Interview Keine Angst vor Kindern

Der Reformpädagoge Hartmut von Hentig, 78, über den Wandel der Kindheit

Sie sind 1925 geboren. Wenn Sie die Zeit von Ihrer Kindheit bis heute überblicken: War es für Kinder ein Jahrhundert des Fortschritts?

Ich sehe in mancher Hinsicht große Fortschritte. Die kann ich in meinem eigenen Leben ermessen und noch deutlicher in dem, was ich in der Literatur lese; auch wenn ich zuerst von der Kindheit im Elend sprechen müsste. Am Anfang des Jahrhunderts, in dem ich geboren bin, stehen die Buddenbrooks. Hannos Kindheit möchte ich nicht leben müssen. Das war ja nicht nur die Schule, deren Züge hart sind bis zur Karikatur. Dieser Vater! Mein Vater war ihm in vielem ähnlich, aber ohne die fürchterliche Kälte und Ferne. Diese dauernde Erwartung, dass man einem Ideal zu genügen hatte – mein Vater hat sie an meinen Möglichkeiten gemessen. Und das ist das Neue.

Wie erleben das die Kinder?

Es kann keine öffentliche Misshandlung mehr von Kindern passieren. Und: Die junge Elterngeneration geht vernünftiger mit ihren Kindern um. Wie viele Väter sind jetzt wirklich Väter für ihre Kinder und nicht die Autoritätsstange, die da herumstakst. Die sind liebevoll zu den kleinen Kindern, und Vorbild.

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Und doch wird diskutiert, Kinder erführen von Eltern zu wenig Leitung.

Es sind die älteren Kinder, die es heute sehr viel schlechter haben. Sie sind sie selbst geworden, ein klar denkendes Selbst, spätestens mit zehn, und dann kommt die Frage: Wohin? Dann fängt man an, in die Zukunft zu gucken. Und die ist furchtbar verwirrend. Das Aufwachsen der Kinder ist von einem bestimmten Alter an unendlich erschwert. Ich nenne es das Tschernobyl-Syndrom.

Sie meinen, dass Eltern ihre Kinder nur noch begrenzt schützen können?

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