Lyrik Die Landschaft dreht sich auf den RückenSeite 3/3

„Bilder sind geräumiger als Begriffe“, hat Grünbein in einem Gespräch mit Norbert Jocks (Dialog Literatur-Kunst, DuMont 2001) gesagt, und: „In ein langes Gedicht können viele Bilder einfließen, ohne daß sie ausdrücklich genannt werden.“ In den Bildern ist sinnenfällige Evidenz durch keinen Beweis zu vertreiben. Eidetische Kraft lässt das Böse eines Tags, wie es Gillot durch alle Fibern dringt – „Das Feld hat Augen, Herr, und Ohren hat der Wald“ – so wirklich sein wie die „Aktion im Kopf“ des Philosophen: wenn um „Mitternacht (…) ein Fremdling – die Idee / Durch Wände dringt und Rad schlägt und kobolzt“. Den Bildern – und Grünbein, der Postmodernist, weiß es, will es – ist die Metaphysik nicht auszutreiben. Metaphysik und weiße Magie:

„Seht Ihr, es tagt. Spurlose Frühe, geometrisch klar. / Kühl wie am Morgen nach der Schöpfung, formenstreng, / Zeigt sich die Erde nun, berechenbar. Was möglich ist, / Nicht, was durch Sintflut, Ackerbau und Kleinstaatkrieg / Verheerend wirklich wurde, liegt nun ausgebreitet. / Besänftigt lädt, was irgend denkbar ist, zum Studium ein. / Schnee hat den Bann gebrochen. Das Diktat der Zeit – / Habt Ihr bemerkt, ist aufgehoben. Unter frischen Wehen / Kroch eine Gleichung in die Hügel. Rein als Raum, / Dreht sich die Landschaft auf den Rücken wie im Traum.“

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Durs Grünbein: Vom Schnee oder Descartes in Deutschland Erzählgedicht; Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2003; 144 S., 19,90 ¤Vom Schnee oder Descartes in DeutschlandBelletristikErzählgedichtDurs GrünbeinBuchSuhrkamp Verlag2003Frankfurt a. M.19,90144
 
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