Was für ein Spektakel: Ein österreichischer Immigrant und ehemaliger Bodybuilder, ein Narziss aus Hollywood greift nach Kaliforniens Regierungsmacht – ausgerechnet in einer Zeit, da der immer noch reichste Staat Amerikas sich weiter denn je vom Rest der westlichen Hemisphäre entfernt hat. Hier ist alles anders: Erdbeben, Waldbrände und Sozialunruhen bedrohen die Metropolen. Die Landessprache wird langsam verdrängt von lateinamerikanischen Einwanderern. Im Norden blühen immer noch Aussteiger-Träume der sechziger Jahre, über der Business-Elite im Süden herrscht weiterhin der Geist der Nixon- und Reagan-Ära, und in jedem Kirchsprengel verkörpert eine Bank das kalifornische Gemeinsame: Geld. Zurzeit fehlt es.

New York, Inbegriff des sozialen und kulturellen Wandels, ist im Vergleich zu Kalifornien ein Inbegriff politischer Stabilität. Die Metropole an der Ostküste lebt mitsamt ihren ökonomischen und ethnischen Krisen in permanenter Gegenwart. Sehnsucht nach dem Gestern ist ihr so fremd wie die Idee von Denkmalschutz. Niemals würde ein New Yorker Politiker mit einem ähnlichen Wahlslogan antreten, mit dem Arnold Schwarzenegger die Macht anstrebte: "Bring California back" – "Gib uns Kalifornien wieder".

Was der anabolikagestählte 58-jährige Schauspieler wiederbeleben soll, ist die Geschichte des permanenten Wachstums, eines erfolgreichen kapitalistischen Experiments, das Kaliforniens Bruttosozialprodukt schließlich auf den sechsten Platz der Weltrangliste beförderte. Es ist eine Legende des staatsfernen Mittelstands, für den der Traum vom Wohlstand identisch war mit einem gut erhaltenen Chevrolet und Eigenheim, mit Jacuzzi und den vielfältigen Angeboten aus dem pazifischen Supermarkt der Religionen.

Schwarzeneggers Nostalgie-Wahlkampf beschwor einen Mythos. Kaliforniens Geschichte erschien als goldenes Zeugnis von erfolgreichem unternehmerischem Eigensinn, von angewandter Marktwirtschaft ohne staatliche Fesseln. Hier lag, so glaubte man nicht nur während Ronald Reagans Präsidentschaft, das Feiertagsland des Kapitalismus. Am Fuß der Purpurhügel von Los Angeles fuhren mehr Ferraris und Porsches als sonst wo auf der Welt. Der ganze Staat – oder doch jeder, der es nach oben geschafft hatte – glaubte der Mär, dass die Vitalität Kaliforniens dem Aufbruchsgeist jener Pioniere zu verdanken sei, die im Goldrausch von 1849 vom Mittelwesten über die Rocky Mountains treckten und das Land in Besitz nahmen.

Fürstentümer im Privatbesitz

In Wirklichkeit aber entfaltete sich Kaliforniens Reichtum im Gefolge historisch einmaliger Staatssubventionen und -aufträge. An Amerikas Westküste entstand eine blühende Landschaft – zuerst im Gefolge binnenamerikanischer Expansion, dann als Waffenschmiede und Werft des Zweiten Weltkriegs, des Korea- und Vietnamkriegs und schließlich als technologisches Kraftzentrum strategischer Rüstung im Raketenzeitalter. Nie zuvor hatte ein Transfer nationaler Steuermittel ähnlichen privaten Reichtum und zugleich ähnliche Abhängigkeit von der Regierung in Washington erzeugt wie im Bundesstaat Kalifornien – und zwar von Anfang an.

Vor anderthalb Jahrhunderten wurde jeder Gleiskilometer der Pacific Railway von Kalifornien an die Ostküste vom amerikanischen Steuerzahler finanziert (was in den Rocky Mountains zu besonders kurvenreicher Streckenführung beitrug). Die kolossalen Gewinne investierten Kaliforniens Eisenbahn-Barone Stanford und Huntington im Landkauf zu Spottpreisen. Ihre wichtigsten Mitarbeiter saßen in Washington als Lobbyisten im Kongress. Die Regierung verkaufte das unbewässerte Wüstenland zum Preis von 3,70 Dollar pro Hektar. So entstanden Güter – "Ranches" – von der Größe europäischer Fürstentümer. Waren die Grundstücke versumpft, finanzierte Washington ihre Entwässerung. Mehr als 30 Stauseen, aus der Bundeskasse bezahlt, verwandelten die Steppe hinter der Pazifikküste in Orangenhaine, Reis- und Baumwollfelder von gigantischen Ausmaßen. In Kalifornien entstand die moderne Agrar-Industrie. Die neuen "Bauern" residieren noch heute in den Bürohäusern von San Francisco oder Los Angeles.

Vor 30 Jahren besaßen 257 Eigentümer mindestens 25 Prozent der kalifornischen Grundstücke in Stadt und Land, 19 Firmen teilten sich 35 Prozent des Forstlandes – inzwischen haben sich die Besitzverhältnisse weiter monopolisiert.