Nur so war es Augustin möglich, einen funkensprühenden Roman über Mahmud von Ghazni zu schreiben, der im Jahre 1000 sein Unwesen trieb. Und ein Abglanz dieser asiatischen Allgegenwart überträgt sich in der Schule der Nackten auch auf – nomen est omen – Alexander, als er sich mitten in der begierdefreien Zone des Jakobi-Bads in eine junge Frau verliebt: "Das Karma, legte ich dar, habe uns zusammengeführt, immer wieder, durch die Jahrtausende, als Könige oder Bettler, in guten und bösen Zeiten, und wenn nicht in diesem, dann im nächsten Leben. Fast glaubte ich selbst daran."

Sein frühgeschichtliches Spezialwissen nutzt Alexander unverhüllt zur gar nicht mal billigen Anmache, und Ernst Augustin hilft es dabei, die Münchner Freikörper-Gesellschaft mythisch und literarisch zu überhöhen. Denn die Romane dieses Erzählers lassen sich nicht einem landläufigen Realismus zuordnen. Die Schule der Nackten ist kein mimetischer FKK- und München-Roman, wie er vielleicht von einem amerikanischen Autor zu erwarten wäre, sondern Augustins neunter großer Versuch, die verwirrende Systematik psychischer Systeme künstlerisch zu spiegeln. Seit den Absturzfantasien, Unterwelten und Traumlandschaften in Der Kopf arbeitet er an einer Poetik der psychischen und körperlichen Ausnahmesituationen. Seine Romane sind keine Parabeln, sondern intellektueller Extremtourismus.

So überrealistisch viele von Augustins Geschichten sind, sowenig wirken sie abstrakt oder ausgedacht. Alles wird so anschaulich wie möglich geschildert, besonders die orientalischen Verstiegenheiten und westlichen Wahngebäude. Das mag Augustin bei Kafka gelernt haben. Aber eigentlich muss man in seinem Fall gar keine Vergleiche aus der Literaturgeschichte bemühen. Schließlich gehört er zu den seltenen Autoren seiner Generation, die man schon nach wenigen Sätzen an ihrem Tonfall erkennt – zu schweigen von seinen außergewöhnlichen Schauplätzen und seinem Humor.

Vor ein paar Jahren forderte der unvermeidliche Maxim Biller das Ende der deutschen "Schlappschwanzliteratur". Ernst Augustin sind alle Kraftmeier-Posen fremd. Er kann sich auf seine Wahrnehmungskunst verlassen, die auch der männlichsten Regung gewachsen ist: "Voluminös, satt glänzend lag es da. Wegen der offensichtlichen Schwere zur Seite geneigt. Ein Gebilde, das einem schon das Fürchten lehren konnte, und das, ich muß es noch einmal betonen, ohne eigentliche Erek- tion, nur als Materialmasse. Heilige Sch…!"

π Ernst Augustin: Die Schule der Nackten Roman; 2003; 255 S., 19,90 ¤

Mahmud der Bastard Roman; 2003; 366 S., 22,90 ¤