indien Tiefe Wasser, letzte Riten
In Neu-Delhi und Benares kann ein Europäer schnell verloren gehen. Fremde Paläste, fremde Götter, fremde Gesichter. Aber am Ganges gibt es Menschen, die ihm den Weg weisen
Nein, nach Indien dürfte man eigentlich nicht nur für zwei Wochen fahren. Auf einen Kontinent mit endlosen Entfernungen, mit mehr als einer Milliarde Menschen, mit einem Bürgerkrieg im Norden, mit dem Gegensatz zwischen Muslimen und Hindus, den Gesetzen des Korans und der Kasten, der sich fortwährend entziehenden Bedeutung von Dharma, Karma, Atman und Moksha, der grausamen Ehe von Armut und Reichtum. Egal, wie viel man gelesen hat – wenn man dort ist, wird die schiere Masse des Sichtbaren einen erdrücken. Wie lange es wohl dauern mag, bis man Ordnung in dem zu sehen begänne, was als Chaos auf einen zukommt?
Ich bin auf die New Delhi Bookfair eingeladen worden, weil eines meiner Bücher auf Hindi erschienen ist. Im Verlauf dieser Woche werde ich es bekommen, und es wird aussehen wie etwas, das schon fast nichts mehr mit mir zu tun hat. Die schönen, an einer geraden Linie hängenden Zeichen können unmöglich die Worte sein, die ich geschrieben habe. Aber sie sind es; als ich in einer ehrwürdigen Akademie auf Englisch daraus lese, decken sich die Zeichen mit den niederländischen Worten, in denen ich die Geschichte einmal erzählt habe. Alles stimmt, kurzfristig habe ich mit diesem merkwürdigen blauen Buch mein Kommen legitimiert, ansonsten darf ich mich zwischen all den anderen Schriftstellern und Büchern umsehen. Der niederländische Stand befindet sich genau gegenüber dem Stand der Pakistanis, die nicht gekommen sind, der freie Raum wird von anderen Muslimen zum Beten genutzt, etwas, was man auf der Frankfurter Buchmesse nicht so leicht erleben wird.
Man hat mich im wahrscheinlich teuersten Hotel Delhis untergebracht, sodass jeder Schritt, den man aus dieser stillen, bewachten Enklave heraustut, den Anstrich eines moralischen Exerzitiums erhält. Beim Kommen und Gehen wird man von Männern in bordeauxroter Uniform und goldenem, federbuschgeschmücktem Turban mit einem Salut gegrüßt. Jenseits des Grußes herrscht, was in diesen ersten Tagen noch wie Chaos aussieht, und es gibt keine bessere Methode, sich ihm auszuliefern, als zu Fuß zu gehen oder ein Dreiradtaxi zu nehmen. Verkehr bedeutet hier Millimeterkunst. Man sitzt auf einer ach so schmalen Bank, dem Fahrer direkt im Genick, Kommunikation ist unmöglich aufgrund seiner totalen Konzentration.
Das Gold, der Schmutz, der Lärm und dazwischen, sehr klein, der Mensch
Delhi ist groß, Stunden habe ich so verbracht, auch nachts gespenstische Fahrten durch dann verlassene Straßen. Mogul-Grabmale und offene Kloaken, Minarette und Hütten, alles ruft und schreit einem etwas zu. Die Elendsviertel und die eisige Ordnung der Nuklearlabore, der Vater mit dem in ein weißes Tuch gewickelten toten Kind, dem ich auf dem schmutzigen Bürgersteig begegne, und die bronzene Devi mit den euklidischen Brüsten im Nationalmuseum, das alles ist Teil des Landes, das vor fünfzig Jahren unabhängig wurde. Demokratie und Nuklearmacht, unterentwickelt und mächtig. Geplagt von Terrorismus in Kaschmir, ständig am Rande eines Krieges mit Pakistan, erstickt in einer alles überwuchernden Bürokratie, Opfer blutiger, von Fanatikern geschürter Glaubenszwiste, aber nach wie vor funktionierend. Und all diese Zentrifugalkräfte in einem unendlich trägen, schweren Körper irgendwie zusammenhaltend, der sich im Tempo eines Landes durch die Geschichte bewegt, das bereits eine vieltausendjährige Geschichte hinter sich hat und unbeeinflusst bleibt vom Kommentar des flüchtigen Außenstehenden.
Was habe ich gemacht? Ich habe jeden Tag die Times of India gelesen und versucht, mich in die byzantinische Komplexität der indischen Politik zu vertiefen, und ansonsten habe ich mich – Fliege in einem Kosmos – wehrlos ergeben, jemand mit zu wenig Augen, um alles aufzunehmen. Die Moguln sind längst aus Indien verschwunden, doch ihre Macht strahlt unvermindert aus ihren Palästen – menschenlose Kunst, Ornamentik, Spiel mathematischer Proportionen. Im Roten Fort habe ich Zeit, darüber nachzudenken. Den Verkehr Delhis als Basso continuo im Hintergrund, irgendwo ein Blasorchester, schrill und schneidend, doch um einen herum ein Reservat der Stille, in dem die weit auseinander liegenden Gebäude die Vergangenheit gleichzeitig wachrufen und versiegeln.
Hier war es also, denkt man, hier, in der Diwan-i-Khas, stand der Pfauenthron, man muss nur die Augen schließen, um zwischen den strengen Pilastern Stimmen zu hören. Von hier aus regierte Schah Jahan sein Kaiserreich, in der Diwan-i-Am hielt er seine tägliche Audienz. Das Gold, die Düfte, die Kleider der Frauen, die flehentlichen Bitten, die geflüsterten Gespräche und die geschrienen Befehle, das Wiehern der prächtigen Vollblüter, diese ganze Welt, bewahrt in den Miniaturen, der Liebeslyrik und den epischen Erzählungen, ist hier erstarrt, geblieben sind nur die Kulissen, die Moti Masjid, der Khas Mahal, eine strenge, beherrschte Wollust und Verzierungswut, Wölbungen, Filigrane, Lichteinfall. Kunst, bestimmt für Menschen, doch Menschen durften nicht zu sehen sein.
Ein größerer Gegensatz zur Hindukunst mit ihren orgiastisch tanzenden Frauengestalten, vielarmigen Göttern, Kopulationen ist nicht denkbar, diese beiden Kulturen in ein und demselben Land mussten sich aneinander reiben wie Schmirgelpapier, die zur Schau gestellte, exhibitionistische Wollust einerseits und andererseits eine Baukunst, die Sinnlichkeit lediglich in den Formen zulässt, in den Kuppelwölbungen wie bei der großen Moschee, der Jami Masjid, flankiert von mächtigen Minaretten. Ich steige die endlose Treppe im linken Minarett hinauf. Zwei Menschen kommen kaum aneinander vorbei, es herrscht nahezu völlige Dunkelheit. Mir wird schwindlig vom Drehen und Drehen, aber als ich oben anlange, sehe ich zwei Welten, die der Ordnung und die des Chaos. In der Ferne das Rote Fort, wo ich vor einer Stunde noch war, der rote Sandstein scheint in der Hitze zu flimmern. Unter mir der Innenhof der Moschee, und auf der riesigen leeren Fläche, auf der beim Freitagsgebet an die zwanzigtausend Menschen Platz finden, wie auf einer Architekturzeichnung hier und da eine Gestalt, betend oder gehend, als wäre sie dort hingesetzt, um die Größenverhältnisse zu verdeutlichen.
- Datum 09.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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