EssaysBarnes’ Papagei Barnes

Wenn man die Essays von Julian Barnes liest, sieht man, dass er bloß ein routinierter Schreiber ist und, wie der viel bessere Essayist James Wood sagt, einfach nur ein "intellektuelles Kuscheln" bietet von Günter Ohnemus

In dem allgemeinen Gemurmel über Literatur, in diesem beständigen Bücherbewispern gibt es immer mal wieder eine Stimme, die klarer ist als die meisten anderen, deutlicher; die nicht nur einen Punkt zu machen sucht, sondern auf der Suche nach einem Punkt ist und wenn nicht den Punkt, so doch die Suche definiert. Wir sollten dankbar sein für diese Stimmen. Ich habe gerade The Broken Estate von James Wood gelesen, und lieber als über Julian BarnesTour de France würde ich jetzt über James Wood schreiben oder, meinetwegen, seinen Essay über Thomas Mann übersetzen. Aber ein bisschen Wood muss heute sein. Hier ein paar Schnipsel:

Sein Essay über Thomas Pynchon fängt so an: "Das Problem der Allegorie besteht darin, daß sie, während sie ihrem allegorischen Geschäft nachgeht, die Aufmerksamkeit auf sich selber zieht. Es ist wie bei jemandem, der sich an seinem Fenster auszieht, damit die Nachbarn ihn sehen. Die Allegorie will uns bewußt machen, daß sie allegorisch ist. Sie sagt beständig: schau mir zu, ich habe etwas zu bedeuten. Ich bin allegorisch. Darin unterscheidet sie sich deutlich vom größten Teil der Prosaliteratur. (Sie rückt in die Nähe schlechter Literatur.) Warum akzeptiert das überhaupt jemand? Wenn es um Literatur geht, tun wir das ja auch kaum. Wir sehen ihr ihre Hieroglyphen dann nach, wenn sie über sich hinausgeht und wie große Literatur agiert (Kafka, Mann, einiges bei Dickens); wenn sie komplexe Wahrheiten herausarbeitet (Dante, wieder Kafka); oder wenn sie sich auf der Jagd nach einer allegorischen Wahrheit selber zerstört (Melville). Sie wird akzeptiert, wenn sie nicht nur eine Landkarte ist, sondern auch eine Landschaft."

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Er riskiert nichts – oder jedenfalls nicht viel

Über John Updike: "Man muß es ja eigentlich nicht mehr sagen, daß er sich, wenn er in Bestform ist, als brillanter Schüler Nabokovs zeigt, und an schlechten Tagen ist seine Prosa voll harmloser, inflationärer Lyrismen, eine lässige Draufgabe, so als sei die Sprache bloß eine unerhebliche Rechnung, die einem sehr reichen Mann vorgelegt wird, und Updike legt nonchalant noch zehn Prozent Trinkgeld drauf." Und dann beginnt Wood, die seltsame theologische Heiterkeit Updikes zu untersuchen, deren rostfreie Beschaffenheit dafür sorgt, dass seine Bücher uns nie wirklich aus der Fassung bringen. (Dass Updikes zehn Prozent Trinkgeld gar nicht so selten eine sehr angenehme Überraschung sind, ist wieder eine andere Geschichte).

Wood hat auch über Julian Barnes geschrieben – Julian Barnes and the Problem of Knowing Too Much. Jeder, der ein paar Sachen von Barnes gelesen hat, weiß, dass sein Problem nicht darin liegt, zu viel zu wissen (außer vielleicht über Flaubert), sondern zu viel über die Sachen zu wissen, die er schreibt. Er weiß meistens ganz genau, was er machen will, riskiert nichts oder nicht viel, und sein Humor erinnert oft an Witze und Unterhaltungen in Pubs, die manchmal wirklich sehr unterhaltsam sein können, wenn man ein paar Bier dazu trinkt und sowieso schon am Lachen ist.

Er weiß, was er will, aber er tut es nicht

Es gibt – vor allem in den angelsächsischen Ländern – den widerwärtigen Brauch, die Toten, die einem nahe stehen oder für deren Körper man wenigstens verantwortlich ist, verbrennen zu lassen und sie dann in irgendeinem Gefäß auf den Kaminsims zu stellen: Da, der da in dieser Kaffeedose, das ist mein Vater. Im Vorwort zu Tour de France erzählt Barnes, wie er aufbrach, die Asche seiner Eltern, beide Französischlehrer, an der französischen Atlantikküste zu verstreuen, "mein Vater in dem traditionellen Eichenkästchen, meine Mutter in einem robusten Plastikbehälter mit Schraubverschluss". In einem Mietshaus in Paris reißt die Kordel der Plastiktasche, in der sich die beiden Behältnisse befinden, und – jaja, so steht das da – "ich ließ meine Eltern fallen". Er denkt, wenigstens einer der Behälter sei aufgeplatzt, und stellt sich vor, wie er einem der Mieter, der neugierig seine Tür öffnet, "schnarrend" erklärt: "Ehm, voici ma mère, et, ehm, ici, c’est mon père."

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  • Schlagworte Gustave Flaubert | John Updike | Julian Barnes | Thomas Mann | George Sand | Chanson
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