Nicht zum ersten Mal in diesem Jahr sind die Amerikaner, ungeachtet der Vorstellungen und Zeitpläne der übrigen Welt, ihren eigenen Weg gegangen. Sie taten es im Irak, und ähnlich könnten sie sich nun auch im unübersichtlichen Feld der Bankenregulierung verhalten. Fünf Jahre schon dauern die Arbeiten an der Reform der dringend benötigten Eigenkapitalrichtlinien für Banken, und das Vorgehen der Amerikaner könnte diese noch weiter verzögern. Von heute aus betrachtet, erscheint es ironisch, dass einer der einflussreichsten Befürworter der neuen Regeln – stets strikt bedacht auf die Einhaltung des Zeitplans – ausgerechnet ein Amerikaner war: Bill McDonough. SEIT FÜNF JAHREN wird das Reformwerk verändert

Bis Juni war er Präsident der Notenbank von New York und führte zugleich den Vorsitz des Baseler Ausschusses für Bankenaufsicht, der sich aus Finanzaufsehern führen- der Industrieländer zusammensetzt. Sie er-arbeiten gemeinsam die neuen Kapitalregeln, die unter dem Schlagwort Basel II bekannt sind. Seit McDonoughs Rücktritt werden nun zunehmend Stimmen aus dem zersplitterten Lager der amerikanischen Bankenaufseher laut, die ihre Unzufriedenheit äußern. Kompromisse, auf die man sich zwei Jahre zuvor geeinigt hatte, sollen nun abermals überprüft werden. "Jetzt wird von neuem aufgeschnürt, was wir bereits fest verpackt hatten", sagt ein frustrierter europäischer Aufseher.

US-Großbanken wehren sich

Das Regelwerk Basel II ist deshalb so wichtig, weil sein Vorgänger von 1988 – Basel I – für jetzige Verhältnisse zu einfach gestrickt ist und die komplexen Risiken von Banken nur ungenau berücksichtigt. Zum Beispiel verlangt Basel I, dass Banken für alle Kredite an Unternehmen acht Prozent Eigenkapital vorhalten, ganz gleich, wie es um deren Bonität bestellt ist. Diese Gleichbehandlung führt dazu, dass Banken einen Anreiz haben, vergleichsweise hohe Kredite an riskante Unternehmen zu geben. Basel II schlägt dagegen vor, diese Absicherung der Kredite mit Eigenkapital stärker von der Bonität der Kreditnehmer abhängig zu machen. Die Umsetzung erwies sich allerdings als ausgesprochen komplex und hat zu einigem Kuhhandel zwischen den verschiedenen nationalen und sektoralen Interessen geführt, was das System noch unhandlicher macht. Der Basel-II-Entwurf für die neuen Eigenkapitalanforderungen stützt sich auf drei Säulen: Mindestkapitalanforderungen, eine regelmäßige Überprüfung durch die Bankenaufsicht und eine Erweiterung der Offenlegungspflichten auf dem Markt. Die Banken haben die Wahl zwischen einem einfachen Standardansatz (einer verbesserten Basel-I-Version), einem Ansatz, der mit bankeigener Risikoeinschätzung arbeitet, und einem fortgeschrittenen Ansatz für Banken mit hoch entwickelten Informationssystemen.

Die intensive Arbeit von Banken und Aufsehern an Basel II wurde von drei weltweiten Studien begleitet, die die Auswirkungen der neuen Regeln untersucht haben und die Gewichtung der unterschiedlichen Risiken festlegen sollten. Das Baseler Komitee schien im Mai dieses Jahres schon fast am Ziel angelangt zu sein, als die dritte und vermeintlich letzte Studie fertig gestellt war. Bis zum 31. Juli aber gingen dem Ausschuss mehr als 200 kritische Stellungnahmen zu, die klar machten, dass noch eine längere Wegstrecke bevorsteht. Weit schlimmer, Amerikas Großbanken waren unzufrieden mit einem der grundsätzlichen Kompromisse von Basel II – der Definition von Eigenkapital. Ein Problem, das die Europäer längst als erledigt betrachteten.

Die europäischen Aufseher müssen einen strikten, selbst gesetzten Zeitplan einhalten. Im Januar 2007 will die Europäische Kommission eine neue Richtlinie mit der endgültigen Fassung der Basel-II-Reformen verabschieden. Viel Zeit ist das nicht. Denn bis ein Richtlinienentwurf durch Europaparlament und Europarat gebracht ist und in ein EU-Gesetz umgewandelt werden kann, vergeht fast ein Jahr. Und dies ist noch optimistisch, da im Juni 2004 Europaparlaments-Wahlen mit zehn neuen Mitgliedsländern anstehen. So wird sich auch der Ausschuss für Wirtschaft und Währung im Europaparlament, verantwortlich für die Feinabstimmung dieser Richtlinie, neu zusammensetzen. Es wird dann mindestens weitere zwölf Monate brauchen, bis die Länder der EU den Richtlinienentwurf in nationales Recht überführen können.

Gelänge der Kommission bis April 2004 ein abschließender Antrag, könnte die Frist gerade noch eingehalten werden. Ziehen sich die Beratungen des Baseler Komitees aber noch weiter in die Länge, könnten die Europäer versucht sein, die neuen Regeln allein einzuführen. Viele Banker und Bankenaufseher fänden ein solches Verhalten allerdings rücksichtslos.

Das Paket, das die Amerikaner wieder aufschnüren wollen, war im Juni 2001 besiegelt worden. Damals hatte man sich auf einen Kompromiss zur Definition von Eigenkapital geeinigt. Es dient als Puffer, um die Härte unerwarteter Verluste, von denen eine Bank jederzeit betroffen sein kann, zu mildern.