die zeit: Es gibt eine merkwürdige Landeskunde, nach der ist Frankreich für den Kopf, Deutschland für das Herz und Russland für die Seele zuständig.

Andrej Bitow: Mir ist die Sprachkunde lieber: Englisch ist das Verb, Deutsch ist das Subjekt, und Russisch ist das Adjektiv. Aber im Ernst. Ich habe in der letzten Zeit, in der ich sehr krank war, viel über Russland nachgedacht. Man sagt, Russland sei ein zurückgebliebenes Land. Aber das ist es nicht. Es ist ein vorzeitiges Land. Ein Land, das den Rohzustand der globalisierten Welt zeigt. Auch der Mensch hier ist so. Er ist schon vorbereitet auf etwas, das noch nicht formuliert ist.

zeit: Heißt das, Europa hat sein Leben hinter sich, Russland hat sein Leben noch vor sich?

Bitow: Russland hat schon zu viele Leben hinter sich. Es hat viele Nullzustände erlebt. Aber die Null ist eine gute Zahl, aus der Null entsteht Energie.

zeit: Fühlen Sie sich eher müde oder eher munter, historisch betrachtet?

Bitow: Erschöpft, wenn ich daran denke, dass ich gerade den Krebs überwunden habe. Im Grunde geht es mir nicht anders als Russland.

zeit: Auch Russland hat den Krebs besiegt?