Wachstumsschub
Collage: Jochen Klein für ZEIT Leben
Spielen und Kindsein waren früher fast das Gleiche.
Aber wo sollen Kinder heute draußen spielen?
Spielen und Kindsein waren früher fast das Gleiche. Aber wo sollen Kinder heute draußen spielen?
Wie man in Deutschland die Kindheit erlebt
Kinder wachsen heute in nie gekanntem Wohlstand auf. Erwachsene respektieren und fördern sie. Doch die Gesellschaft beschneidet ihre Freiräume
Als der Zug in den Tunnel einfährt, steht das kleine Mädchen auf. Das Mädchen trägt eine Jeans mit Schlag, worauf jemand viele bunte Sterne genäht hat, und dazu ein bauchfreies TShirt mit Ringeln in Rot und Gelb und Blau und Grün. Das Mädchen geht zum Fenster, das jetzt ein schwarzgrundiger Spiegel ist, und legt den Kopf nach hinten und schüttelt ihn, dass die langen blonden Haare fliegen. Es kämmt mit den Fingern von unten durch die Haare und hebt sie hoch und lässt sie fallen, es neigt den Kopf zur Seite und lächelt sich an. Der Zug rauscht ins Sonnenlicht, das Kind geht zurück zu den beiden Frauen, die unter ihren Kopftüchern tuscheln. »Da bist du ja wieder!«, sagt die eine.
Auf einer Bank im Zug sitzt ein kleiner Junge mit Kullerkopf. Neben ihm eine schlanke Frau, in der Hand hält sie eine Milchschnitte. Sie schält die Stanniolverpackung ab und hält dem Jungen das Schokoladenstück hin. Er schüttelt den Kopf, »Dann nicht«, sagt sie und beißt ab, er untersucht seine Finger. Er hangelt nach ihrer Hand. Sie hält die Schokolade tiefer, er wendet sich ab. Sie nimmt einen Bissen und reicht ihm das Stück, und dann beißt er ab, dann wieder sie, dann er, dann sie.
Wenn man wissen will, wie es den Kindern in Deutschland geht, schaut man unwillkürlich, ob sie wohl glücklich aussehen. Glück ist, mit seiner Mama eine Milchschnitte zu teilen, von du zu du. Man stelle sich vor, ein Menschenleben früher, und da kasperte einer rum und wollte keine Schokolade und dann doch! Glück ist, wenn ich anziehen darf, was ich mag, und keiner schimpft: Ist heute Karneval oder was? Sich im Spiegel betrachten zu können, und niemand mahnt: Sei nicht so eitel! Glück ist, wenn ein Kind sich mögen darf.
Kinder in Deutschland sind heute so selbstbewusst wie nie. Eltern in Deutschland, natürlich nicht alle, begegnen ihren Kindern mit einem Respekt, der noch vor einem halben Jahrhundert allein Erwachsenen vorbehalten war. Kinder lernen im Unterricht, dass sie Rechte haben, die in einer UN-Charta verankert sind. Sie werden gefragt, was sie essen oder welche Schule sie besuchen wollen, sie dürfen mitentscheiden, wohin es in den Ferien geht. Sie bekommen Geldgeschenke, alle zusammen in Milliardenhöhe. Und doch, Kinder in Deutschland haben Grund, sich zu den Erwachsenen zu drehen und zu rufen: Ihr seid ja alle nackt!
Inmitten der Wohlstandsgesellschaft ist der Anteil der Kinder, die arm sind, doppelt so hoch wie unter Erwachsenen. Inmitten der Wissensgesellschaft erleben Kinder einen Bildungsnotstand: In den Schulen sind ihre Chancen, sich zu Höchstleistungen zu entfalten, nur halb so gut wie in europäischen Nachbarländern. In abgeblätterten Gebäuden werden sie gnadenlos in eine Hierarchie willkürlicher Noten sortiert. Nicht wenige von ihnen macht die Schule so zu Versagern: Zehn Prozent der Schüler lagen laut der Pisa-Studie unterhalb der schlechtesten Leistungsstufe; so viele wie sonst nur in Brasilien oder Luxemburg. Inmitten einer Gesellschaft, die sich der Freizügigkeit rühmt, wurde der Streifradius des Grundschulkindes seit den siebziger Jahren von 20 auf 4 Kilometer gestutzt. Eine Gesellschaft, die von Fitness besessen ist, zieht Kinder auf, von denen über die Hälfte zum Zeitpunkt der Einschulung nicht mal 30 Sekunden auf einem Bein stehen kann.
Tagesbrüder, Nachtmütter
Das Bemerkenswerteste aber ist, dass es überhaupt nur noch rund 15,5 Millionen Kinder gibt, weniger als Anfang der siebziger Jahre allein in der alten Bundesrepublik. In ganz Deutschland leben sechs Millionen Kinder weniger als vor 30 Jahren. Es gibt Städte wie Hamburg, da bevölkern Kinder nur noch 18 Prozent der Haushalte. Es gibt Vororte, Rückzugsgebiete, da leben sie dicht an dicht.
Die Straße ist an der schmalsten Stelle gerade mal zwei Meter breit. Früher lag sie mitten im Dorf, weshalb wir sie Dorfstraße nennen wollen. Heute liegt sie am Rand einer Stadt am Rhein. An einem Ende, wo sie sich zum Platz rundet, ist mit Naturstein ein Muster gelegt, die Bürgersteige sind mit hüfthohen Pollern bestückt. Grünpflanzenstreifen, sogar mit weißen Rosen. Auf der Ecke ein Spielplatz mit Rutsche, Schaukel, Wackeltier und einem Schild. Darauf steht, was verboten ist. Man sieht ein durchgestrichenes Fahrrad, eine durchgestrichene Flasche, einen durchgestrichenen Ball, einen durchgestrichenen Hund, einen durchgestrichenen Fahrradfahrer. Es ist Samstagnachmittag, und der Spielplatz ist leer.
Mit stilsicherer Miene schauen die Häuserfronten auf die Straße. Hier ein Hauch von Art déco, dort ein bisschen Fachwerk. Wenn man bei Nummer 45 klingelt, dann bellt es, und es quellen hervor: zwei Hunde, vier Mädchen, ein Mann. Aber nur zwei der vier Mädchen wohnen hier, die anderen zwei sind auf Besuch. Wir sitzen in einer höhligen Küche und zählen durch: In diesem Haus wohnt neben dem Mann und den beiden Mädchen noch eine Frau, aber sie ist nicht die Mutter der Mädchen, sondern die Freundin des Vaters. Anna sagt, sie finde es gut, dass Doris jetzt bei ihnen wohne, weil sie ein Pferd mitgebracht habe. Anna rechnet zum Haushalt des Weiteren: eine Katze, ein Meerschwein, einen Hasen und ein Schaf. Pia meint, am schönsten wäre es, wenn Mama mit ihrer neuen Familie zurückkäme und sie alle miteinander hier wohnen könnten.
Wenn Doris über die Kinder redet, sagt sie »unsere Kinder«. Aber auch, dass es für sie als Kinderlose manchmal ganz schön schwierig sei. Wenn der Vater, ein Krankenpfleger, Nachtschicht hat, bringt er die Kinder abends zu einer »Nachtmutter«, früh sammelt er sie wieder ein, ein Verfahren, das die Kinder blöd finden. Die Tage seien ohnehin lang, sagt ihr Vater, wenn Pia reite, müsse man sie um halb zwei in der Schule abholen und um fünf von der Reitbahn, um sechs sei man zu Hause, und dann noch die Schulaufgaben. Am Ende der Woche seien alle erst mal platt.
Nebenan lockt die Klingel ein Mädchen mit sehr blauen Augen und einem Pferdeschwanz heraus, Mareike, neben ihr steht ein Mann, leicht ergraut. Er ist Journalist, der Freund ihrer Mama, die bis vor kurzem, sechs Jahre lang, alleinerziehende Mutter war, eine von fast 1,8 Millionen in Deutschland. Sie sieht aus wie eine große Mareike, es ist dasselbe pointiert gelassene Gesicht.
Jetzt sitzt ihre Tochter am schönen Holztisch in dem kleinen Wohnzimmer und gibt von ihren Lieblingskeksen ab, Schokoröllchen. Wie ist es so als Einzelkind? Sie sei gar kein Einzelkind, sagt sie, sie habe einen Tagesbruder. Mit dem sei sie als Baby betreut worden, »er war morgens bei uns und ich nachmittags bei ihm«. Dann führt sie ihre beiden kleinen Cousins an, »so süß!«. Und kommt auf Opa, der sei mit 70 noch so fit wie die Laufschuhe, mit denen er zum Marathon eilt. Ja, Einzelkinder müssen sich nicht einsam fühlen. Und dass sich Familien trennen und neu zusammenfügen, war noch in den Sechzigern ein Skandal, heute ist es für rund 150000 Kinder im Jahr eine schmerzliche, aber geradezu alltägliche Erfahrung. 2,5 Millionen leben bei alleinerziehenden Eltern. Übrigens: In vier Monaten wird Mareike eine Schwester haben.
Im Haus schräg gegenüber ist vor drei Monaten der Säugling Mario eingetroffen – in einer babygeübten Gruppe: fünf Geschwister! Sie drängeln sich zum Frühstück auf Schemeln und Bänken um den Tisch, es ist so eng, dass man gar nicht aufstehen muss, um Margarine und Käse aus dem Kühlschrank zu holen. Die Kinder wetteifern, wer mit der Zunge bis ins Nasenloch hochangeln kann, während sie überlegen, wie sie’s finden, zu so vielen? Louisa sagt: »Wenn du einen kleinen Bruder hast, wollen alle gucken, und dann sind sie neidisch.«
Individualismus in der Kuschelecke
Zur Familie zählen die Kinder zwei Väter, die beide nicht hier leben, weil der eine von der Mutter geschieden ist und der andere durch die Meere pflügt, letzte Standort-Meldung des Kapitäns: bei Dänemark. Von dort aus weht ein Hauch von Abenteuer in dieses Haus. »Kinder«, sagt die Mutter gelassen, »kommen, wann sie kommen.« Aber sie habe sich nicht vorgestellt, wie viel sie arbeiten müsse! Immer sei sie die Ernährerin der Familie gewesen. »Es gab Zeiten, da musste ich alles rationieren, alles.«
Wie anders doch die Welt gleich nebenan. Auf das Klingeln ertönt der Summer, die schwere Tür geht auf. Am oberen Ende einer Treppe, die zu einem sonnendurchleuchteten gläsernen Neubau hochführt, erscheint ein Mädchen im roten Hängekleid, Johanna, die Tochter zweier Angestellter der Stadtverwaltung. Man sitzt in dem offenen Wohnraum. Mittendrin der Granitkochblock, frei stehend mit allen Schikanen, Halogenleuchtseile sind bis über die schwarzen Ledersofas gespannt, wo Mutter und Tochter nachmittags kuscheln und Soaps gucken. Die wahre Papamamakindidylle. Nun ja, Johannas Mutter sagt, sie hätte gerne mehr Kinder gehabt, es war eine gesundheitliche Frage.
Man kann eben nicht alles sehen. Könnte man sich zum Beispiel mitten auf der Straße von einem Kran in die Luft heben lassen, hätte zugleich jemand die Dächer der Häuser geliftet, würde man auf einen Blick erkennen und staunen, wie ähnlich doch bei aller Verschiedenheit der Milieus die Kinderzimmer sind. Offensichtlich die schönsten, sonnigsten Räume. Alle mit Etagenbetten in der Ecke. An den Fenstern hängen schöne Stoffe mit Tieren oder goldenen Sternen, für strahlende Nächte, made by Ikea. Lego und Memory und noch immer Enid-Blyton-Bücher in den Regalen, natürlich viel Potter. Nur Johanna hat zwei Zimmer, was aber aufs Gleiche hinauslaufe, sagt sie, weil in ihrem riesigen Spielzimmer so viel Spielzeug rumliege, da könne man gar nicht spielen.
Das deutsche Kinderzimmer ist, wie für Vater und Mutter die Einbauküche und das Auto, ein Zugewinn der Wohlstandszeit. Fragt man in einer Schulklasse, wer sich noch ein Zimmer teilen müsse mit dem Bruder oder der Schwester, geht kaum ein Finger hoch. Die Wohnfläche pro Einwohner in der Bundesrepublik ist nach oben geschnellt, auf durchschnittlich fast 50 Quadratmeter, daran haben auch die Kinder ihren Anteil. Allerdings: In einer vierköpfigen Familie kommen auf jeden nur noch 27, im Osten 10 Quadratmeter.
Das deutsche Kinderzimmer ist Ausdruck und Schule des Individualismus. Mit Leonardo-DiCaprio-Postern, Borussia-Fahnen oder überall weinrotem Samt drücken Kinder ihre Persönlichkeiten aus. Träume zeigen sich. So viel Kuschelecke ist nie mehr. Pinnborde mit Bildern von den Lieben schaffen Großfamilien, wo keine mehr sind, auf Postern entstehen Tierwelten wie sonst nur auf dem Bauernhof. Bei Anna steht eine Staffelei. Auf dem Schreibtisch liegen Noten, schon hat sie die Gitarre in der Hand, und los geht es: »Rock my soul in the booo-ssom of A-bra-ham!«
Anna hat Glück: Nur eine Million Kinder lernen ein Instrument. Aber wenn man in einer Schulklasse von 25 fragt, wer einen eigenen Fernseher hat, gehen sofort fünf Hände hoch und noch mal sechs bei der Frage nach dem Computer, und zwölf dürfen so lange vor den Glotzen hängen, wie sie wollen. Jedes fünfte Kind zwischen 10 und 13 Jahren hat einen eigenen PC. Durchschnittlicher Fernsehkonsum: 2,5 Stunden, mit eigenem Fernseher sind es schon 3,5. Eltern können großzügig sein bis jenseits der Schmerzgrenze. »Körperverletzung« nennt das die Familienministerin. Andererseits: »Geht jetzt endlich raus!«, der Eltern-Schrei der fünfziger Jahre, wirkte heutzutage wie eine Verletzung der Aufsichtspflicht, wo selbst in einer idyllischen Stadt wie Freiburg über die Hälfte der Eltern die Spielsituation für ihre Kinder als gefährlich einschätzen und tatsächlich im Land alle elf Minuten ein Kind bei einem Unfall verletzt wird. Auch auf der Dorfstraße brettern die Leute nur so durch. Weshalb die Kinder im Haus gehalten werden. »Wir haben hier mindestens ein Jahr gewohnt, bevor wir überhaupt registriert haben, dass es noch andere Kinder gibt«, sagt Johannas Mutter.
Obwohl die Gärten aneinander grenzen, hat also Johanna – die auf der aufgeräumten Terrasse aus Holzplanken und an den beiden Teichen, zu denen sich der Sauna-Ruheraum mit großer Glastüre öffnet, fast nie spielt, ja was denn auch – noch gar nicht bemerkt, dass nebenan der Raum aller Sehnsüchte für die Großfamilie liegt. Kim und Louisa zeigen den Weg, er führt durchs Gerümpel der Nachbargarage, über lehmverkrustete Stufen in ein Gebüsch. Brombeerranken hakeln nach uns, auf wackelnden Planken rutschen wir weiter, ein Gartenhaus taucht auf mit zackig zerbrochenen Glasscheiben, die Mädchen jauchzen: Kisten voller alter Fotografien! Dosen, in denen was rappelt! Und dies, schreit Kim, ist mein Kletterbaum, hat Mama mir geschenkt! Und sitzt oben.
Fürsorge nach Terminkalender
Es ist nicht leicht zu verstehen, wie die Kinder der Dorfstraße so benachbart leben und ihre Welten doch so auseinander fallen. Morgens kann man sie sehen, wie sie zu verschiedenen Schulen aufbrechen, nachmittags kommen sie zu verschiedenen Zeiten zurück. Und die Arbeitszeiten ihrer Eltern sind noch mal anders. In anderen Ländern ist das alles koordiniert. Hier fällt jede Familie in einen eigenen, oft nur mit Mühe auszubalancierenden Rhythmus.
Die Experten sprechen von einer Verinselung der Kindheit. Oft finden nur noch Begegnungen statt, die von den Erwachsenen vorgeplant und arrangiert wurden, die als Event gestaltet sind, einen zeitlichen Anfang und ein Ende haben, Termindruck machen. Kinderapfelfest oder Kinderchor, Kinderökogruppe oder Kinderoper, macht 135 Euro. Fürsorglichkeit der Eltern bedeutet, solche Alltagsterminpläne zu erstellen, oft sind sie getrieben vom Anspruch, ihre Kinder bestmöglich zu fördern. Eigeninitiative der Kinder ist geradezu suspekt geworden. Miteinander rumzuhängen gilt schon als verwahrlost. »Wenn ich die an der Bushaltestelle sehe, weiß ich doch gleich, dass die von ihren Eltern abgeschoben werden«, sagt eine junge Frau, die wir in Karlsruhe treffen, im Stadtteil Rinteln, auf einer Wiese zwischen zwei Hochhausblöcken.
Rechts und links stehen Wohnblöcke, fünf Stockwerke hoch, ein Wohngebiet, das als problematisch gilt. Viele Nationalitäten sind hier zusammengewürfelt, es gibt Klagen über Jugendgangs und Arbeitslosigkeit, auch wenn die Wohnblocks mit je neun Wohnungen adrett renoviert sind, inklusive Solarzellen auf dem Dach. Aber dazwischen ist gar nichts vom Kindergesichtspunkt aus. Einige Teppichstangen. Gemähter Rasen. Der lag vor wenigen Minuten noch verlassen da.
Nun fährt ein roter Doppeldeckerbus vor. Schon ist er umringt von fünf, sechs Kindern. Der Bus hat noch nicht richtig eingeparkt, da sind es schon 15 oder 20. Es ist, als würden Kinder vom Himmel fallen, ein Schrei ertönt: »Der Mobi-Bus ist da!« Über 100 Kinder stürmen ihn. Ein Ereignis bahnt sich an. Kinder spielen.
Waren Kindsein und Spielen nicht noch vor kurzem fast das Gleiche? Heutzutage rücken also städtische Angestellte der mobilen Spielaktion in Einsatztrupps aus, um Kindern zu zeigen, wie man spielt. Die Mobis schmeißen Bälle auf den Rasen, und sofort jagen drei, vier Jungen hinterher. Sie stellen leere Getränkekästen aufeinander und verbinden die Türme mit rohen Planken und Tunneln aus Plastiktonnen, und schon krabbeln die Kinder und kreischen, wenn sie ins Rutschen kommen. Sie stellen sich ohne die geringste Ermahnung an einer Leiter an, die auf ein zwei Meter hohes Metallgerüst führt, und springen runter in die Matratzenlandschaft, als fürchteten sie nichts im Leben.
Dass Kinder spielen, ist so unglaublich, dass sich auf den Balkonen Zuschauer einfinden. Kinder spielen! Ein Mann hat sein Fernrohr geholt, jemand fotografiert. Spielen! Am Bürgersteig bilden sich Trauben von Passanten. Eine Frau sagt: »Und morgen ist hier wieder tote Hose.«
Das Mobi-Team Karlsruhe, eines von 400 bundesweit, hat 4,5 feste Stellen plus Praktikantin und Zivis. Termine werden schon für den Sommer 2004 geplant. Jeden Montag Projektentwicklung, jeden Freitag pädagogische Fachsitzung, jeden Nachmittag eine Spielaktion, jeden Morgen Manöverkritik: Wie waren wir, wie soll es besser werden? Ach, gäbe es solche Professionalität in allen pädagogischen Bereichen! Doch erst seit Pisa wird zögerlich über Qualitätskontrolle in Kindergärten und Schulen diskutiert.
Jasmin, die fünf Jahre alt ist, schleppt ihre sechs Monate alte Nichte über den Rasen. Pietro steckt in einer Tonne fest, kein Wunder bei seinem Umfang. Kadhia und Karima, deren Papa aus Pakistan kommt, bemalen ihre Gesichter mit Gold und Rot. Drei Jungen versuchen, einen Stapel Bauholz hinter ein Gebüsch zu ziehen, zur Rede gestellt, sagen sie: »Wir wollen doch morgen auch noch spielen!«
Fragen wir die Mütter von Lydia und Valentina, die aus Kasachstan hierher gezogen sind, wie das Leben für ihre Kinder in Deutschland ist. »Schön!«, lächeln sie. Und? »Aber dass man immer Angst um die Kinder haben muss…« Victoria aus Togo, deren glutrot gefärbte Zöpfe im Abendlicht leuchten, sagt: »In Afrika gibt es keine Eltern, die immer dasitzen und auf ihre Kinder aufpassen. Kinder wollen doch allein sein.« Sie wolle nicht unhöflich sein: »Aber bei uns ist das mit den Kindern normaler. Verstehen Sie? Normal!«
Ja, den Deutschen sind ihre Kinder zum Problem geworden. Tippt man bei Google Kind+Ratgeber ins Suchfensterchen, spuckt die Suchmaschine 317000 Einträge aus. Alles muss anscheinend gelernt werden. Kinder wickeln und erziehen, Kinder gesund kriegen, mit Kindern Lieder singen, mit Kindern fernsehen, sie durch die Pubertät begleiten. Und als würden die Eltern nicht fleißig genug Ratgeber lesen, gibt es zugleich eine eigene Gattung von Büchern, in denen das Versagen der Eltern beschrieben und angeprangert wird.
Das deutsche Kind hat Eltern, die mächtig unter Druck geraten sind. Die Nation misstraut ihnen. So viel Skepsis schlägt nur noch den Lehrern entgegen, den Zweiteltern sozusagen, übrigens zwei Gruppen, die erbitterte Kriege führen über das Thema, wer von ihnen mit Kindern schlechter umgehe. Ganze Hilfsbataillone von Elternerziehern – Psychologen, Soziologen – stehen bereit, den Eltern ihre Unsicherheit abzutrainieren – und sie mit jedem Angebot auch wieder zu schüren.
Erziehen fällt schwer in einer Welt der gebrochenen Traditionen, in der nicht mehr selbstverständlich ist, was »man« als Junge oder Mädchen zu tun hat, ob »man« konfirmiert wird, wie autoritär »man« als Vater sein muss oder wie sanft. Eiserne Regeln? Der Nachbar hat andere. So lernen Kinder nebenbei, dass Menschen ganz verschieden leben. Andererseits können widersprüchliche Botschaften sie bis zur Aggression irritieren.
Gereizt erscheint auch eine Diskussion, die eine ganze Nation über die Köpfe ihrer Kinder hinweg führt, zur Frage, wie Junge und Alte überhaupt zueinander stehen. Sind Kinder eine private Angelegenheit der Eltern? Die Aufgabe aller? Staatsbürger mit Rechten wie dem der Wahl? Der Streit hat Entertainment-Qualität, sogar einen Namen: Generationkonflikt. Im Fernsehen laufen Talkshows zu diesen Fragen. Es treten schnittige Menschen auf, die ihre Beiträge mit dem Satz beginnen: »Ich habe ja nichts gegen Kinder…« und Applaus ernten. Sie äußern ihren Ärger darüber, dass Schulen noch als öffentliche Aufgabe begriffen werden – Applaus.
In Deutschland sind Kinder zu 27 Prozent von Armut betroffen, das ist der zweithöchste Wert in Europa. Nur in Irland ist das Armutsrisiko der Kinder höher (28 Prozent), in Dänemark liegt es bei 11 Prozent. Widerfährt deutschen Kinder das Missgeschick, in einem Haushalt alleinerziehender Eltern zu landen, steigt ihre Chance, dass es äußerst ärmlich zugeht, auf 47 Prozent. Würden diese Kinder in Schweden bei Papa oder Mama leben, wären nur 19 Prozent von ihnen arm. Könnten Kinder sich ihr Geburtsland aussuchen, nun, Deutschland wäre vermutlich nicht die erste Wahl.
Kein Geld für den Schulausflug
Arm sein heißt: schon wieder ermahnt zu werden, die zwei Euro für den Schulausflug endlich abzugeben, und noch mal, vor der Klasse, um Aufschub bitten zu müssen. Es bedeutet, mit zerfledderten Turnschuhen anzutreten, obwohl die Sportlehrerin auf neuen besteht. Oder: kein Geburtstagsgeschenk zu haben für den Freund.
Arme Kinder sind auch kränker. Im Osten unserer Republik lebt jedes dritte Kind in einer Familie mit weniger als der Hälfte des durchschnittlichen Einkommens. Der Zug fährt von Berlin in Richtung Polen, durch eine Landschaft von Feuchtwiesen und Birkenhainen. An der Grenze fließt die Oder. Hinter dem Deich liegt ein schönes Haus aus Fachwerk. Hier wohnen Lukas und Julius mit ihren Eltern.
Man könnte denken, dies sei ein Kinderparadies. Um das Haus ist ein Garten, drum herum ein Flechtzaun. Drinnen scharren Hühner, ein Hund hat sich in eine Kuhle gekuschelt, Tauben segeln an, es sind Lukas’ Tauben, große weiße. Lukas hat es mit den Tieren. Mit sieben hat er seinen ersten Fisch gefangen, er kann von Plötzen und Güster berichten und dass er im Sommer einen veritablen Hecht aus der Oder gezogen hat. Lukas ist zehn. Sein Bruder ist acht und nutzt den Oderdeich gern, um sich mit dem Skateboard in die Tiefe zu stürzen. Geht es schöner?
Nun, es ist auch so: Lukas’ Vater ist arbeitslos, so lange schon, dass er über Arbeit redet wie über ferne Träume. Seine Frau bearbeitet am Computer Landkarten, ein Glücksfall, dass sie das weitgehend zu Hause machen kann. Die beiden wissen, dass es ein Luxus ist, bei ihren Kindern sein zu können, und doch. Brauchen Kinder nicht auch Kinder?
Im Dorf, wo niedrige Häuser unten hohen Bäumen an Lehmwegen stehen, gibt es in Lukas’ Alter nur Marie. Sein Freund Kevin: wohnt drei Kilometer weit weg, Christoph schon sechs Kilometer. Für Julius gibt es nur einen Steve. Fußballmannschaften kriegt man so nicht zusammen. Der Spielplatz liegt verwaist. Die Ständer für die Basketbälle haben keine Körbe.
Das Dorf bemüht sich. Eine Kinderfeuerwehr wurde aufgezogen und letztes Jahr ein Weihnachtsfest für die Kleinen. Doch der Jugendclub musste geschlossen werden, es gab Beschwerden. Dabei gibt es kaum noch Jugend. »Früher«, sagt die Mutter, »wenn man ins Dorf kam, standen sie überall. Jetzt ist alles leer.« 300 Einwohner, knapp 30 Kinder. Die Krippe wird zwar noch betrieben. Aber Kindergarten, Schule, »alles weg«. Geschlossen die Grundschulen der beiden Nachbardörfer, auch dies ist eine Form der Armut, die Kinder hart trifft.
Lukas muss um 5.30 Uhr aus den Federn. Sein Gymnasium ist 30 Kilometer entfernt, nur 30!, ein Glücksfall, von 99 Gymnasien Brandenburgs sind ja schon 22 zu. Lukas gehört zu einer handverlesenen Gruppe, die schon zur fünften Klasse ins Gymnasium darf, leistungsstarke Kinder, die besonders gefördert werden sollen. Sie sind die Küken in der hübsch renovierten Schule, die von den Seelower Höhen in die Ebene blickt.
Unerschütterliche Optimisten
Fragt man die Direktorin, was sie an Schönem für die Kinder dieser Gegend sehe, sagt sie: »Dass das Leben ruhiger ist als in der Großstadt.« Dann, grimmig: »Ruhiger natürlich nur, wenn man nicht fahren muss. Was die meisten aber müssen.«
Einzugsbereich: 80 Gemeinden. Es gibt Kinder, so sagt ein Lehrer, die seien in ihren Familien die Einzigen, die morgens überhaupt irgendwo hinmüssten. Die Direktorin sagt, man habe die Zahl der Klassenfahrten ausdünnen müssen, mit Rücksicht auf die finanzielle Lage der Familien. Das Hauptproblem aber sei, dass viele Kinder ahnten, dass sie hier, im schönen Oderbruch, so richtig eine Chance nicht haben. »Der attraktivste Beruf«, sagt die Direktorin, »ist Krankenpfleger. Wer das nicht will, muss weggehen.«
Von solchen Dingen ahnen Lukas und Julius vielleicht noch nichts. Womit sollten sie auch ihre Kindheit vergleichen? Aber ihr Vater erinnert sich. In seiner Dorfschule gab es acht Klassen, in jeder Klasse 20 bis 25 Kinder, da waren 180 Schüler, nur in seinem Dorf. Man war arm. Für Kinder fiel wenig ab, übrigens auch an Zuwendung.
Und trotzdem: »Ich finde, dass ich eine schönere Kindheit verlebt habe. Weil wir freier waren, rumgetobt haben, auf den Strohballen, also das würde ich meinen Kindern heute schon gar nicht mehr erlauben.« Er lacht verlegen. Seine Frau sagt: »Darf man das auch mal sagen, dass die Erwachsenen damals nicht so ’ne offene Weltsicht hatten wie heute? Wir wurden auch ganz schön fertig gemacht.« In einem Jahr läuft ihr Vertrag aus. Irgendwie werde es schon werden, sagt sie. Dann korrigiert sie sich. »Worauf ich vertraue, ist, dass mir was einfällt, um uns durchzubringen.«
Auch Kinder sind meist unerschütterliche Optimisten. Wir haben Jungen und Mädchen in einer Grundschulklasse im schönen Schleswig-Holstein gefragt, was sie an ihrem Leben mögen.
Jessika schreibt: »Ich finde schön, dass wir Hühner haben.« Was will Anna? »Mehr Bauernhöffe!« Melina ärgert zwar, dass der Hund zu Hause zu laut bellt, trotzdem: »In dieser Welt mag ich gern leben.« Die Jungen finden »Treger Fahrn!« schön. Einer schreibt: »Zu Hause ist es sehr toll ,weil meine Mutter immer für mich da ist, wenn ich sie brauche.« Na, na. Die tollkühnsten Wünsche sind: »Längere Färien!« und natürlich, »dass Amrum Deutschland ist«. Was dazu wohl die Bayern sagen.
* Nächste Woche im WISSEN: Wie man in Deutschland Natur erlebt
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- Serie leben in deutschland
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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