Ausgerechnet bei diesem Satz gerät Michael* ins Stocken. "Das ist nich – nich –, das ist nicht einfach." Nein, einfach ist es für ihn nicht, das Lesen. Beim Schreiben hatte Michael kein Problem, als er sich für den Deutsch-Aufsatz zum Thema "Zeit" übers Pünktlichsein Gedanken machte. Doch jetzt liest er vor. Und so fällt eine seiner Stärken zusammen mit seiner größten Schwäche. Die Stärke heißt Selbstreflexion. Die Schwäche Legasthenie.

"Als Legasthenie wird eine ausgeprägte Lese- und/oder Rechtschreibstörung bezeichnet, die meist im deutlichen Gegensatz zur Intelligenz des Schülers steht", heißt es in einer Definition des Bundesverbandes Legasthenie. Bei Michael ist der Gegensatz überdeutlich. Deshalb ist er hier, im Landschulheim Elkofen, in einer ländlich-bayerischen Internatsidylle 30 Kilometer südöstlich von München. Das Gymnasium ist eine Einrichtung der Stiftung Augustinum, privat also, aber staatlich gefördert. Das kleinste Gymnasium im Freistaat – und zugleich eine Förderschule. Die 78 Schüler sind allesamt überdurchschnittlich begabt und, wie es im befremdlichen Fachjargon heißt, "teilleistungsgestört". Sie sind hyperaktiv, leiden unter dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom oder eben, wie rund die Hälfte von ihnen, unter Legasthenie. Ihre schulischen Leistungen fielen bislang oft dementsprechend schlecht aus.

Von Legasthenie sind in Deutschland je nach Schätzung zwischen drei und fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen. Allein 200000 Grundschüler sind nach den Angaben des Bundesverbandes Legastheniker. Auch in Bayern dürfte ihre Zahl also beträchtlich sein. Nicht alle landen in Elkofen. "Wir suchen uns die Kinder aus, die es am nötigsten haben", sagt Schulleiterin Irmgard Berchtenbreiter. Und die mit den größten Potenzialen. "Gerade die intelligenten Schüler müssen gefördert werden. Wenn ihre Schullaufbahn erst in eine gute Richtung gelenkt ist, können sie später sehr erfolgreich sein. Ich würde fast sagen, es handelt sich um eine verhinderte Elite."

Der Achtklässler Christian weiß, dass die Kombination zwischen begabt sein und schwach sein nicht überall auf Akzeptanz stößt: "Erwachsene sprechen oft von Elite. Jugendliche in der Umgebung nennen manche von uns auch mal Dorftrottel." Mitunter heißt es freundlicher formuliert "Außenseiter". Das waren die Elkofener Schüler auch. In ihrem früheren Schulleben. Als sie eine Sechs nach der anderen bekamen, von Lehrern verkannt, von Mitschülern gehänselt. "Hier ist man, wie man ist. Alle haben die gleichen Probleme", erklärt die 15-jährige Katja. Aber sie fügt hinzu: "Man merkt schon, dass wir alle etwas Besonderes sind."

Dieses Gefühl wird ihnen vom ersten Tag an vermittelt. Dem Tag, an dem sie zusammen mit ihren Eltern die Schulbibliothek betreten, an den warm beleuchteten Regalen vorbeigehen und auf der blauen Holzbank im Erker Platz nehmen. "Ich sag dann immer, dass ich diese Schule verkörpere", erzählt Irmgard Berchtenbreiter. Das dürfte die ersten Hemmungen abbauen, wirkt die 62-Jährige doch wie eine bayerische Inge Meysel in der Blüte ihres Lebens. Eine Schulführung tut das Übrige, damit die Kinder fast ausnahmslos ja sagen, wenn es heißt: "Willst du hierher?" Ein fünf Hektar großer Park mit Sport- und Spielmöglichkeiten, ein gelb getünchtes Haus, das wie ein kleines Schloss in seinem eigenen Tal wirkt. Teppichbedeckte Flure, zum Teil mit Kristalllüstern und antiken Kommoden. Nur das Treppenhaus mit seinen grünen Kacheln und dem grauen Linoleumbelag erinnert noch daran, dass dieses Haus einmal ein Lungensanatorium beherbergte.

Aber mit dem Jawort der Kinder ist es nicht getan. Es ist nur eine Voraussetzung, wie auch das Gutachten vom Jugendamt, das überdurchschnittliche Begabung und Teilleistungsstörungen attestiert. Erst damit ist eine Anfrage in Elkofen überhaupt möglich. Die Schule trifft anschließend eine Vorauswahl und lädt die entsprechenden Kinder zum Probewohnen ein. Drei Tage lang schauen Lehrer, Erzieher und Psychologen, die an der Schule arbeiten, ob die Kinder gruppenfähig sind, ob sie zusammenpassen, wie ihr Leistungsstand ist. Auch ein eigener Intelligenztest wird gemacht. "Das Ergebnis muss überdurchschnittlich sein, wird aber nur als Anhaltspunkt genommen. Und man muss sich auch Teilbereiche anschauen, sonst wird’s unprofessionell", sagt Schulleiterin Berchtenbreiter, die keine bestimmte IQ-Zahl zur Messlatte machen will. Am Ende versammeln sich die beteiligten Mitarbeiter auf der blauen Holzbank. Dann sind schwere Entscheidungen gefragt. In diesem Jahr gab es 50 Anfragen. 28 Kinder wohnten zur Probe. Alle kamen infrage. Aufgenommen werden stets maximal 14. "Wir müssen klein bleiben, um unsere Aufgabe erfüllen zu können", konstatiert Berchtenbreiter.

Nur in kleinen Klassen könne man auf die Begabungen einzelner Schüler ausreichend eingehen. Gute Betreuungsverhältnisse seien auch bei der Hausaufgabenhilfe vonnöten und in den Fördergruppen, wo die Inhalte für die jeweils besonders Guten über den Unterrichtsstoff hinausgehen. Nicht zuletzt sollen die Sitzungen beim Psychologen, die zum Beispiel für die Legastheniker auf dem Programm stehen, in kleinen Gruppen oder einzeln stattfinden.

Die Legastheniker bekommen eine spezielle Therapie. Lektion Nummer eins: "Die Kinder müssen lernen, Legasthenie von Dummheit zu trennen", sagt Soltan Heger, einer von drei Diplompsychologen im Landschulheim. Er bringt ihnen bei, dass sie krank sind, sagt ihnen aber nicht, dass Legasthenie nicht vollständig heilbar ist. Er lehrt sie, mit der Schwäche umzugehen. Rechtschreibprogramme am Computer, Silbentraining mit spielerischen Mitteln, Merksätze, Konzentrationsübungen – all das und noch viel mehr. "Das Kind lernt durch Teilerfolge, seinen eigenen Wert wieder zu erkennen", sagt Heger.