Wenn Pfarrer Johannes Insel darüber spricht, wie es ihm an Leib und Seele ergangen ist, findet er starke Worte. "Sie kennen doch den biblischen Begriff der Besessenheit? So war es bei mir. Ich war besessen von dem Gedanken, nur noch andere Menschen zufrieden zu stellen."

Johannes Insel ist katholischer Priester und leitet die Sankt-Bruno-Gemeinde im nordrhein-westfälischen Soest. Als es mit ihm bergab ging, hatte er einen Terminkalender wie ein Topmanager: Religionsunterricht, Beerdigungen, Taufen, Hochzeiten, Hausbesuche, Krankenbesuche, Kondolenzbesuche, natürlich Gottesdienste, Ministrantentreffen, Sternsingeraktion, Altennachmittage, Pfarrgemeinderat, Verwaltung und die aufreibende Arbeit als Notfallseelsorger. Überall musste er zuhören, Ratschläge geben, Trost spenden. Ständig die Rolle wechseln: mal durchsetzungsfreudiger Lehrer, mal spiritueller Begleiter, mal motivierender Entertainer. Irgendwann wurde es zu viel. Insel bekam Depressionen, litt unter Schlafstörungen, Durchfall, Bluthochdruck, Weinkrämpfen. Die Seele konnte keinen Atem mehr holen, erinnert sich der Geistliche.

Für den Dämon, der von Johannes Insel Besitz ergriffen hatte, gibt es einen Namen: Burn-out. In Zeiten grassierenden Priestermangels und schwindender gesellschaftlicher Akzeptanz der Kirche werden immer mehr Priester und Pfarrer beider großen Konfessionen anfällig für ein psychosomatisches Syndrom, das einst als typische Managerkrankheit galt. Früher mochte der Amtsbonus, den der "Herr Pfarrer" genoss, für aufreibende Arbeitszeiten und andere berufliche Unbilden entschädigen. Heute meinen nicht wenige Geistliche, sie müssten zu den immer größeren Anforderungen ihrer täglichen Gemeindearbeit in einer zunehmend entchristlichten Welt auch noch das Leid der Institution Kirche tragen.

Die Kirchenferne und Interesselosigkeit der Menschen an Kirchen- und Glaubensfragen zählten zu den typischen Problemen des Pfarrerberufs, sagt der evangelische Klinikseelsorger Andreas von Heyl, der in diesem Jahr erstmals in einer Studie das Burn-out-Syndrom bei bayerischen Pfarrern untersucht hat. Viele Geistliche würden sich oft wie Animateure benehmen und regelrecht Kapriolen schlagen, um ihre Kirche auf dem Markt der gesellschaftlichen Möglichkeiten wieder interessanter zu machen. So lesen sich viele Gemeindeprogramme dann wie das Programm eines Erwachsenenbildungswerks.

Kein Wunder, dass manche Diener Gottes auf Erden unter dieser enormen Last sowie eigenen und fremden Idealbildern vom perfekten Christen zusammenbrechen. Das Ergebnis der Studie von Heyls: Etwa die Hälfte der von ihm befragten 188 evangelischen Geistlichen musste zumindest als gefährdet angesehen werden. Pfarrer seien zwar im Vergleich zu anderen helfenden Berufen wie Lehrer oder Krankenpfleger vom Phänomen des Ausgebranntseins immer noch weniger belastet. Doch sei Burn-out für die Pfarrerschaft der evangelischen Kirche längst kein Fremdwort mehr, sondern "wird als eine reale Gefährdung betrachtet".

Damit wird auch hoffähig, was vor nicht allzu langer Zeit noch ein Tabu war – Seelsorge für Seelsorger. Zwei Einrichtungen bieten in Deutschland dem kirchlichen Personal Zuwendung in der Krise: Das katholische Recollectio-Haus auf dem Gelände der fränkischen Benediktinerabtei Münsterschwarzach und das evangelische Haus Respiratio, nur einen Steinwurf entfernt auf dem Schwanberg bei Iphofen. Hier sollen Geistliche beider Konfessionen, Ordensfrauen und -männer sowie Gemeindereferentinnen und -referenten unter psychotherapeutischer und spiritueller Anleitung wieder neuen Mut schöpfen. Pfarrer Johannes Insel hatte sich im vergangenen Jahr entschlossen, den dreimonatigen Aufenthalt im Recollectio-Haus anzutreten, um einen Weg aus seinem persönlichen Elend zu finden. Gründer und Leiter der Einrichtung ist der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller. "Burn-out in der Kirche nimmt eindeutig zu, aber auch die Bereitschaft, etwas dagegen zu tun", sagt Müller, der die Idee für das Haus aus den USA mitbrachte. Dort gebe es bereits seit den siebziger Jahren eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Theologen und Psychotherapeuten im Bereich der Seelsorge.

Als Müller 1991 sein heute von sieben Diözesen getragenes Haus gründete, habe es noch Widerstände gegeben. Heute seien die Vorbehalte ausgeräumt, die Kurse immer ausgebucht. Auch im evangelischen Haus Respiratio, das nur sechswöchige Kurse anbietet, ist der Bedarf größer als die Kapazität. "Bei uns klopfen sicher nicht alle an, die es nötig hätten", sagt Pfarrer Otto Lempp, Leiter des Hauses. "Viele gehen nicht hin, weil sie sich abgestempelt fühlen", meint Forscher Andreas von Heyl. "Ein Aufenthalt in Respiratio gilt oft immer noch als Stigma. Da braucht es schon einen großen Leidensdruck."

Der Alltag für die Gäste der beiden Häuser ähnelt sich. Nach einem Vorgespräch, das über die Aufnahme entscheidet, wechseln sich Einzel- und Gruppensitzungen mit einem Psychotherapeuten, Bewegungstherapie, Kunsttherapie und Atemtherapie ab mit gewöhnlicher Hausarbeit in der Wohngruppe und spirituellen Inhalten: Gebet, Andacht, Meditation, Gottesdienst. Nicht zuletzt dieses Angebot unterscheidet die Häuser von einer herkömmlichen psychosomatischen Klinik. Immer geht es darum, eigene körperliche und psychische Ressourcen freizulegen, Selbstheilungskräfte zu reaktivieren. Manifeste psychische Erkrankungen können und sollen in beiden Einrichtungen nicht behandelt werden.