Irgendein, vielleicht sogar mehrere Mitarbeiter im Weißen Haus haben eine Straftat begangen. Zwischen dem 7. und dem 13. Juli dieses Jahres riefen, wie die Washington Post berichtet, "hohe Regierungsmitglieder" in mindestens sechs Zeitungsredaktionen an. Für das, was sie den Journalisten sagten, droht gegen das "Gesetz zum Schutz von Geheimdienstmitarbeitern" bis zu zehn Jahren Haft an. Valerie Plame, die Frau des Karrierediplomaten Joseph C. Wilson, steckten die unbekannten Quellen den Redakteuren, sei Agentin der CIA.

Plames Ehemann war im Februar nach Niger geschickt worden, um herauszufinden, was an den Berichten über angebliche Uran-Exporte in den Irak dran sei. Nachdem Wilson zurückgekehrt war, wandte er sich an die Öffentlichkeit. An den Berichten sei nichts dran, erklärte er. Er selber habe den Präsidenten vor der Behauptung einer Atom-Connection zwischen Niger und Irak gewarnt. Gleichwohl habe die Regierung Geheimdienstinformationen "verbogen, um die irakische Bedrohung zu übertreiben". Es war ein herber Schlag für George Bushs engagierte Kriegswerbung.

Jetzt also soll das Weiße Haus zurückgeschlagen haben. Die Enttarnung von Wilsons Frau als Racheakt für dessen mangelnde Loyalität? Eine Washingtoner Variante des Falles David Kelly? Bringt das Leck das Weiße Haus in Seenot? Muss jetzt auch Bush zittern? Wahrscheinlich nicht.

Warum?

Gut, im Weißen Haus ermitteln jetzt FBI-Beamte – das haben sie noch nicht einmal wegen Monica Lewinsky getan. Andererseits: Warum sollte George Bush ein Interesse daran haben, Valerie Plame enttarnen zu lassen? In Washington heißt es, mit diesem Schachzug habe Wilson unglaubwürdig gemacht werden sollen. Man hätte die Sache so darstellen wollen, dass Wilson den Niger-Job nur seiner Frau verdankte, die eine Expertin für Massenvernichtungswaffen ist. Aber warum sollte, selbst wenn es so gewesen wäre, dieser Umstand Wilson unglaubwürdig machen? Zudem: Die Welt hatte ihm längst geglaubt, Bush war längst der Übertreibung überführt, als die Verräter zuschlugen. Wenn das Rache sein soll, haben die Rächer reichlich kurz gedacht.

Warum, als nächstes, soll es auf Bush zurückfallen, dass einer seiner Mitarbeiter ohne sein Wissen eine Agentin enttarnt? Ebenso gut könnte man den Präsidenten vor Gericht zerren, wenn seine Berater, sagen wir, ihrer Unterhaltspflicht nicht nachkommen.

Außerdem, warum ist die Nachricht erst mit dreimonatiger Verzögerung eingeschlagen? Seitdem die Washington Post am 14. Juli über Plames Enttarnung berichtete, war doch klar, dass sich irgendwer im Weißen Haus kriminell und skrupellos verhielt. Erst als CIA-Chef George Tenet beim Justizministerium anfragte, die Angelegenheit zu untersuchen, geriet die Geschichte zum Aufreger. Unverständlicherweise. Was soll man denn anderes von einem Dienstherrn erwarten, als für Aufklärung zu sorgen, wenn einer seiner Mitarbeiterinnen Unrecht geschieht? Was hat das mit George Bush zu tun?