Ich blicke herab auf die Schwärme der Heere und ihre Lichter / höre den Lärm der Trommeln und das barbarische Schreien / wahrlich unfaßbar ist es daß die Stadt sich noch wehrt": Zeilen aus Zbigniew Herberts Gedicht Bericht aus einer belagerten Stadt, das sich in Don DeLillos neuem, wieder von seinem besten Übersetzer Frank Heibert übertragenen Roman versteckt. Es ist Morgen. Der Millionär Eric Packer schaut aus seiner Wohnung in den obersten Etagen eines Wolkenkratzers am East River auf die Stadt herab. "Nichts Edleres als eine Flußbrücke und die aufbrüllende Sonne dahinter" – das ist DeLillos Ton, sein Existenzpathos, das sich bruchlos in karges Understatement verwandelt: "Er wußte nicht, was er wollte. Dann wußte er es. Er wollte sich die Haare schneiden lassen." Der Entschluss fällt auf der dritten Seite, und schon an dieser Stelle lassen die Vorausdeutungen keinen Zweifel, dass Eric Packers letzter Tag angebrochen ist.

In Libra, dem Roman über den Mord an John. F. Kennedy, reflektiert einer der Verschwörer über die Eigendynamik seines Komplotts: "Je dichter der Handlungsablauf einer Geschichte, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß sie auf einen Tod hinausläuft."

Alle Romane Don DeLillos sind Verschwörungen mit dem Tod gegen den Tod; doch nur das jüngste, introvertierte Psychodrama Körperzeit verzichtete dabei ganz auf die Vogelperspektive der amerikanischen Katastrophengeschichte. Die Plots vom paranoiden Loser Oswald und dem New Yorker Geldmagnaten Packer hingegen markieren historische Einbrüche. Am 11. September 2001 war der Roman fast vollendet. "Die Banktürme", heißt es an einer Stelle, "waren das letzte Hohe, so waren sie gemacht, als etwas Leeres, entworfen, um die Zukunft zu beschleunigen. Sie waren das Ende der Außenwelt. Sie waren eigentlich nicht da."

Der blinde Fleck sitzt im kapitalistischen Universum

Diesmal geht es ums Ganze, diesmal sitzt der blinde Fleck im kapitalistischen Universum selbst, in dessen Finanzströmen der Protagonist ein Spielmeister ist. Packer ist ein geradezu mythischer West-Scheich, ein Mann, der sich zu Hause zwischen Haifischbecken und beschallten Aufzügen bewegt, der seinen Untergebenen nie ins Gesicht schaut und auf der Straße kaum die Frau wiedererkennt, die er gerade geheiratet hat. Als er in seine weiße Stretchlimousine steigt, ist unerwartet der Yen gestiegen. Wie ein Totenkahn kriecht der gepanzerte, schallgedämpfte, mit Monitoren ausgestattete Wagen auf der Zeitachse eines einzigen langen Tages durch den stockenden Fluss der 47. Straße, der Raumachse dieser Reise in die Nacht, von Ost nach West, vom Aufgang in den Untergang.

Innerhalb so akkurater Koordinaten muss die Spielfigur des Cyberkapitalisten, einmal in die Horizontale Manhattans gelangt, nicht nur vom Reichtum in die Armut, sondern auch aus der stofflosen Welt des "digitalen Imperativs" in die gewalttätige, nackte Wirklichkeit geraten. Die Handlungskurve gehorcht einer klaren geometrischen Formel: Je höher die Ziffer der Avenues, desto tiefer die Niederungen der Stadt, in denen sich das Fahrzeug bewegt wie die Flugautos in Blade Runner; je höher der Yen steigt, desto tiefer fallen Packers weit verzweigte Aktien, deren Kauf er mit riesigen Anleihen finanziert. Auf seiner Reise verpulvert er in seinem Yen-Rausch so viel, dass Banken, ja ganze Währungen zusammenstürzen. In der einen Wirklichkeit verliert er Milliarden, in der anderen seine Brieftasche. Und je dramatischer er in das Nichts sinkt, aus dem das Simulacrum seines Reichtums besteht, desto mehr erwacht in Eric Packer der archaische Abenteurer – back to the roots. Im Fond, acht Meter von seinem Fahrer entfernt, lässt er sich zum Friseur in Hell’s Kitchen kutschieren, in das verwahrloste Mietshausviertel vor den Piers des Hudson.

Totentanz für den Lieblingsrapper