Drei Jahre lang verbarg sich hinter dem Aktenzeichen 50 Js 816/00 der Bonner Staatsanwaltschaft ein schwerer Verdacht: Mitarbeiter des Kanzleramts von Helmut Kohl, so die Mutmaßung, hätten nach der verlorenen Bundestagswahl im Herbst 1998 Regierungsakten vernichtet und zwei Drittel der Datenbestände gelöscht. Das wäre schlimm genug. Gäbe es die Akten noch, wäre es ein Leichtes, jenem anderen Verdacht entgegenzutreten: dass Entscheidungen der Regierung Kohl käuflich gewesen seien – etwa beim Geschäft mit der ostdeutschen Leuna-Raffinerie, beim Verkauf von Fuchs-Panzern, Airbus-Jets und Eisenbahnerwohnungen.

Jetzt aber haben die Staatsanwälte die Ermittlungsakte endgültig geschlossen und erklärt, sie hätten keinen begründeten Verdacht für eine strafbare Handlung gefunden.

Der Einstellungsbescheid. So ist es zum Glück in einem Rechtsstaat, und davon profitieren selbstverständlich auch Helmut Kohl und die Seinen: Es gilt die Unschuldsvermutung. Anklage darf ein Staatsanwalt nur erheben, wenn er, erstens, hinreichende Beweise für eine gezielte Datenlöschung und Aktenvernichtung hat. Und er, zweitens, belegen kann, dass namentlich bekannte Mitarbeiter von Kohl diese Straftaten angeordnet haben. Die Bonner Ankläger verneinen beides. Die Lücken in den Unterlagen, sagen sie, könnten auch durch ganz normale Behördenvorgänge sowie durch Unachtsamkeit und Schlamperei verursacht worden sein. Eine geplante Spurenverwischung sei nicht zweifelsfrei zu belegen. Auf jeden Fall, so die Ankläger, hätten sie keinerlei Beweis für ein vorsätzliches Handeln eines Spurenvernichters gefunden.

Die Verschwörungstheorie. Kaum haben die Ankläger gesprochen, schon strickt Helmut Kohl eine Legende. Er und seine damaligen Mitarbeiter seien das Opfer eines Komplotts geworden, "einer breit angelegten parteipolitisch motivierten Verleumdungsaktion", initiiert von seinen Gegnern, einigen Medien (unter anderem der ZEIT) und dem Sonderermittler Burkhard Hirsch. Der habe aus Rache gehandelt, Zeugen manipulativ befragt und insgesamt eine "äußerst unrühmliche Rolle" gespielt.

Der ehemalige Bundeskanzler verdrängt, dass der merkwürdige Dokumentenschwund in seinem Amt erst entdeckt wurde, als der Parteispenden-Untersuchungsausschuss des Bundestags, in dem auch Abgeordnete der Union saßen, Einsicht in die Akten begehrte. Der Verdacht gezielter Manipulation kam auf, und im Februar 2000 beauftragte der Chef des Schröder-Kanzleramts, Frank-Walter Steinmeier, den FDP-Politiker und ehemaligen Vizepräsidenten des Deutschen Bundestags, Burkhard Hirsch, mit disziplinarrechtlichen Vorermittlungen. Helmut Kohl will auch nicht wahrnehmen, dass Hirsch die Zeugen nicht selbstherrlich, sondern immer nur in Anwesenheit eines Mitarbeiters aus dem Kanzleramt, eines Beamten des Bundeskriminalamts und einer Protokollführerin befragt hat.

Auch ein Zeuge erhebt den Vorwurf manipulativer Vernehmungen. Sonderbar nur, dass dieser Zeuge, wenn er sich denn von Hirsch bedrängt fühlte, später gegenüber einem Oberstaatsanwalt seine erste Aussage wiederholte – ohne einen einzigen Abstrich. Überdies konnte jeder Zeuge das Hirsch-Protokoll jederzeit korrigieren, und am Ende musste er es unterschreiben, als Zeichen seines Einverständnisses.