Lohne/Niedersachsen

Jeden Morgen, kurz vor acht, liefert der Schulbus ein Rudel quirliger Kinder vor einem roten, nüchternen Backsteinbau am Rande der Stadt ab. Tag für Tag findet dann eine merkwürdige Szene statt. Die Schüler laufen zur gläsernen Eingangstür der Schule, plötzlich teilen sich ihre Wege. Die blonden Schüler strömen zum rechten Flügel des Gebäudes, in die katholische Franziskus-Schule. Die eher dunkelhäutigen Knirpse müssen sich links halten. Richtung Grimm-Schule. Sie ist für "Schüler aller Bekenntnisse" gebaut worden, verrät ein Schild an der Eingangstür. "Aller Bekenntnisse" – das heißt hier: keine katholische Taufe. Es sind öffentliche Grundschulen, in denen die Kinder tagtäglich selektiert werden. Finanziert von den Steuern aller Bürger.

"Willkommen im kleinen Städtchen Lohne", sagt die Lehrerin Kerstin Sommer und winkt mit einem dicken Aktenordner. Ihr Kind – protestantisch – hat es in eine der katholischen Bekenntnisschulen geschafft, weil "wir gezeigt haben, dass wir uns wehren". Nicht jeder hier hat diesen Erfolg. "Vor allem Ausländer trauen sich nicht aufzumucken", sagt Sommer, "ein falsches Wort und man steht schon als Ketzer da. Hier ist alles tief katholisch." Kerstin Sommer, das merkt man gleich, ist hier nicht aufgewachsen. Das Image der "Ketzerin" scheint sie nicht wirklich zu stören. Ein wenig erinnert sie mit ihrer flotten runden Brille an die streitbare Journalistin Alice Schwarzer. Der Aktenordner ist gefüllt mit Zeitungsartikeln, Petitionen, Gesetzestexten und vertraulichen Briefen verzweifelter Eltern. "Lohner Schulen" steht auf dem Ordner. Viele protestantische Eltern hier im Ort besitzen solche Aktenordner. Sie haben sich in einem Verein zusammengeschlossen und kämpfen für etwas, das in den ersten Zeilen des Grundgesetzes steht: das Recht, in Deutschland aufgrund eines religiösen Bekenntnisses nicht diskriminiert zu werden. Genau das passiert aber mit den Kindern von Lohne. Hatte der niedersächsische CDU-Ministerpräsident Christian Wulff nicht soeben erklärt, dass es "Aufgabe des Staates bleibt, die weltanschauliche Neutralität der Schulen zu garantieren"? Wollte er nicht Kopftücher auf niedersächsischen Lehrerinnenhäuptern verbieten, weil sie der Trennung von Staat und Kirche widersprechen? "Was ist dann bitte mit Lohne?", sagt Frau Sommer. Gute Frage. 26000 Einwohner leben hier. Immerhin 9000 davon sind keine Katholiken. Und jedes Jahr werden es mehr. "Warum", so fragt der Lohner Gymnasiallehrer Reiner Eschner im Namen seiner Kinder, "müssen nach dem Kindergarten Freundschaften zerrissen werden?"

Für die Zustände in den Grundschulen von Lohne haben sich bislang nur Lokalzeitungen interessiert. Doch nun, nach dem Kopftuch-Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, sagt Kerstin Sommer, "treten wir den Marsch durch die Institutionen an". Da trauen sich Mütter wie Susanne S. hervor (Name ist der Redaktion bekannt). Kürzlich, erzählt sie, habe sie ihr Kind katholisch umtaufen lassen, damit es einen guten Platz in einer öffentlichen, katholischen Bekenntnisschule und mehr Anerkennung in der Nachbarschaft bekommt: "Ich bin kein religiöser Mensch", sagt sie, "aber ich habe den Pfarrer gebeten, die Kirchtür zuzusperren, damit uns niemand sieht. Er hat dann so einen Spruch aufgesagt ,und wir haben ein Gebet sprechen müssen."

Wieso geschieht das hier? Aufgrund des Konkordates von 1965 verpflichtet sich das Land Niedersachsen, in der Gegend um Oldenburg einige öffentliche Schulen nur für katholisch getaufte Kinder bereitzuhalten. Die Kirche muss dafür bis heute nichts bezahlen. 130 staatliche katholische Bekenntnisschulen gibt es in Niedersachsen. In manchen Enklaven, wo das Schulwesen traditionell in katholischer Hand lag, sollten die kleinen Christenmenschen nicht von gottlosen protestantischen Beamten unterrichtet werden. So war es die letzten 200 Jahre hier. So stand es bereits am Anfang des 20. Jahrhunderts in der Verfassung des damaligen Freistaates Oldenburg. So ist es heute noch.

Die Auswirkungen dieses Regelwerkes sind zementiert und folgenreich: Nur eine von insgesamt fünf Grundschulen in Lohne, eben die Grimm-Schule darf von nichtkatholischen Kindern besucht werden. Die anderen vier katholischen Grundschulen müssen nur 15 Prozent andere Kinder aufnehmen. Vor allem eine gebildete Schicht protestantischer Bürger will das nicht mehr hinnehmen. "Hier werden Freundschaften auseinander gerissen, ungetaufte Kinder müssen mitunter ans andere Ende der Ortschaft fahren, um in eine Schule zu gehen", klagt der Gymnasiallehrer Rainer Eschner. Es ist skurril: Die Kinder von Lohne dürfen zwar gemeinsam in den einzigen katholischen Kindergarten gehen und später gemeinsam die Schulbank im Gymnasium drücken. In der Grundschule werden sie jedoch getrennt. "Die Integration wird ausgebremst. Die Kinder werden vier Jahre hermetisch voneinander abgeriegelt. Russische Aussiedler und Türken verlernen Deutsch, weil sie nur unter sich sind", sagt Kerstin Sommer. In der Grimm-Schule, wo alle büffeln dürfen, würden die Zustände langsam unerträglich, sagen die Eltern. Den Lehrern ist es per Weisung von oben untersagt, über die Situation zu sprechen. Hinten im Schulhof hat die Verwaltung bereits Baucontainer aufgestellt, die nun als Klassenzimmer dienen sollen. Hier gibt es Nachschulungen, weil die ausländischen Kinder nicht mehr mit dem Lernen nachkommen. "Der Anteil von Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache beträgt in einer Klasse heute erstmals 100 Prozent", erzählt Claudia Menschel, die Elternratsvorsitzende. "Diese Schule hat einen verheerenden Ruf. Obwohl sich alle bemühen."

"Das ist auch nicht in unserem Sinne", sagt Peter Waschinski, der Sprecher im bischöflichen Offizialat. "Die Kirche will keine Integrationshindernisse aufbauen", sagt Felix Bernard vom Katholischen Büro Niedersachen. Warum also geht hier nichts weiter? "Tradition", meint Walter Becker, blickt aus seinem Fenster auf den Kirchturm von Lohne und hebt resignierend die Schultern. Becker ist der für Schulen zuständige Beamte im Lohner Rathaus. In seinem Büro liegen die neuen Statistiken. In fünf Jahren, so die Berechnung, werden in der Industriestadt nur noch 50 Prozent aller Schüler Katholiken sein. Am liebsten würde Becker die Schulen schon morgen für alle öffnen. "Dass diese Situation nicht zeitgemäß ist, darüber sind sich alle einig", sagt er. Doch die staatlichen Bekenntnisschulen können laut Gesetz nur mit einer Zweidrittelmehrheit der Eltern geöffnet werden. Eine nicht abgegebene Stimme zählt als Nein. Nur eine kleine Bedingung gibt es für das aktive Wahlrecht in dieser Frage: die katholische Taufe.