Aufzeichnungen Das Kopfkissen der Faulheit

Das Tagebuch des Schweizer Philosophen Henri-Frédéric Amiel in der Ausgabe Tolstojs

Weltbewegend kann man das intime Tagebuch Henri-Frédéric Amiels nicht nennen; aber in der Welt bewegt wurde es kräftig: erst von Genf aus, wo es zuerst auf Französisch erschienen ist, nach Russland, wo Tolstoj 1894 seine eigene Auswahl veröffentlichte, und jetzt, gut hundert Jahre später, zurück nach Zürich, wo der Pendo Verlag eine deutschsprachige Edition der Tolstoj-Exzerpte in einem schönen, handsamen Band vorlegt. In mehrfacher Brechung bekommen wir nun also zu lesen, was sich der Schweizer Schöngeist Amiel, seines Zeichens Philosophieprofessor, Tag für Tag (so der Titel der Neuerscheinung) notiert und was der Patriarch von Jasnaja Poljana daraus ausgewählt hat. Wir haben es gewissermaßen mit der Quadratur zweier Individualitäten zu tun; wobei Tolstojs Anteil umso schwerer wiegt, je mehr er an Ballast aus dem Original abgeworfen, je gründlicher er die Notate Amiels durchforstet und komprimiert hat. Amiel vu à travers Tolstoi.

Henri-Frédéric Amiel ist 1821 in Genf geboren, hat, bis auf Studienjahre in Heidelberg und Berlin, fast immer in Genf gelebt und gelehrt und ist dort auch mit 60 Jahren gestorben, ein angesehener, aber unauffälliger Bürger, ohne irgendwelche Attitüden, die ihn wenigstens als verkanntes Genie kenntlich gemacht hätten. Ein russischer Literaturwissenschaftler hat ihn als den Prototypen des „überflüssigen Menschen“, Hugo von Hofmannsthal als einen „Willenskranken“ bezeichnet. Er war ein eleganter Herr, ein Meister der Routine und der Regelmäßigkeit, und eben dies kennzeichnet auch die Penibilität seiner Tagebuchnotizen, die sich zu einer monströsen, aber wiederum penibel aufbewahrten Schreibgruft von 174 Heften zu je 100 Seiten summiert haben, eingetragen und eingegraben in drei Jahrzehnten.

Anzeige

Schreibgruft? Das wäre Amiel wohl viel zu dramatisch gewesen. Er hat einen kuscheligeren Vergleich: „Das Tagebuch ist ein Kopfkisssen der Faulheit; es erspart mir die umfassende Behandlung der Themen, es findet sich mit allen Wiederholungen ab, es begleitet alle Launen und Windungen des inneren Lebens, und es setzt sich kein Ziel.“ Und alle Kritik an diesem im genauen Sinn nichtsnutzigen Unterfangen nimmt er vorweg: „Was für eine gewaltige Verschwendung von Zeit, Denken und Kraft! Es wird niemandem nützlich sein, und sogar mir wird es eher geholfen haben, meinem Leben zu entrinnen, als es zu leben.“

Amiel ist ein Einsamer wie Nietzsche (der ja eine Zeit lang „nebenan“ in Basel das gleiche Fache lehrt), aber er ist nicht vulkanisch einsam wie der Deutsche, der seine Zeit mit der glühenden Lava seiner Provokationen überschüttet, sondern gleichsam noch vor sich selbst einsam und fremd. Auch die dauernden Selbstbeobachtungen sind von Scheu diktiert: „Lass dem Geheimnis in dir Raum, bearbeite dich nicht immer ganz und gar mit dem Pflug der Prüfung.“ Noch die Suche nach dem Ideal, einer idealen Existenz, dient ihm nur zum Sichverstecken: „Ich habe das Ideal dazu verwendet, mich vor jeder wirklichen Bindung zu bewahren.“ Die Sisyphus-Arbeit des Tagebuchschreibens ist Ausdruck des vergeblichen Versuchs, sich im Leben zurechtzufinden, in jedem neuen Tag. „Jeder fängt die Welt von neuem an“ – das ist einer seiner fundamentalen selbstverlorenen Sätze.

Immerhin gelingen ihm aus der Position dessen, der vor sich selbst zum kritisch beäugten Außenseiter wird, Zeitdiagnosen, die auch noch nach hundert Jahren Aktualität besitzen, ja erst recht Geltung gewinnen; in manchem erinnert er dann an die Verve eines Karl Kraus: „Das öffentliche Geschwätz: Das Schlimmste ist, daß hinter diesem Geplapper die Eigenliebe steht, und daß sich darum diese gewöhnlichen Ahnungslosigkeiten energisch behaupten; daß sich dieses Gegacker für eine Überzeugung hält und daß sich diese Vorurteile als Prinzipien geben. Die Papageien halten sich für denkende Wesen, die Kopien für Originale… Die Sprache ist das Vehikel dieser Verwirrung, das Instrument dieses unbewussten Betrugs. Das Babbeln, das Nachplappern.“

Es sind wohl nicht zuletzt solche Sätze, die das Interesse Tolstojs erweckt haben, der sich um 1880 eine neue Existenz verordnet, seine Romane verdammt, seine Autorenrechte preisgibt, gegen die Musik nicht nur den mörderischen Helden seiner Kreuzersonate wüten lässt und mit familienzerstörerischer Wucht das Chaos eines „einfachen Lebens“ herbeiführt. Er sucht Sympathisanten, und da findet er, paradoxerweise, Amiel, dessen erste Tagebuch-Auszüge, bald nach seinem Tod 1881, auf Französisch erschienen sind. Tolstoj trifft eine Auswahl, lässt sie von seiner Tochter Marija übersetzen und gibt sie 1894 heraus, um die gleiche Zeit, da er in sein eigenes Tagebuch schreibt: „Habe beschlossen, mit dem Schreiben Schluss zu machen.“ Auf einem Bord über seinem Schreibtisch findet sich der Band dann griffbereit neben Bibel, Brockhaus, Laotse, Konfuzius, Montaigne und Pascal. (Diese Details steuert das kenntnisreiche Nachwort von Felix Philipp Ingold bei, der übrigens vor etlichen Jahren in der ZEIT Amiel als einen „Vordenker der Postmoderne“ vorgestellt hat.)

Wir nannten Tolstojs Anteilnahme an Amiel paradox; denn er war ja jemand, der sich vom weltweiten Ruhm als Erzähler abwandte, von der äußersten Prominenz in die Einsiedelei zurückzog (aber dadurch erst recht zum Heiligen wurde); während Amiel keinerlei Umkehr bieten konnte, weil er nie im Leben aus sich herausgegangen war. Paradox bleibt auch, dass der Schriftsteller, der seine psychologisch-realistischen Romane hinter sich gelassen haben wollte, an Amiel dessen Psychologie rühmt: „Denn ein Schriftsteller kann uns nur in dem Maße teuer und nützlich sein, wie er uns seine innere Seelenarbeit eröffnet … am Werk des Schriftstellers zählt für uns einzig diese innere Arbeit seiner Seele.“

Service