Der irische Journalist Flann O'Brien hat seine bahnbrechende Recherche über Polizisten, die sich in Fahrräder verwandeln (als Buch erschienen 1967 unter dem Titel The Third Policeman), dankenswerterweise mit Fußnoten versehen. Selbst beiläufig gebrauchte Ausdrücke werden dort einer wissenschaftlichen Nachbearbeitung unterzogen. Das, was wir umgangssprachlich "Nacht" nennen, ist zum Beispiel nach Ausweis der zitierten Fachliteratur nur eine Art "Verdichtung schwarzer Luft". So kann man sich irren! Viele Journalisten, die heutzutage irgendwelche Dinge unhinterfragt übernehmen, könnten sich an Flann O'Brien ein Beispiel nehmen. Auch eine rot-grüne Koalition ist vielleicht gar keine rot-grüne Koalition, sondern nur eine unheimliche Verdichtung von Ampelmännchen. Der Gedanke der Verdichtung, selbst wenn er heute wissenschaftlich außer Kurs geraten sein mag, ist ungewöhnlich fruchtbar.

Viele Dinge könnten sich bei näherer Betrachtung als Verdichtung von wasweiß-ich erweisen, eine Fernsehsendung etwa als Verdichtung von Nuss-Nougat-Creme, wobei Letztere sich wahrscheinlich ihrerseits einer übermäßigen Verdichtung guter Laune verdankt. Viele Dinge sind viel zu hoch verdichtet, zum Beispiel hätte man es nicht ungern, wenn sich der polizeiliche Eifer von Otto Schily und Tony Blair etwas verdünnen ließe oder die beiden sich nach dem berühmten Beispiel in Fahrräder verwandeln würden.

Wahrscheinlich ist diese sonderbare Transsubstantiation ohnehin schon von O'Brien als Verdünnung gemeint gewesen - wie denn überhaupt wohl nichts auf der Welt so mager aussieht wie ein Zweirad. Die gespenstische Rentnerverdichtung, an der Deutschland leidet, ließe sich auf dem Weg der Radwerdung lösen - da hätten die Kinder auch gleich was zum Wegfahren. Aber so einfach geht es bekanntlich nicht, und ich höre auch schon einen Schlaumeier aus den Fußnoten rufen, dass es sich bei Fahrrädern um keine Verdünnung, sondern um eine ungewöhnliche Verdichtung von Stahlrohren handelt. Es ist leider alles eine Frage der Perspektive, und während der früh verstorbene Schriftsteller Gert Hofmann der Meinung war, es gäbe von allem zu viel auf der Welt (siehe seinen Roman Der Kinoerzähler), zitierte O'Brien (a.a.O.)

einen Gelehrten, dem alles zu wässerig war. Der daraus folgende Streit mit den Londoner Wasserwerken kann hier nicht nacherzählt werden, er führte aber zu einer grässlichen Verdichtung von Akten, als deren späte Frucht diese Betrachtung anzusehen ist. Finis

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