London

Die Umfragen sind verheerend, der Parteiführer muss um seinen Job bangen, und seine Partei findet sich bereits jetzt, zwei Jahre vor möglichen Parlamentswahlen, mit der unvermeidlichen Niederlage ab. Nein, die Rede ist nicht von Tony Blair und Labour, sondern von Ian Duncan Smith und den Konservativen, die sich dieser Tage im nordwestenglischen Seebad Blackpool versammelten. Unfähig, der bleiernen Ideenlosigkeit und personellen Unattraktivität zu entkommen, hatten sie insgeheim auf Labours Schützenhilfe gehofft. Immerhin sei doch, glaubte man den Endzeitprognosen in der britischen und internationalen Presse, "Blairs twilight", die Blair-Dämmerung, angebrochen.

Mit Fug und Recht durften die Torys zumindest ein Schauspiel bitterer Selbstzerfleischung erwarten, an dessen Ende ein tödlich geschwächter Premier stehen würde. Doch die Prophezeiungen erwiesen sich als falsch. Auf dem europäischen Kontinent hatten sich weite Teile der politischen Klassen wie der Medien einer oft gar nicht klammheimlichen Hoffnung hingegeben. Blair, so sagten und schrieben sie, werde das Jahr 2003 politisch nicht überleben. Nun müssen sie sich damit abfinden, dass dieser britische Premier wahrscheinlich einige seiner derzeitigen europäischen Kollegen im Amt überdauern wird. Auch wird der "Prediger", wie die Umgebung von Gerhard Schröder den Briten zuweilen tituliert, nicht unbedingt umgänglicher und leichter zu handhaben sein. Die Regierungen in Paris, Brüssel und Berlin werden erleben, dass das Sendungs- und Selbstbewusstsein des Premiers ungebrochen ist.

Nervös, aufs Schlimmste vorbereitet, war Blair in der vergangenen Woche zum Labour-Parteitag nach Bournemouth aufgebrochen. Doch dann kam er, sprach und siegte; die Delegierten feierten ihn, als hätte es den Zwist über den Irak-Krieg nie gegeben. Eine klare Mehrheit will offenkundig einen Schlussstrich ziehen. "Es ist alles gesagt worden", findet der ehemalige Juniorminister im Innenministerium John Denham, der wegen des Krieges die Regierung verlassen hatte, "wir haben ein Land zu regieren." Labour scheint eine zentrale Lektion der Vergangenheit beherzigen zu wollen: Ein Krieg in der Partei hilft allein dem politischen Gegner. Labour zieht das Regieren der Opposition vor, in der man zwar die reine Lehre hochhalten, aber nichts bewegen kann.

Die Fraktion im Unterhaus will keinen Königsmord. Und auch die meisten Minister möchten Blair um keinen Preis eintauschen gegen Gordon Brown. Der mächtige Schatzkanzler hat ihnen als kontrollbesessener Superminister das Leben schwer genug gemacht. Doch niemals zuvor hat Brown seinen Anspruch auf den Spitzenjob so aggressiv kundgetan. Blair zahlte mit gleicher Münze zurück. Mit keinem Wort bedachte er seinen "eisernen Kanzler". Die ökonomische Erfolgsbilanz der vergangenen sechs Jahre nahm Blair allein für sich in Anspruch. Öffentlich haben sich die beiden noch nie so heftig gestritten. In Bournemouth agierten sie wie ein Ehepaar, so der Observer, dem in seiner Wut aufeinander die Anwesenheit der Kinder gleichgültig war.

Jammerrituale ohne Folgen

Blair denkt nicht an einen Kurswechsel. Seine Lust an der Macht scheint ungebrochen. Es wirkt so, als ob Widerspruch und Unpopularität ihn beinahe beflügeln. Ein bisschen Demut, ein Hauch von Einsicht, dass er vielleicht zu viel diktiert und zu wenig zugehört habe. Das war’s denn auch schon. Ansonsten agierte er im Stil einer Margaret Thatcher: Ich allein bestimme die Richtung, einen Rückwärtsgang gibt es nicht. Die Reformen in der Gesundheits- und Bildungspolitik, die Traditionalisten und Gewerkschaften Bauchschmerzen bereiten, treibt er ungerührt voran. Krankenhäuser sollen nicht länger zentral von London aus dirigiert werden, Universitäten dürfen höhere Studiengebühren erheben, um ihre Finanzen aufzubessern. Der Parteitag stimmte zwar mit den Blockstimmen der Gewerkschaften gegen beide Reformprojekte. Doch wird die Regierung, wie ihre Vorgängerinnen, die Einwände ignorieren und die Reformen durchs Parlament boxen.

Überhaupt keinen Rückzieher machte Blair beim heiklen Thema Irak. Zwar gestand er ein, der Krieg habe Nation, Partei und Familien tief gespalten. Doch würde er noch einmal so entscheiden. Ohne Saddam Hussein sei der Irak ein "besseres Land". Nun gelte es, alle Kräfte auf die Gestaltung des Friedens zu konzentrieren. Die Widersacher seiner Irak-Politik vernahmen es mit Ingrimm. In der Irak-Debatte entlud sich noch einmal ihre ganze Wut. Eine Minderheit der Labour Party wird Blair niemals vergeben. Sie denkt genauso wie das linksliberale Milieu in der britischen Metropole, das Tony Blair seit langem zum Teufel wünscht und sich an Fernsehspielen wie The Deal ergötzt, die Tony als schwächlichen Opportunisten ohne den Intellekt seines Rivalen und Schatzkanzlers Gordon Brown vorführen. Doch die Dauertiraden der Exministerinnen Glenda Jackson und Clair Short, die den Premier alle naslang zum Rücktritt auffordern, entpuppten sich als Jammerrituale ohne politischen Effekt. Gerade Labour-Wähler schwören nach wie vor in erstaunlich hoher Zahl auf Blair. Die Arbeiterklasse teilt nicht die pazifistischen Sensibilitäten der Mittelschicht. Sie hält den Krieg mehrheitlich nach wie vor für gerechtfertigt.