Sobald beim Warenhaus El Corte Inglés der Schlussverkauf beginnt, reagieren die Spanier ähnlich wie die Deutschen, wenn bei Aldi ein Computer verramscht wird. Und das heißt Schlange stehen, schon Stunden vor Geschäftsbeginn. Die Madrider Rentnerin María José Sánchez, die 30 Kilometer vom nächsten El Corte Inglés entfernt wohnt, chartert auch schon mal einen Bus mit Gleichgesinnten, der sie direkt vor die Tür des Kaufhauses bringt. "Der Bus kann in Madrid auf einem gesonderten Streifen fahren und somit das Verkehrschaos umgehen", sagt sie. So ist man schneller am Ziel als mit dem eigenen Auto. Damit zu fahren wäre auch Wahnsinn, weil ohnehin alle Tiefgaragen überfüllt sind, vor allem die des El Corte Inglés.

Kein Wunder. Eine Umfrage ergab, dass 80 Prozent aller Spanier ihr Geld am liebsten in dieser geräumigen und luxuriös ausgestatteten Warenhauskette ausgeben. Auch wenn sie wissen, dass sie an den 80 verschiedenen Standorten des El Corte Inglés für viele Sachen draufzahlen. Das gilt vor allem für Lebensmittel, hat die spanische Verbraucherorganisation OCU herausgefunden. Wenn sie die Warenkörbe in Europa vergleicht, befinden die Vertrieblinien von El Corte Inglès häufig unter den teuersten – am günstigsten sind hingegen die deutschen Discounter. Wer wie María José Sánchez auf den Cent schauen muss, konzentriert seine Einkäufe deswegen auf die Rabattaktionen und die allmonatlich stattfindenden "wunderbaren Wochen", bei denen die Preise ebenfalls stark herabgesetzt sind.

Diese Preispolitik hat El Corte Inglés geholfen, von allen Warenhausketten in Europa am meisten umzusetzen. El Corte Inglés ist in Spanien eine bekannte Marke, sogar die mit dem höchsten Prestige. Konsumenten verbinden mit ihr einwandfreien Service, kulante Umtauschrechte und gute Beratung, wofür sie auch bereit sind, mehr zu zahlen.

Gerade während der Franco-Diktatur, als Spanien von der Außenwelt isoliert war und es den Menschen wesentlich schlechter ging als heute, war das Kaufhaus für viele eine einzigartige Erlebniswelt und gleichzeitig ein sicherer Felsen in der Brandung. "Da wusste man immer, was man kriegt, und das ist heute noch so", sagt die 70-jährige Engracia Revuelta, deren fünf Kinder ebenfalls treue El-Corte-Inglés-Kunden sind.

Die Konkurrenz hat die Kaufhauskette schon lange abgehängt. Woolworth, Marks & Spencer sowie verschiedene französische Kaufhausketten sind bereits an dem Einzelhandelsimperium gescheitert. Ein spanischer Konkurrent, Galerías Preciados, wurde vor acht Jahren einfach geschluckt. Deswegen ist es auch relativ leicht, das eigene gute Image ohne großen Aufwand beziehungsweise neue Dienstleistungen aufrechtzuerhalten.

Der gute Ruf bewegt sich inzwischen sogar über die Landesgrenzen hinweg, obwohl das Warenhaus außer in Spanien nur in Portugal Standorte hat. Im fernen Mexiko zum Beispiel gelten die grünen El-Corte-Inglés-Plastiktüten als ein begehrtes Souvenir. "Wenn wir jemand ein Geschenk in dieser Tragetasche mitbringen, dann hat es direkt mehr Wert, weil es anscheinend dort gekauft wurde", sagt der Chef der mexikanischen Nachrichten-agentur Nortimex Luis Castro.

Das in den dreißiger Jahren von Ramón Areces Rodríguez gegründete und stets über eine Stiftung als Familienbetrieb geführte Kaufhaus kennt weder Verlustjahre noch Massenentlassungen. Im vergangenen Geschäftsjahr haben die zirka 52000 Angestellten fast neun Milliarden Euro erwirtschaftet. Der Gewinn wuchs um mehr als vier Prozent auf 322 Millionen Euro.

Die Umsatzrendite der Kaufparadiese mit dem grün leuchtenden Firmenlogo betrug 3,6 Prozent. Das ist zwar leicht weniger als in vergangenen Jahren, aber noch wesentlich mehr als bei Branchenkollegen. Pro Quadratmeter Verkaufsfläche konnte El Corte Inglés 8600 Euro umsetzen, die deutschen Warenhaus-Konzerne Karstadt und Kaufhof erreichen bloß etwa ein Drittel dieses Wertes.