ZEIT-Geschichte Fast eine FreundschaftSeite 4/4
Die Gräfin gab es Bucerius in gleicher Münze zurück. „Man kann auch anders – nur ich nicht und in ihrer Majorität die Redaktion auch nicht“, schrieb sie 1969. Viele ähnliche Sätze folgten, in denen sie in der einen oder anderen Kontroverse die „Konsequenz“ androhte, „meinen Schreibtisch zu räumen“. Einmal formulierte sie: „Da … ich aber aus Ihrem Brief ersehe, daß Sie mit mir nicht länger zusammen arbeiten wollen, schlage ich vor, daß ich am 1. Mai ausscheide.“
Doch zum Bruch kam es nie. Diese Dauerhaftigkeit, Treue, verdankt sich sicherlich Bucerius’ Fähigkeit, bei aller Unbedingtheit seiner Kritik doch auch wieder zurückstecken zu können; erzliberal, wiewohl zähneknirschend fügte sich der Eigentümer immer wieder in den Konsens der Redaktion. Und nicht zuletzt verdankte sich diese Unverbrüchlichkeit der rührenden Fürsorge, die Bucerius der Gräfin über die Jahrzehnte hinweg angedeihen ließ: Übernahme von Krankenhauskosten, ein Schreibtisch als Geschenk, später das Häuschen in Hamburg-Blankenese, mehrfach Tessin-Urlaube und nicht zuletzt hohe Dotationen zu den hohen Geburtstagen.
Der politische Streit blieb davon unberührt. Etliche ihrer Kontroversen fochten sie in öffentlichen Artikel-Duellen aus, 1986 zum Beispiel über Adenauer, Preußen, die Stalin-Note von 1952 und die Politik der Entspannung – „Über den Umgang mit der Geschichte: eine Polemik unter Freunden“, lautete die Unterzeile. Und auch da, wo es weniger um Positionen als um Personen ging, schenkten sich die beiden wahrlich nichts. Immer wieder fallen in ihren Briefen harsche und barsche Urteile über Menschen – sowohl über andere als auch übereinander. „Nach Gutsherrinnenart“ wolle die Gräfin in der ZEIT herrschen, warf er ihr vor, worauf sie erbost zurückdonnerte, sein Herr-im-Hause-Standpunkt nach Art eines „Schlotbarons“ sei unerträglich.
Kein Sinn für stille Intelligenzen
Der quecksilbrige Bucerius liebte extrovertierte Typen. Für stille Intelligenzen hatte er weder Gespür noch Gebrauch; Tiefsinn verwechselte er leicht mit Langeweile. Ebenso wenig lagen ihm Artikel, die nicht seinem eigenen nervösen Duktus entsprachen. Was er gegen sie vorbrachte, war oft nur durch flüchtiges Lesen zu erklären. Einmal entschuldigte er sich bei dem österreichischen Bundeskanzler Bruno Kreisky für einen Artikel mit dem Bemerken, dass er sein Blatt nur noch selten und daher oberflächlich lese. Worauf ihm sein damaliger Chefredakteur schrieb: „Den Verdacht habe ich schon seit einiger Zeit; ein gut Teil Ihrer Kritik ließ sich jedenfalls aus der Lektüre nicht belegen.“
Bei aller Grundsätzlichkeit dachte Bucerius immer taktisch. Über Tricksereien, wie sie einem Winkeladvokaten eher angestanden hätten, war er nicht erhaben. Einmal bestritt er hartnäckig, dass er einen Brief an Axel Springer geschrieben habe. Als er mit dem Text konfrontiert wurde, redete er sich listig auf eine feinsinnige Unterscheidung heraus: „Das war kein Brief, sondern ein Telex!“ Wirkung war ihm wichtiger als Wahrheit, jedenfalls als die volle Wahrheit. Man tat immer gut daran, sich zu vergewissern.
Die spannungsgeladene Symbiose von Gerd Bucerius und Marion Dönhoff ist wohl eine einmalige und unwiederholbare Konstellation gewesen. Für alle, die sie selbst in der Redaktion miterlebt haben, war es eine anregende, erregende, aufregende Erfahrung. Und für viele hunderttausend Leser dieser Zeitung gewiss nicht ohne Gewinn.
Haug von Kuenheim und Theo Sommer (Hsg.): „,Ein wenig betrübt, Ihre Marion‘ – Marion Gräfin Dönhoff und Gerd Bucerius, ein Briefwechsel aus fünf Jahrzehnten“
Siedler Verlag, Berlin, 2003, 304 S., Abb., 22,– Euro
Der Band erscheint in diesen Tagen.
- Datum 09.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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