Wenn Alis Mutter sich an die guten Zeiten ihres Lebens erinnert, denkt sie an Saddam Husseins Diktatur. Damals lebte ihr Sohn noch. Ali pendelte als Lastwagenfahrer zwischen Bagdad und dem jordanischen Rotmeerhafen Aqkaba hin und her. Sein Einkommen war nicht schlecht, und er verdiente sich mit der einen oder anderen geschmuggelten Ware etwas hinzu. Der Irak stand unter UN-Embargo. Für Ali war dies eine Chance, denn sein Vater war durch eine Herzschwäche arbeitsunfähig geworden. Ali musste allein für alle sorgen, für die Mutter, die drei Schwestern und den kranken Vater. Es gelang ihm gut. Die Familie mietete ein Haus in al-Saleh, einem besseren Viertel Bagdads. Sie lebte in bescheidenem Wohlstand.

Das ist nun vorbei. Alis Bild hängt hoch oben an einer Ecke des Wohnzimmers. Ein junger, ernst dreinblickender Mann. Unter dem Foto sitzt seine Mutter, Umm Ali, ganz grau im Gesicht, weil sie unter einer Dysfunktion der Nieren leidet und weil sie um ihren Sohn trauert. Ali ist am 7. August dieses Jahres vor seinem Haus erschossen worden. Amerikanische Soldaten stürmten an diesem Tag das Nachbarhaus an der gegenüberliegenden Straßenseite. Es war knapp neun Uhr abends. Es war dunkel. Die GIs hatten die Straße nicht abgesperrt. Ali fuhr nichts ahnend vorbei, gleichzeitig passierten zwei weitere Wagen die Amerikaner, alle Insassen waren auf dem Weg nach Hause. Die Soldaten schossen ohne Vorwarnung. Ali war auf der Stelle tot, zwei junge Männer verbrannten in ihrem Auto, und in dem dritten Wagen kamen zwei Kinder, ihr Vater und ihr Großvater ums Leben, nur die hochschwangere Mutter überlebte. Die Soldaten zogen ab, ohne sich um die Opfer zu kümmern. Sie fürchteten wahrscheinlich, von Feinden umzingelt zu sein.

Die Geschichte vom Blutbad in al-Saleh führt mitten hinein in das Herz der befreiten Iraker. Sie erzählt von einer erstaunlichen Wandlung, an deren Anfang die Freude über den Sturz des Diktators steht und an deren Ende seine Wiedergeburt als Held der Nation stehen könnte. Alis Mutter hat keinen Zweifel: "Zu Saddams Zeiten lebten wir besser."

Es wäre ungerecht, die um ihren Sohn trauernde Mutter als Anhängerin des Diktators zu bezeichnen. Sie war es jedenfalls nicht, als er noch herrschte. Umm Ali ist Schiitin, sie gehört somit der von Saddam Hussein unterdrückten Religionsrichtung an; keines ihrer Familienmitglieder war nach ihren Aussagen ein Mitglied der Baath-Partei. Trotzdem führten sie ein relativ ordentliches, ein geschütztes Leben. Dafür gab es Spielraum, auch in Zeiten der Diktatur.

Zieht Umm Ali nach sechs Monaten Besetzung Bilanz, dann denkt sie: Was hat es uns gebracht? Mir, meinen Kindern, meinen Brüdern, Schwestern, den Nichten, Neffen, Cousins, Onkeln und Tanten? "Nichts, keiner von uns hat Arbeit. Mein Sohn ist tot. Einer meiner Cousins war Pilot. Die Armee gibt es nicht mehr. Ein anderer war Tischler in einer Fabrik. Die Fabrik ist stillgelegt. Zwei Neffen arbeiteten für ein Fuhrunternehmen, beide sind jetzt arbeitslos."

Umm Alis Leben ist beschwerlich geworden. "Wir haben immer noch keinen Strom in al-Saleh, fließendes Wasser nur für ein paar Stunden am Tag, die Preise sind emporgeschnellt. Es gibt keine Sicherheit auf den Straßen. Wir leben in Angst. Wir sind schutzlos." Ihr Blick richtet sich daher in die Vergangenheit: "Unter Saddam gab es das nicht."

Umm Ali misst die Freiheit an kleinen Dingen, da mag der amerikanische Präsident noch so pathetisch von ihr sprechen. Seine Botschaft wird vor Umm Alis Familienhorizont zur Floskel. Zu Recht erwähnen die Besatzer die Massengräber, die Folter, all die Verletzungen der Menschenrechte. Das ist vorbei: Umm Ali ist froh darüber, doch das Gedächtnis ist kurz für jemanden, der vor allem damit beschäftigt ist, den Alltag zu bewältigen. Ohne mit der Wimper zu zucken, sagt Umm Ali über die Widerstandsbewegung, die fast täglich Opfer unter den US-Soldaten fordert: "Wir unterstützen sie mit unseren Herzen und in unseren Gefühlen." In ihrem Haus jedenfalls haben die Besatzer die alles entscheidende und viel beschworene Schlacht um Herzen und Köpfe schon verloren. "Wir wollen einen Führer, der aus dem Inneren des Iraks kommt. Einen von uns!"

Das Innere Iraks. Was spielt sich dort ab? Und wo liegt das überhaupt?