Washington

Die Faust fährt auf den Schreibtisch nieder. Voller Respekt erzittern Tischplatte und Computer. Der Herr der Faust starrt wütend auf den Bildschirm. Die Seite, die er soeben im Internet aufgerufen hat, ist blütenweiß. "Sie haben es tatsächlich gewagt", brüllt der Mann ins Telefon. "Meine Website. Kaputt. Zerstört. Ein Hacker. Gerade heute. Das ist kein Zufall." Wie Rumpelstilzchen hüpft der Mann durchs Büro, von Telefon zu Telefon. Er wählt und schreit. Jedes Gesprächsopfer hört: "Sie müssen es gewesen sein!" Wer "sie" sind, bedarf offenbar keiner Erklärung.

Der Mann, der sich diesen Tobsuchtsanfall gönnt, heißt David Corn. Er ist Hauptstadt-Korrespondent der linken Wochenzeitung The Nation, in deren Büro die Szene am Montagnachmittag spielt. Corn hat vergangene Woche ein Buch über den Präsidenten veröffentlicht. Dessen erste Sätze lauten: "George W. Bush ist ein Lügner. Er hat groß und klein gelogen. Er hat direkt und durch Auslassung gelogen. (…) Die Lüge ebnete seinen Weg ins Weiße Haus; sie ist eines der wichtigsten Werkzeuge seiner Präsidentschaft." So hört er sich an, der neue Ton von Washington, zu finden in der Presse, in den Reden von Präsidentschaftskandidaten und zwischen Buchdeckeln.

David Corns The Lies of George W. Bush ist das Produkt einer boomenden "Lügen"-Industrie. Als Corn voriges Jahr seine Idee präsentierte, war kein Verlag interessiert. Ein halbes Jahr später stritten die Verlage um das Manuskript. Kaum erschienen, sind Corns Lies schon ein Medienereignis. Der Autor ist am Montag fernsehgerecht mit dunklem Anzug ins Büro gekommen – für die Auftritte bei CNN, Fox und PBS. Und gerade an so einem verkaufsträchtigen Tag zerstört ein Hacker die Promotion-Website. Ganz klar, was Corn denkt: Die rechte Gedankenpolizei schlägt zu. Da kann man schon mal fluchen.

Corn wäre durchaus ein Ziel, denn er gilt in diesen Tagen als erster Jäger des Präsidenten. Ein Held der Linken, weil er jene Affäre ins Rollen brachte, die nun das ganze Land fragen lässt: Hat das Weiße Haus den Rufmord eines Kritikers der Irak-Politik organisiert? Wurde willentlich die Karriere von dessen Ehefrau ruiniert und dabei das Gesetz gebrochen?

Der erste Artikel von David Corn blieb in der Öffentlichkeit weitgehend unbeachtet, aber innerhalb der Regierung löste er eine Untersuchung aus. Inzwischen hat sich die Washingtoner Presse mit all ihrer Skandallust darauf geworfen und einen schönen Namen für das Schmierenstück gefunden: Intimigate (ein Wortspiel mit intimidate – einschüchtern). Es enthält (fast) alles, was von so einem Klassiker zu erwarten wäre. Es geht um Gerüchte und Rivalitäten, Macht und Rache. Und dahinter um das Wesen der Regierung Bush. Für David Corn ist alles nur ein neues Kapitel in seiner "Lügen"-Saga: "Erst ziehen Bush und seine Leute mit unlauteren Argumenten in den Krieg, dann machen sie ihre Kritiker mit Gossen-Taktiken mundtot."

Im Mittelpunkt der Affäre steht der Diplomat Joseph Wilson, der im Juli seine eigene Rolle bei der Vorbereitung des Irak-Krieges enthüllte und schon damals einen Skandal auslöste, Nigergate genannt. Wilson war von der CIA nach Afrika geschickt worden. Er sollte herausfinden, ob Informationen zuträfen, wonach der Niger Uran an Saddam Husseins Irak schickte. Nichts dran!, rapportierte der Diplomat nach Washington, nur um später mitzuerleben, wie die Regierung die olle Kamelle wieder aufwärmte. Sogar der Präsident erhob die falsche Anschuldigung im Januar 2003 in seiner Rede zur Lage der Nation. Nach dem Krieg berichtete Wilson von seiner Erfahrung und schrieb, die Regierung habe die Erkenntnisse über Saddam Husseins Waffenprogramm "verbogen" und die Bedrohung "übertrieben".

Ein Loch ins Weiße Haus gebohrt