LyrikDie Landschaft dreht sich auf den Rücken

Durs Grünbeins großes Lehrgedicht über René Descartes und seine Zeit: Ein barocker Bilderbogen aus Krieg, Gewalt, Vanitas und sehr viel Schnee von Andreas Nentwich

Die Kriegskunst interessierte ihn, und als Diener vieler Herren reiste er, bevor ihm Welt und Menschen lästig wurden, durch halb Europa. Der Edelmann René Descartes, geboren 1596 in La Haye, war Anfang 20, Lizenziat der Rechte, ohne Geldsorgen, als er die modernste Armee der Zeit, die niederländische, zur Ausbildung wählte. Rund ein Jahr später, im Frühjahr 1619, schlug der junge Offizier "das Buch der Welt" auf. Kopenhagen, Polen, Ungarn, Österreich, Polen, Böhmen, Deutschland, Italien. Wenige Daten. 1625 Paris, 1628 Emigration in die liberalen Niederlande. Schriften, Briefwechsel, Kirchgang, ein uneheliches Kind, das bald verstirbt. Dann, 1649, der große Fehler: Er lässt sich zur Passage nach Stockholm überreden, wo angeblich die Königin Christina nach philosophischer Unterweisung verlangt. Als ihr Terminkalender es endlich zulässt, bestellt sie ihn dreimal die Woche für fünf Uhr früh. Nach einer Hand voll frostiger Konversationen holt sich der zeitlebens lungenschwache Langschläfer den Tod, am 11. Februar 1650 stirbt er, im 54. Jahr und ein halbes Leben nach der Konversion zum reinen Gedanken, die er gut katholisch mit einer Wallfahrt besiegelte, obwohl sie die Allmacht Gottes zur konstitutionellen Monarchie herunterschnurren ließ.

Erfolgt war die Konversion im November 1619 in einem Kaff bei Ulm, wo der strenge Winter ihn noch wochenlang festhalten sollte. In einer "Ofenstube eingeschlossen", habe er, so heißt es in den Discours von 1637, "alle Muße gehabt", sich mit seinen Gedanken zu beschäftigen. Am Martinstag entdeckt er die "mirabilis scientiae fundamenta", und in der folgenden Nacht verpflichten ihn Zeichen und Wunder auf den eingeschlagenen Weg: das Wirkliche zu erkennen, "ohne Rätsel" und nach dem Willen Gottes. In einem Traum erscheint ihm ein "Corpus Poetarum". Er schlägt es auf über einer Dichtung, die mit dem Vers Quod vitae sectabor iter? beginnt: "Welchen Lebensweg soll ich einschlagen?" Plötzlich bemerkt er einen Fremden, der ihm ein anderes Dichtwerk rühmt, an dessen Anfang das "Est et non" des Pythagoras steht: Ja und nein, wahr und falsch. So ist es überliefert, im Bericht des ersten Biografen Adrien Baillet von 1691: Aus Traum und Poesie geboren ist – vielleicht – die Mathematisierung der Erkenntnis und der rationale Subjektbegriff des neuzeitlichen Menschen.

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Die zarte Seele ist voll Mitgefühl für das Leid

Und nun: in Traum und Poesie zurückerlöst von einem gelehrten Dichter, unglücklichen Cartesianer, Hirnakrobaten und Teufelsreimer: "Auf einen Schlag, so sagt Ihr, mitten in der Nacht / Hat Euch ein Geistesblitz erweckt. Ihr wart sehr jung, / Kaum dreiundzwanzig. Stimmt, ich hab früh nachgedacht. (…) Ich hab ihn früh begrüßt, den Dämon, früh besiegt. (…) Ich lag im Bett und fragte mich, wie die Person dort heißt, / Nur mit mir selbst verkehrend. Da, wie Noahs Taube / Ließ er sich nieder, der Gedanke. Kaum zu glauben. Ich war erlöst. Ich war ein neuer Mensch. Erst jetzt / War ich mir sicher: Ja, René – du bist, du bist."

Vom Schnee heißt Durs Grünbeins große Verserzählung um einige zentrale Episoden aus dem Leben von Descartes und die Rätsel eines Winters. Schnee ist das gefrorene Element, aus dem ihre Metaphern geschlagen sind. Schnee ist, als Projektionsfläche für Sinuskurven und Hyperbeln, der "transhistorische Raum", in den er den Geist des Philosophen lockt und seiner poetischen Imagination unterwirft. Unter der Hirnwölbung des Dichters ewig "Spurlose Frühe, geometrisch klar. / Kühl wie am Morgen nach der Schöpfung" und verhüllend, "was je erschaffen wurde und gedacht". In diesem Raum ist es so gut der Morgen nach der Martinsnacht von 1619 wie der "Schnee von heute", in dem "Monsieur" noch einmal auf den Zweifel als Ursprung der Erkenntnis stößt, in Reimen redend, die sich der andere auf seine Existenz gemacht hat. Und – nicht nur mit sich "selbst verkehrend", nicht allein: Grünbein hat ihm einen jungen Diener beigesellt, namens Gillot, der den gemeinen Menschenverstand vertritt, das Vertrauen in Empirie und Augenschein: "Ich seh nur, was ins Auge fällt – / Wie einer, der sich an das Nächste, Beste hält". Vor allem aber ist er eine zarte Seele, leicht entflammbar und voller Mitgefühl für das Leid von Mensch und Kreatur, woran kein Mangel herrscht in den Gräueln des soeben ausgebrochenen Dreißigjährigen Krieges. Alle Versuche seines Herrn, halb spöttisch, halb als Trost gemeint, einen Keil zwischen seine unsterbliche Seele und ihre Affekte zu treiben, bleiben ohne Wirkung, und das spricht nicht gegen den jungen Trabanten:

",Monsieur, verzeiht, ich hab geweint.‘ / ,Ein edler Zug – und ein Reflex. Schau, ein Kanal / Führt von den Tränendrüsen in den Sack der Bindehaut. / Dort staut es sich, das salzige Sekret. Wir blinzeln, / Und mit dem Lidschlag wird es angesaugt und schießt – / Ein Dammbruch, in den Tränensack und bricht hervor: / Und schon verschwimmt die Welt vor unsern Augen. / Du schnappst nach Luft, dann spült der Tränenfluß dich fort. / Der Anlaß? Findet sich. Das Herz wird leicht durchzuckt. / Was zählt, ist das Prinzip. Hydraulik, Wasserdruck.‘"

Es disputieren Herr und Diener im Dorfe

Der Assistent ist, auf treuherzige Weise, nach Maßgabe eines begrenzten Verstandes und sicheren Gefühls, resistent gegen die cartesianische Spaltung von Geist und Materie, Seele und Leib, Mensch und Tier. Ein ergebener Widerpart, an dem der Denker seine Thesen schärft, Stimme des Herzens, des Schauders vor den unendlichen Räumen des Begriffs und, in aller Unschuld, des Gewissens: "Tief in den Kammern Eures Riesenhirns gefriert / Zu Regel, Gleichung und Figur, was je Verstand / Und Scharfsinn fassen kann – wie unter Frost das Land." Gegen dieses "Zerrbild" von Huldigung verwahrt sich Monsieur, recht schwach, unter Berufung auf sein "Temperament": "streng logisch, schroff, selbst unbetroffen (…). Das bin nicht ich."

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  • Schlagworte Lyrik | Pythagoras | Reinhard Baumgart | Schnee
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