Vor zwei Jahren wurde ein zuvor angestellter Gymnasiallehrer verbeamtet, obwohl er die dafür geltende Altersgrenze von 45 Jahren bereits überschritten hatte. "Da wurden in einer Nacht-und-Nebel-Aktion auch ältere Lehrer verbeamtet, um den Haushalt zu sanieren", sagt er. Seither hat der nun 49-Jährige pro Monat knapp 600 Euro mehr zur Verfügung als zuvor, bei etwa gleichem Bruttogehalt. Der Grund: Er spart die Sozialabgaben. Und sein Arbeitgeber, das Land Schleswig-Holstein, auch.

Für seine Angestellten muss der Staat Beiträge zur Renten-, Arbeitslosen- und Krankenversicherung entrichten, für Beamte nicht. Die können nicht arbeitslos werden; anstelle des halben Krankenversicherungsbeitrags zahlt ihnen die öffentliche Hand 50 Prozent der realen Krankheitskosten, die andere Hälfte versichern sie privat. Und: Statt der Rente bekommen sie eine Pension – aus laufenden Steuereinnahmen. Wenn der Lehrer eines Tages in Pension geht, dreht sich der Spieß um. Dann müsste sein früherer Arbeitgeber für ihn keinen Cent mehr bezahlen, wäre er Mitglied der gesetzlichen Rentenkasse. Als pensionierter Beamter kostet er aber weiterhin Geld, viel Geld.

Den Preis für dieses Tun werden künftige Steuerzahler entrichten. Für die Pensionsansprüche der heutigen Beamten haben die öffentlichen Arbeitgeber bislang so gut wie keine Rücklagen gebildet. Im Jahr 2000 hatten Bund, Länder und Gemeinden 854000 Exbeamte und deren Hinterbliebene zu versorgen. Im Jahr 2030 dürften es bereits 1,4 Millionen sein. Heute geben sie 22 Milliarden Euro für Pensionen aus. Im Jahr 2030 könnten es astronomische 78 Milliarden sein.

Besonders betroffen sind die Bundesländer. Sie bezahlen unter anderem Lehrer – und damit 30 Prozent der heute knapp zwei Millionen deutschen Beamten. Anders als etwa die rund 260000 Polizisten, die nach den Verwaltungsbeamten die drittgrößte Gruppe stellen, erledigen Lehrer keine hoheitlichen Aufgaben. Deshalb besteht weithin Konsens, dass sie keine Beamten sein müssten. Trotzdem können sich die Bundesländer nicht zu einem Systemwechsel durchringen. Würden sie jetzt pro Lehrer rund 10000 Euro im Jahr in die Sozialkassen zahlen, müssten sie sechs Milliarden aufbringen – also besser die große Katastrophe in 20 Jahren als die kleine heute. Jetzt fordern die Verfechter der Bürgerversicherung, dass künftig alle Beamten in die Rentenkasse einbezogen werden. Das bedeutete Zusatzkosten von rund 17 Milliarden Euro pro Jahr und sei für den Staat "unbezahlbar", sagt der Vorsitzende des Beamtenbundes, Erhard Geyer.

Die Durchschnittspension betrug 2001 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 2540 Euro. Ein westdeutscher Rentner, der 45 Jahre lang genau das Durchschnittseinkommen verdiente, bekommt 1100 Euro. Zwar werden die Pensionen nach 40 Dienstjahren künftig nur noch 71,75 statt 75 Prozent des letzten Bruttogehalts betragen und müssen, anders als Renten, grundsätzlich versteuert werden. Doch auch Rentner müssen sich künftig einschränken.

Der eingangs erwähnte Lehrer, der ungenannt bleiben will, hat sich sein Ruhegeld ausgerechnet. Weil es der Späteinsteiger nur auf rund 20 Dienstjahre bringen wird, erhält er die Hälfte, also etwa 36 Prozent des letzten Einkommens. Doch er spart schon Kapital für die Zukunft an: "Mit den 600 Euro, die ich netto mehr habe, kann ich jetzt selbst für mein Alter vorsorgen."

Ulrike Meyer-Timpe