Die Weigerung Russlands, das Kyoto-Protokoll zu ratifizieren, ist ebenso empörend wie die Klimaschutz-Abstinenz der Amerikaner! Die Analyse der Bush-Administration stimmt trotzdem: Ohne eine radikale Änderung des Kyoto-Protokolls, ohne seine marktwirtschaftliche Einnordung und ohne die Einbeziehung der Entwicklungsländer ist die Klimakatastrophe nicht zu verhindern. Ob die Amerikaner allerdings die einzig zielführende Strategie unterstützen würden, ist fraglich: Ihr Kern wäre das gleiche Recht jedes Menschen, Treibhausgase zu emittieren – und die Möglichkeit, mit diesen Rechten zu handeln.

Das klingt nach akademischer Gedankenspielerei. Tatsächlich lässt sich aber im Prinzip nur durch die Ausgabe solcher handelbarer Zertifikate das Ziel erreichen, "gefährliche Störungen des Klimasystems" zu verhindern, wie es im Kyoto-Protokoll heißt. Zu diesem Zweck müssten entsprechend einem noch zu vereinbarenden Kyoto-II-Vertrag zunächst so viel Klimazertifikate ausgegeben werden, wie sie den Emissionen des Vorjahres entsprächen. Käme es beispielsweise im Jahr 2015 zu der notwendigen Reform, wären es voraussichtlich rund 30 Milliarden Tonnen Kohlendioxid (CO2). Diese Zertifikate wären dann über einen Zeitraum von 35 bis 40 Jahren abzuwerten, sodass am Ende weltweit nicht mehr als 10 Milliarden Tonnen CO2 emittiert werden dürften. Dieser Zielwert stimmte überein mit den Erkenntnissen und Forderungen der Klimaforscher.

Wer aber soll wie viele Emissionsrechte erhalten? Der einzig gerechte Verteilungsschlüssel wäre – entsprechend dem Prinzip "One man, one vote" – das "One man, one climate emission right"- System. Oder hat etwa nicht jeder Mensch dieser Erde das gleiche Recht (oder Unrecht), die Atmosphäre mit Klimagasen zu belasten? Wenn also demnächst 7,5 Milliarden Menschen die Erde bevölkern, bekommt jeder Staat pro Einwohner vier Tonnen CO2-Emissionsrechte kostenfrei zugewiesen. Insgesamt ergäbe das 30 Milliarden Tonnen, was zunächst keine weltweite Knappheit bedeutete. Die weltweiten Pro-Kopf-Emissionen lagen im Jahr 2000 bei exakt 3,89 Tonnen.

Allerdings: Die US-Bürger emittieren gegenwärtig pro Kopf jährlich mehr als 20 Tonnen, die EU-Bürger durchschnittlich mehr als 8 und die Deutschen mehr als 10 Tonnen – während auf das Konto der Afrikaner oder Inder weniger als eine Tonne geht und sich die Chinesen mit 2,4 Tonnen begnügen. Ändert sich an diesen Relationen bis zur Einführung des Kyoto-II-Systems grundsätzlich nichts, müssten also die Industriestaaten Zertifikate von weniger klimabelastenden Nationen, meist Entwicklungs- und Schwellenländern, kaufen. Der Effekt: Plötzlich wäre es für alle Länder von wirtschaftlichem Interesse, sich klimaschonend zu entwickeln oder umzustruktieren. Klimabelastung kostete nämlich Geld: weil die Zertifikate teuer erworben werden müssen; oder weil weniger Zertifikate verkauft werden können.

Die allmählichen Entwertungen der Zertifikate verstärken den Marktanreiz noch: Klimabelastung wird immer teurer, Klimaschutz aber immer rentabler. Ein flexibles, länderbezogenes Controlling- und ein weltweites Antibetrugs-System müssten selbstverständlich für die Einhaltung der Spielregeln sorgen.

Selbst umweltengagierte Zeitgenossen mögen indes den Vorschlag für zu radikal, gar für "weltfremd" halten. Tatsächlich ist er nur die instrumentelle Umsetzung dessen, was die Klimaforscher fordern, damit unsere Kinder nicht apokalyptische Zustände erleben müssen. So brutal es klingen mag: Das Kyoto-Protokoll leidet unter Geburtsfehlern, die echte Fortschritte bei der CO2-Verminderung in weite Ferne rücken lassen. Ihm fehlt, im Gegensatz zum Zertifikatssystem, der Daueranreiz zum Klimaschutz.

Welchen Gesetzmäßigkeiten folgt denn bisher die internationale Klimaschutzpolitik? Ausgehend von ihren früheren Emissionen, feilschen die Industrienationen um die geringstmöglichen Zugeständnisse, sprich Reduktionen ihres Klimagasausstoßes. Die Entwicklungs- und Schwellenländer werden zwar voraussichtlich für 80 Prozent des Emissionszuwachses in den nächsten zwanzig Jahren verantwortlich sein. Aber auch sie sehen keinen Grund für die Begrenzung ihres Klimagasausstoßes, weil aus ihrer Sicht die Industrieländer mit ihren weit überdurchschnittlich hohen Emissionen den ersten Schritt tun müssen. Deshalb ist das Kyoto-System in einer Gerechtigkeitsfalle gefangen. Diesen Geburtsfehler kann nur das Zertifikatssystem beheben.

Reiben wir uns den Öko-Sand aus den Augen: Selbst die Milliarden Euro für Windkraftanlagen oder für die Öko-Steuer verschieben den "Beginn" der Klimakatastrophe gerade einmal um ein halbes Jahr. Tatsächlich versuchen wir umweltbewussten Deutschen (und Europäer), durch Abschöpfen mittels eines Kaffeelöffels das Überlaufen eines riesigen Fasses zu verhindern. Dieser Versuch ist zum Scheitern verurteilt.