Ja, kommen Sie. Sie können alles sehen", lud mich die freundliche Stimme am anderen Ende der Leitung ein. Hannelore Marek, die Witwe des Sachbuchautors Kurt W. Marek (1915 bis 1972, bekannt geworden vor allem durch seinen 1949 unter dem Pseudonym C. W. Ceram veröffentlichten Bestseller Götter, Gräber und Gelehrte), versteht die Aufregung um die Authentizität des Buches der Anonyma Eine Frau in Berlin nicht. Die Tagebuchaufzeichnungen vom 20. April bis 22. Juni 1945, in diesem Frühjahr in der Anderen Bibliothek des Eichborn Verlages erschienen, wurden zu einem der größten Bucherfolge der Saison – und dies zu Recht, denn es handelt sich um ein ungewöhnliches zeithistorisches Zeugnis.

Schonungslos, aber ohne jedes Selbstmitleid berichtete die Berlinerin, damals Anfang dreißig, von ihrem Schicksal, das sie mit vielen Frauen am Ende des Zweiten Weltkriegs teilte: der mehrfachen Vergewaltigung durch Soldaten der Roten Armee. "Daß die Schreiberin anonym zu bleiben wünscht, ist wohl jedem Leser begreiflich", heißt es im Vorwort der deutschen Erstausgabe aus dem Jahre 1959, die in dem Genfer Verlag von Helmut Kossodo herauskam und seinerzeit weitgehend unbeachtet blieb.

Vor zwei Wochen fuhr nun der Journalist Jens Bisky auf einer ganzen Seite der Süddeutschen Zeitung schweres Geschütz gegen das Buch auf. Er verband den (offenbar gelungenen) Versuch, die Anonymität der Autorin zu enthüllen, mit einer scharfen Kritik an der schlampigen Edition des Eichborn Verlages. Als zeithistorisches Dokument sei das Werk "wertlos"; es zeuge eher von der "Umtriebigkeit der Herausgeber" – ein Vorwurf, der sich nicht nur gegen Marek richtete, der nach eigenem Zeugnis die Anonyma überredet hatte, ihre Aufzeichnungen zu veröffentlichen, sondern auch gegen Hans Magnus Enzensberger, den Herausgeber der Anderen Bibliothek. Freilich hatte Bisky sich weder darum bemüht, Einblicke in die Manuskripte zu bekommen, noch überhaupt Verbindung mit Hannelore Marek, der literarischen Nachlassverwalterin der Anonyma, aufzunehmen – ein merkwürdiges Verständnis von journalistischer Sorgfaltspflicht. Doch auch Enzensberger hatte von einer textkritischen Prüfung abgesehen und sich allein auf das Wort der Witwe verlassen, dass alles seine Richtigkeit habe.

Bei Eichborn scheint man inzwischen eingesehen zu haben, dass dies ein Fehler war. Denn als ich am vergangenen Sonnabend von Hannelore Marek in den Salon ihrer Wohnung in Hamburg-Winterhude geleitet wurde, saß dort zu meiner Überraschung der Lektor Rainer Wieland, der die Ausgabe betreut hatte. Er hatte offensichtlich inzwischen das Material erstmals gesichtet und bemerkte, dass noch in dieser Woche eine Presseerklärung des Eichborn Verlages zu erwarten sei.

Da lagen sie nun auf dem Tisch griffbereit, die geheimnisumwitterten Manuskripte: das Original-Tagebuch (eine leinengebundene Kladde und zwei Schulhefte) und die Abschrift, welche die Autorin seit Juli 1945 anfertigte (121 eng beschriebene Schreibmaschinenseiten auf vergilbtem Papier). Obendrauf lag die Buchausgabe von 1959 mit den von der Anonyma autorisierten Änderungen. Bereitwillig überreichte mir Frau Marek das Exemplar, und ich konnte mich davon überzeugen, dass es sich hier in der Tat, von wenigen Streichungen abgesehen, um eher geringfügige formale und stilistische Korrekturen handelt. Allerdings wurden diese Änderungen nicht von der Autorin selbst vorgenommen, sondern, wie sich im Gespräch herausstellte, von ihr per Telefon an Frau Marek durchgegeben.

Nun sollte es an die Prüfung der Manuskripte gehen, doch hier stieß ich plötzlich auf eine Mauer der Abwehr. Nein, das sei ganz und gar ausgeschlossen, denn dann würden mir Informationen zugänglich, die Rückschlüsse auf die Identität der Autorin zuließen. Meine Beteuerungen, es ginge mir gar nicht um die Frage der Anonymität, sondern der Authentizität, darum nämlich, an drei, vier Beispielen die Entstehungsgeschichte des Textes und die verschiedenen Stufen der Bearbeitung zu rekonstruieren, fanden kein Gehör. Philologische Akribie sei Sache späterer Historiker, meinte Lektor Wieland, wir müssten uns mit der von der Autorin autorisierten Fassung bescheiden. Punktum.

Warum die Furcht vor unliebsamen Entdeckungen, woher die Scheu, die Dinge offen zu legen? Man kann darüber nur Vermutungen anstellen. Möglicherweise sind die Abweichungen zwischen den Tagebuch-Eintragungen und dem Typoskript der Autorin erheblicher als bisher angenommen. "Dabei wurden aus Stichworten Sätze. Angedeutetes wurde verdeutlicht, Erinnertes eingefügt", so das Vorwort. Ist das alles?

Möglicherweise sind aber auch die Veränderungen zwischen dem Typoskript und der von Marek verantworteten Druckfassung von größerem Gewicht, als bislang versichert wurde. Wurden wirklich nur die Eigennamen und Ortsangaben verschlüsselt? Nach Auskunft seiner Witwe hat Marek überhaupt nicht redigierend in den Text eingegriffen, ihn schon gar nicht bearbeitet, wie Jens Bisky und, ihm folgend, sein Kollege Gustav Seibt unterstellten . Aber mir wurde nicht erlaubt, diese Auskunft zu verifizieren.