie schmerzlich diese Einsicht ist. Wenn diese offensichtlich anachronistisch gewordene Zukunftsformel fallen gelassen wird, steht die Sozialdemokratie erstmals in ihrer Geschichte ohne ein transzendentes Fernziel jenseits der mühevollen Kleinarbeit im unvollkommenen demokratischen Alltag da. Es verschwindet der letzte Rest der Eschatologie, der in der Partei von ihrem Ursprung her, aus der sozialistisch-marxistischen Geschichtsreligion nachklang hatte. Sie hat den Lauf der Geschichte, die geschichtliche Gesetzlichkeit, nicht mehr als Bürgen in der Hinterhand. Sie steht dann wie alle anderen Parteien nur noch auf dem Boden der diesseitigen Tatsachen, mit Vorschlägen, die durchgesetzt oder verworfenen werden können, eine ganz normale Trial-and-Error-Partei im Labyrinth postmoderner Unübersichtlichkeit.Schröder und sein Führungsstil sind somit nicht die Ursache für die Identitätsprobleme der Partei, aber Schröder ist gewissermaßen ihre Schicksalsfigur. Nur durch seinen charismatischen Machtinstinkt und seine populistisch-machiavellistische Wendigkeit war es möglich, eine Partei an der Macht zu halten, die weltanschaulich und psychisch auf das Regieren in harten Zeiten des Sozialabbaus nicht vorbereitet war. Der Preis für seine unverzichtbare Dienstleistung war, dass sich die Partei von ihm mit kalter Verachtung behandeln lassen musste, gilt sie ihm doch vor allem als Klotz am Bein und potenzieller Störfaktor für sein pragmatisches Lavieren. Sein Versuch, ihr jetzt mitten im Handgemenge ein programmatisch-philosophisches Korsett zu schneidern, das seinen Ultrapragmatismus auch ideologisch absichert, wirkt deshalb auf das Parteivolk zusätzlich demoralisierend. Die Freiheit soll jetzt laut Schröder und seinem Sprachrohr Scholz der erste Wert der Sozialdemokratie sein, aus dem alle anderen folgen, aus dem Wert der "Gerechtigkeit" soll kein Absicherungsanspruch mehr abzuleiten sein, sondern nur noch die Chance, auf dem freien Markt der Konkurrenzgesellschaft mithalten zu können. Die Parteilinken haben schon Recht, wenn sie fragen, was daran noch sozialdemokratisch sein soll. Es ist liberale Weltanschauung, die hier in sozialdemokratische Zusammenhänge übersetzt werden soll – zu durchschaubar, als dass es im sozialdemokratischen Milieu unbemerkt bleiben könnte.Als psychologischer Tiefschlag für das sozialdemokratische Milieu wirkt nicht zuletzt, dass ihr die Notwendigkeit der Reformen in der Form einer Kapitulationserklärung präsentiert wird. Die "Globalisierung" sei es, die die Parteiführung zu den sozialen Einschnitten nötige – handele man nicht jetzt in ihrem Sinne, so heißt es, werde die Globalisierung im Selbstlauf noch viel schlimmere Verwüstungen im deutschen Wohlfahrtsstaat anrichten. "Globalisierung" aber ist nichts anderes als die moderne Umschreibung von "Kapitalismus". Nun ist die SPD schon längst keine antikapitalistische Partei mehr, aber sie hat den Kapitalismus innerlich auch nie vollständig akzeptiert. Er war für sie traditionell die Kuh, die es zu melken galt, um daraus die Milch der frommen sozialen Denkungsart zu gewinnen; die Sozialdemokratie zog ihren ganzen Stolz daraus, das Raubtier Kapitalismus zum häuslichen Nutztier domestiziert zu haben, das die Mittel zur Formung des Sozialstaats bereitstellt. Jetzt aber zeigt die Kreatur wieder ihre Krallen, und die SPD-Führung gesteht offiziell ein, dass sie über keine Werkzeuge mehr verfügt, sie ihm wieder zu stutzen.Einfach zu Grunde gehen wird eine SPD, die im Kapitalismus angekommen ist, wohl nicht. Aber mit ihrem Transformationsprozess in eine normale linksbürgerliche Reformpartei ohne geschichtsphilosophisches Jenseits wird ein großes Stück Nachkriegsdeutschland dahingehen: der Traum von einer konfliktbereinigten und doch leistungsfähigen Gesellschaft der sozialen Wärme. Vielleicht wird die Entzauberung der SPD einst sogar als der eigentliche große Einschnitt in der deutschen Geschichte nach 1990 angesehen werden. Ein kleines Tränchen wird man darüber schon verdrücken dürfen, denn auch wer die Sozialdemokratie nie besonders mochte, hat ihr doch einiges zu verdanken. Zuschriften bitte an herzinger@zeit.de