Kann eine ganze Nation verdummen? Nicht ohne Fassungslosigkeit vernimmt man, dass der deutsche Buchhandel auch zu dieser Frankfurter Messe wieder alle wirtschaftliche Hoffnung auf ein Klatsch-und-Tratsch-Buch von Dieter Bohlen setzt. Die deutschen Verleger und Händler selbst scheinen leicht schockiert, dass es keine klassischen Trivialromane oder Ratgeber mehr sind, von denen der erlösende Umsatzschub ausgeht, sondern ein Gegenstand noch unterhalb der Schundgrenze.

Die Geständnisse, Bosheiten, Bettgeschichten eines alternden Schlagerstars, einschließlich der begleitenden Rechtshändel und Enthüllungen gekränkter Sternchen am Rande, sind offenbar das einzig noch geeignete Material, mit dem Menschen, die sonst wenig lesen, zum Besuch einer Buchhandlung gebracht werden können. Die Stiftung Lesen, anstatt weiterhin zur Nutzung altertümlicher Literatur aufzurufen, sollte Dieter Bohlen zu ihrem Herold erklären.

Das heißt nichts anderes, als dass Fernsehen und Boulevardblätter die Führung der Öffentlichkeit übernommen haben und das Buch vergleichbare Breitenwirkung nur mehr erwarten kann, wenn es sich in die Verwertungskette des inszenierten Prominentenklatsches einfügt. Denn natürlich ist das Interesse an den Bohlens oder Naddels dieser Welt alles andere als naturwüchsig, es wird vielmehr in enger Verzahnung von Regenbogenpresse und Unterhaltungsfernsehen, mit viel Geld und wahrscheinlich unter Schweiß und Tränen mühsam hergestellt. Es ist eine überaus tüchtig-zynische Industrie, an deren Erfolg nun auch die Büchermacher teilhaben; wahrscheinlich, weil sie sich daran erinnerten, dass Papier mindestens so geduldig wie ein Fernsehkanal sein kann.

Was also gibt es zu bedauern? Nicht über die treuherzige Gewinnmitnahme der Verleger und Buchhändler ist zu klagen, sondern über die Besetzung der Öffentlichkeit mit Themen, die in niemandes Interesse sind, weder das Denken beflügeln noch das Land aus seinen Blockaden lösen. Im Gegenteil.

Der amerikanische Medienkritiker Neil Postman, der 1985 die Buchmesse mit einer beachtlichen Rede eröffnete und am Sonntag gestorben ist, könnte sich bitter bestätigt fühlen. "Wir amüsieren uns zu Tode", lautete damals seine zentrale, später zum folgenlosen Schlagwort verkommene These. Aber in der Tat: Gerade die vollkommene Harmlosigkeit des boulevardesken Amüsierbetriebes macht diesen so tödlich. Er raubt Zeit und Aufmerksamkeit für die wichtigeren Dinge des Lebens, verdrängt die Informationen über entscheidende politische Ereignisse, lenkt ab in den reinen Blödsinn. Eine Nation lässt sich nicht über Nacht verdummen, wohl aber die öffentliche Sphäre, in der sie ihre Zukunftsfragen erörtern müsste.

Dieter Bohlens Leser wissen gut, dass sie nichts als unterhaltsamen, vulgären Unfug vor sich haben; und an der Freude daran ist nichts Bedenkliches. Aber wenn einmal derlei Unbedenklichkeiten zur grellen Botschaft werden, die von allen Medien gleichzeitig ausgesendet wird und den höchsten Erregungsgrad über das Allernichtigste verspricht – und sei es das Geschlechtsleben eines singenden Toren –, dann könnte daraus ein politisches Problem entstehen.

Ein Bohlen folgt dem anderen

Die Infantilisierung der Gesellschaft war eine andere, nicht weniger zentrale These Postmans. Demokratie braucht den mündigen Bürger; der infantil gehaltene, von aller Politik abgelenkte Bürger taugt nur für Diktaturen. Die Wertschätzung des Populären, wie man sie aus dem Erfolg Dieter Bohlens auch herauslesen kann, lässt sich vielleicht mit etwas Naivität als demokratische Tugend verstehen; es wäre dann aber eine Tugend, an der die Demokratie genauso gut zugrunde gehen kann. Zu welchen Mitteln werden Politiker (schlimmer noch: andere Autoren) greifen, die glauben, um überhaupt noch Aufmerksamkeit zu gewinnen, mit dem Typus Bohlen konkurrieren zu müssen? Aufmerksamkeit ist eine knappe Ressource. Wie simpel werden Parteien ihre Botschaften formulieren, die begriffen haben, dass nur das Simpelste noch vernommen wird?