Als der Zug in den Tunnel einfährt, steht das kleine Mädchen auf. Das Mädchen trägt eine Jeans mit Schlag, worauf jemand viele bunte Sterne genäht hat, und dazu ein bauchfreies TShirt mit Ringeln in Rot und Gelb und Blau und Grün. Das Mädchen geht zum Fenster, das jetzt ein schwarzgrundiger Spiegel ist, und legt den Kopf nach hinten und schüttelt ihn, dass die langen blonden Haare fliegen. Es kämmt mit den Fingern von unten durch die Haare und hebt sie hoch und lässt sie fallen, es neigt den Kopf zur Seite und lächelt sich an. Der Zug rauscht ins Sonnenlicht, das Kind geht zurück zu den beiden Frauen, die unter ihren Kopftüchern tuscheln. "Da bist du ja wieder!", sagt die eine.

Auf einer Bank im Zug sitzt ein kleiner Junge mit Kullerkopf. Neben ihm eine schlanke Frau, in der Hand hält sie eine Milchschnitte. Sie schält die Stanniolverpackung ab und hält dem Jungen das Schokoladenstück hin. Er schüttelt den Kopf, "Dann nicht", sagt sie und beißt ab, er untersucht seine Finger. Er hangelt nach ihrer Hand. Sie hält die Schokolade tiefer, er wendet sich ab. Sie nimmt einen Bissen und reicht ihm das Stück, und dann beißt er ab, dann wieder sie, dann er, dann sie.

Wenn man wissen will, wie es den Kindern in Deutschland geht, schaut man unwillkürlich, ob sie wohl glücklich aussehen. Glück ist, mit seiner Mama eine Milchschnitte zu teilen, von du zu du. Man stelle sich vor, ein Menschenleben früher, und da kasperte einer rum und wollte keine Schokolade und dann doch! Glück ist, wenn ich anziehen darf, was ich mag, und keiner schimpft: Ist heute Karneval oder was? Sich im Spiegel betrachten zu können, und niemand mahnt: Sei nicht so eitel! Glück ist, wenn ein Kind sich mögen darf.

Kinder in Deutschland sind heute so selbstbewusst wie nie. Eltern in Deutschland, natürlich nicht alle, begegnen ihren Kindern mit einem Respekt, der noch vor einem halben Jahrhundert allein Erwachsenen vorbehalten war. Kinder lernen im Unterricht, dass sie Rechte haben, die in einer UN-Charta verankert sind. Sie werden gefragt, was sie essen oder welche Schule sie besuchen wollen, sie dürfen mitentscheiden, wohin es in den Ferien geht. Sie bekommen Geldgeschenke, alle zusammen in Milliardenhöhe. Und doch, Kinder in Deutschland haben Grund, sich zu den Erwachsenen zu drehen und zu rufen: Ihr seid ja alle nackt!

Inmitten der Wohlstandsgesellschaft ist der Anteil der Kinder, die arm sind, doppelt so hoch wie unter Erwachsenen. Inmitten der Wissensgesellschaft erleben Kinder einen Bildungsnotstand: In den Schulen sind ihre Chancen, sich zu Höchstleistungen zu entfalten, nur halb so gut wie in europäischen Nachbarländern. In abgeblätterten Gebäuden werden sie gnadenlos in eine Hierarchie willkürlicher Noten sortiert. Nicht wenige von ihnen macht die Schule so zu Versagern: Zehn Prozent der Schüler lagen laut der Pisa-Studie unterhalb der schlechtesten Leistungsstufe; so viele wie sonst nur in Brasilien oder Luxemburg. Inmitten einer Gesellschaft, die sich der Freizügigkeit rühmt, wurde der Streifradius des Grundschulkindes seit den siebziger Jahren von 20 auf 4 Kilometer gestutzt. Eine Gesellschaft, die von Fitness besessen ist, zieht Kinder auf, von denen über die Hälfte zum Zeitpunkt der Einschulung nicht mal 30 Sekunden auf einem Bein stehen kann.

Tagesbrüder, Nachtmütter

Das Bemerkenswerteste aber ist, dass es überhaupt nur noch rund 15,5 Millionen Kinder gibt, weniger als Anfang der siebziger Jahre allein in der alten Bundesrepublik. In ganz Deutschland leben sechs Millionen Kinder weniger als vor 30 Jahren. Es gibt Städte wie Hamburg, da bevölkern Kinder nur noch 18 Prozent der Haushalte. Es gibt Vororte, Rückzugsgebiete, da leben sie dicht an dicht.