Ein Buch! Ein gutes! Bitte!

Junger Mann sucht Lesestoff. Dabei stellt er sich die Frage: Liegt es an ihm oder den Autoren, dass er keines findet?

Es ist ganz einfach. Ich möchte ein gutes Buch lesen. Wieder einmal. Einfach ein gutes Buch, das ich in meine Tasche packe, mit dem ich an den Fluss spaziere, mich irgendwohin setze, in die herbstliche Sonne, die Schwäne ignorierend, die Passanten vergessend, die ganze Welt auch, und dann ein bisschen lese, in dem Buch, dem guten. Aber ich habe kein gutes Buch zur Hand. Es fehlt mir.

Ein gutes Buch, damit meine ich Belletristik. Einen Roman. Eine Geschichte, in der man ein paar Tage wohnen kann, vielleicht sogar über eine Woche; denn manchmal sind Bücher wie Betten: Man möchte die Geschichten nicht mehr verlassen. Sicherlich gibt es auch gute Sachbücher, über Tontauben-Schießen, über 1000 tolle Steuertricks oder warum Männer zu viel reden und Frauen manchmal auch. Das gute Buch aber ist der Roman. Eine Reise darin am besten, ein Jahrhundert oder mehr überspannend oder auch nur ein paar Wochen. Das beste Buch, das ich je gelesen habe, das war Mordecai Richlers Solomon Gursky war hier. Ein Glücksfall, wie auch die zwei anderen Richler, die ich sogleich nach dem ersten verschlang: Wie Barney es sieht und Der Traum des Jakob Hersch. Selten war ich so glücklich wie in der Zeit, die ich in diesen Büchern verbringen durfte. Von Richler kann man nichts mehr erwarten. Er starb vor zwei Jahren. Leider.

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Diese Bücher von Richler aber, die habe ich schon vor drei Jahren gelesen. Eines der drei ist mittlerweile vergriffen. Seither bin ich verzweifelt auf der Suche nach Werken, die jenen das Wasser reichen können, die ebenso viel Spaß und Freude bereiten. Nur selten wurde ich fündig. Denis Johnsons Schon tot, Steve Tesichs Abspann oder Martin Amis’ Gierig kamen dem nahe. Aber nur nahe. Philip Roth’ Sabbaths Theater war eine Offenbarung (obwohl ich anfangs skeptisch war, dass mich das Sexualleben alter Menschen interessieren könnte – es tat’s). Das ist aber auch schon eine Weile her. In letzter Zeit kam mir wenig in die Finger, was mich auch nur irgendwie glücklich machen konnte. Die letzten Roths langweilten mich auf extreme Art, trotz der immer jubelnden Kritik. Bei Der menschliche Makel stieg ich auf Seite 54 aus. Ich war zeitweilig so verzweifelt, dass ich versuchte, mit Jugendlieben wieder anzubändeln, mit Autoren, die mich einst mit dem Lesevirus infiziert hatten. Etwa mit neuen Werken von Irving (Die vierte Hand, eine reine Katastrophe, wie aus dem Textcomputer, erbärmlich, unlesbar), Boyle (seit Riven Rock kann ich seine Bücher nicht mehr lesen, auch nicht sein letztes, Drop City: Am Anfang noch ganz hübsch, dann aber sieht man bald das Flipchart in Boyles Küche, auf dem er den Verlauf der Geschichte in Diagrammen festgehalten hat und steigt erschreckend kalt aus, verlässt das Buch wie eine nie geliebte Beziehung, sagen wir auf Seite 254) oder Murakami (ist wie beim Sushi: Hat man irgendwann ja auch mal genug von).

Ich las Bücher nochmals, aber ein Buch nochmals zu lesen, das kann niemals das gleiche Vergnügen sein, wie ein Buch das erste Mal zu lesen. Und hab ich schon von Denis Johnsons neustem Buch erzählt? Fiskadoro heißt es. Denis Johnson, dessen Schon tot – wie bereits erwähnt – ich so sehr mochte und das zu jenen Dingen gehörte, die ich meinen Freunden eindringlich ans Herz legte wie auch andere Dinge, zum Beispiel mit dem Fahrradfahren anzufangen oder dem Wandern oder dem Fliegenfischen. Meine Güte, als ich die Ankündigung las, dass der neue Johnson bald erscheinen würde, da war ich richtiggehend aufgeregt. Seit ich als Kind bei einem Versandhandel ein Skateboard bestellte und das einfach nicht kam und nicht kam, habe ich auf nichts mehr so sehnlich gewartet wie auf dieses Buch. Ich rief sogar beim Verlag an und bestellte ein Leseexemplar. Und dann kam es. Wäre ich kein Fan von Johnson, ich wäre wohl kaum über den Klappentext hinausgekommen: »Im 21.Jahrhundert, zwei Generationen nach einem Atomkrieg, an den sich nur die Ältesten erinnern, existieren auf den Florida Keys die letzten Reste der Zivilisation, am Leben erhalten durch rührige Menschen wie Mr. Cheung, früher Manager des Sinfonieorchesters von Miami.« Und so weiter. Ich robbte mich am Klappentext vorbei und in das Buch hinein – bis auf Seite 111, wo ich in galliger Enttäuschung liegen blieb.

Wissen Sie: Diese Sätze, diese Urteile, diese Wertungen hier stammen von einem Benutzer, einem Laien, nicht von einem Kritiker oder Fachmann. Ich habe nicht Literatur studiert, und ich schaue mir noch nicht einmal Literatur-Sendungen im Fernsehen an (ich guckte auch nicht, als es dieses Quartett noch gab). Ich treibe mich nicht in Literaturhäusern rum und gehe sehr selten zu Lesungen, da mich sehr schnell das Steißbein schmerzt. Ich bin bloß einer von denen, die Bücher kaufen, weil sie gerne lesen.

Zum Lesen kam ich spät. Ich wuchs in einem Haus auf, in dem es zwei Bücher gab: die Bibel am Kopfende des elterlichen Doppelbettes, die man dazu brauchte, um vierblättrige Kleeblätter zu pressen. Das andere Buch war die Gebrauchsanleitung für den Traktor meines Vaters. Mein erstes Buch war Onkel Toms Hütte. Ich las es nicht zu Ende. Lesen fand ich langweilig. Wirklich angefixt wurde ich viel später, durch Boyle und diese anderen Amerikaner. Und als ich das (leider schmale) Werk von Richard Brautigan entdeckte, da hatte ich das Gefühl, etwas gefunden zu haben. So, als stoße man beim Waldspaziergang unvermittelt auf einen riesengroßen Pilz (mindestens zwei Meter).

Leider muss ich gestehen, dass ich die meisten Bücher nicht gelesen habe, die ich gekauft habe. Angefangen schon. Oh, ich habe viele Bücher zu lesen begonnen. Man könnte ein Haus daraus bauen, einen veritablen Turm. Es ist eine Tatsache: Ich habe fünfmal mehr Bücher gekauft, als ich zu Ende gelesen habe. Zu Ende lese ich nur Bücher, die ich wirklich gut finde. Ich kenne Leute, die müssen ein Buch unbedingt beenden, und sei es noch so schlecht. Mir ist dieser Zwang trotz meiner protestantischen Prägung gänzlich fremd. Und ich bin nicht unglücklich darüber.

Wo sind die guten Bücher? Ich denke: Okay, ich geh mit mir ins Abenteuerland: Die größte Buchhandlung der Stadt ist mir gerade recht. Und steuere direkt zum schiffsgroßen Tisch mit den Neuerscheinungen. Dort liegen sie in dicken Stapeln, die Dinge, die sich verkaufen: Frederica de Cescos Wüstenmond und Die Tochter der Tibeterin. Ken Folletts Mitternachtsfalken. Wolfgang Joops Im Wolfspelz. Frederick Forsyth’ Der Rächer. Donna Leons Die dunkle Stunde der Serenissima. Barbara Woods Kristall der Träume . Schreckliches Zeugs. Langeweilesuppe. Buchstabenhaufen. Worthalden. Dabei denkt man doch immer, dass das Lesen eine gute Sache sei, dass es einen gescheiter mache. Nicht dass Sie denken, das seien bloße Vorurteile. Ich habe versucht, diese Dinge zu lesen. Es ist mir einfach nicht gelungen. Der Ekel, die Langeweile, die Sinnlosigkeit haben es verhindert. Als mir eine Freundin einen Krimi von Henning Mankell andrehen wollte, da habe ich zu lesen begonnen. Ich kann jedoch kein Buch lesen, das den Titel trägt: Die Rückkehr des Tanzlehrers. Bei solchen Titeln wird mir leicht schlecht, wie nach einem zu schnell getanzten Cha-Cha-Cha.

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