Anfang 1997, als er für die Nachfolge Helmut Kohls im Gespräch war, gab der damalige CDU/CSU-Bundestagsfraktionsvorsitzende Wolfgang Schäuble dem stern ein Interview. Die Zeitschrift betitelte es mit der Schlagzeile: Ein Krüppel als Bundeskanzler? Schäuble erklärte sich mit dieser Formulierung ausdrücklich einverstanden. Es sei legitim, die Befähigung eines behinderten Politikers für ein hohes Staatsamt auf diese Weise zu thematisieren. "Diese Frage muss man stellen", meinte der seit 1990 durch ein Attentat querschnittsgelähmte Politiker.

Treffender hätte er formulieren sollen: "In Deutschland muss man diese Frage stellen." Denn für andere Länder gilt das längst nicht mehr. In den USA zum Beispiel hat es zwei sichtbar schwer behinderte Präsidenten gegeben – beide mit dem Nachnamen Roosevelt. Theodore Roosevelt (1901 bis 1909) war vom Asthma gezeichnet, Franklin D. Roosevelt (1933 bis 1945) durch die Kinderlähmung an den Rollstuhl gefesselt. Heute gilt in England der blind geborene Innenminister David Blunkett als eines der fähigsten Mitglieder im Kabinett von Tony Blair. Als schwedischer Sozialminister hat sich der nicht sehende Bengt Lindqvist im In- und Ausland Anerkennung erworben. Deshalb haben ihn die Vereinten Nationen zu ihrem Behindertenbeauftragten berufen.

In diesen Ländern stehen offenbar die Leistungen und Fähigkeiten der Menschen im Vordergrund. Ob sie ein Handikap haben, spielt eine untergeordnete Rolle. Wie aber sieht es im Jahr 2003, das von der EU zum Europäischen Jahr der Menschen mit Behinderungen ausgerufen worden ist, in Deutschland aus? Man muss gar nicht erst an die Nationalsozialisten und ihre Praxis der Zwangssterilisation und Ermordung als "minderwertig" eingestufter Menschen erinnern, um hierzulande eine unheilvolle Tradition der Verdächtigung und Ablehnung jeglichen Abweichens vom vermeintlich "Normalen" zu erkennen, die bis heute nicht ganz überwunden ist. Auch noch nach dem Ende des "Dritten Reichs" wurden Menschen mit Behinderungen in der deutschen Gesellschaft als "leistungsgemindert" abgewertet, abgesondert und an den Rand gedrängt. Man denke nur an die Entscheidungen deutscher Gerichte, die allein die Anwesenheit und den Anblick schwerstbehinderter Menschen als "Urlaubsfreuden mindernd" bewerteten und den Klägern Schadensersatz zugesprochen haben. Einer Gruppe geistig Behinderter wurde das Aufenthaltsrecht in ihrem eigenen Garten eingeschränkt, weil sich Nachbarn von der "Andersartigkeit ihrer Unterhaltung" gestört fühlten.

An der bis heute fortdauernden Tendenz zur Ausgrenzung haben auch die häufig bewunderten Leistungen von Millionen Menschen, die im Krieg blind, taub oder beides wurden, von Menschen, die Beine und Arme verloren haben, nichts Grundsätzliches ändern können. Bis 1974 konzentrierten sich die Bundesregierung und die meisten Landesregierungen darauf, die materiellen Nöte der Kriegsverletzten zu lindern. Gehandikapte Menschen, die der NS-Todesmaschinerie entkommen waren, wurden von der Politik übergangen. Gleiches galt erst recht für jene, die nach 1945 mit einer Behinderung geboren wurden oder durch Krankheit oder Unfall zu Behinderten geworden waren. Ihren Nachteil durch eine der Unterstützung von Kriegsopfern analoge Hilfe auszugleichen, so hieß es, würde die öffentliche Hand überfordern. So blieben die Behinderten sich selbst und der Fürsorge ihrer Angehörigen oder privater Hilfsorganisationen überlassen.

Zwar haben Behinderte seit 1962 Anspruch auf Hilfen gemäß dem Bundessozialhilfegesetz. Für die gesellschaftliche Integration der Menschen mit Behinderungen ist jedoch eine dauerhafte Unterstützung notwendig, die die Städte und Landkreise allein nicht schultern können. Da die knapp bemessenen Einkommens- und Vermögensgrenzen des Sozialhilferechts die meisten behinderten Menschen von den Hilfen ausschlossen, riefen die sechs großen Wohlfahrtsverbände und das ZDF 1964 die Aktion Sorgenkind ins Leben. Sie bringt das Geld aus privaten Spenden und den Einnahmen einer Fernsehlotterie auf. Ihren Namen änderte sie erst nach jahrelangen Protesten behinderter Menschen, die sich mit Recht durch die Bezeichnung "Sorgenkind" diskriminiert fühlten. Seit dem März 2000 heißt sie Aktion Mensch.

Erst die sozial-liberale Bundesregierung unternahm ab 1969 ernsthafte Anstrengungen, Behinderte aus ihrem Schattendasein herauszuholen. Doch wurden ihre Vorgaben von der Ministerialbürokratie auf fragwürdige Art und Weise umgesetzt. Sie formulierten ihre Vorschläge ohne Rücksicht auf die Erfahrungen der Betroffenen, die sie wie Bittsteller von oben herab behandelten. So brachte das zum 1. Mai 1974 unter dem anspruchsvollen Titel beschlossene "Gesetz zur Eingliederung Schwerbehinderter in Arbeit, Beruf und Gesellschaft – Schwerbehindertengesetz" kaum eine Verbesserung der konkreten Lebenssituation behinderter Menschen. Es fehlten konkrete Vorschriften zur Beseitigung von Hindernissen im Alltag, welche die Betroffenen faktisch von der Teilnahme an öffentlichen Veranstaltungen ausschließen. Auch gab es keine definitiven Aussagen gegen berufliche und gesellschaftliche Diskriminierung. Gelähmte, gehörlose, mehrfach amputierte, blinde, geistig oder stark sehbehinderte Menschen, für die dieses Regelwerk vor allem gedacht war, profitierten von seinem Instrumentarium kaum. Bis heute protestieren Behinderte bei offiziellen Veranstaltungen. Sie ketteten sich an Bühnen, gründeten ein "Krüppeltribunal" und klagten die "Behinderer" in Politik und Gesellschaft an. Ein Rollstuhlfahrer ließ sich in Berlin-Lichtenberg mit einem Kran durch den Balkon in das Rathaus heben, damit er die Bürgersprechstunde besuchen konnte.

"Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden." – Erst seit 1994 steht diese Ergänzung in Artikel 3 des Grundgesetzes, dem allgemeinen Gleichheitsgrundsatz. Zu konkreten Schritten, diese Vorgabe mit Leben zu füllen, kam es aber erst nach dem Regierungswechsel 1998. Das IX. Sozialgesetzbuch vom Juli 2000, welches das Eingliederungsgesetz von 1974 ablöste, ist unter Beteiligung behinderter Menschen entstanden und enthält wirksamere Regelungen als sein Vorgänger. Doch nach wie vor hapert es bei der bürgerfreundlichen und unbürokratischen Anwendung seiner Bestimmungen. Mit Verhältnissen wie in Kanada und Australien, wo öffentliche Gebäude und Verkehrsmittel so gestaltet werden, dass sie für alle Menschen gleichermaßen erkennbar, erreichbar und benutzbar sind, lassen sich die Zustände bei uns, aber auch in anderen europäischen Ländern noch lange nicht vergleichen.