Roman Kempowskis Abschied
In seinem neuen Roman kehrt Alexander Sowtschick wieder – und stirbt
Ein neues Buch von Walter Kempowski. Aber natürlich wieder voller Bekannter und voller Bekanntem. Und natürlich wieder sehr „vergnüglich“ zu lesen. – Das stimmt und stimmt nicht.
Es stimmt, weil schon die Hauptfigur des Romans Letzte Grüße ein doppelt Bekannter ist. Den Schriftsteller Alexander Sowtschick (soft und schick) hat Kempowski bereits 1983 erschaffen, noch während der Arbeit am letzten Band der Deutschen Chronik (Herzlich Willkommen) und als eine Art Flucht aus dem seit Tadellöser & Wolff geübten literarischen Verfahren. „Habe das alles zunehmend satt“, hieß es im Tagebuch Sirius. „Das unkommentierte Schildern des bloß Faktischen setzt mir zu enge Grenzen. Bei und mit Sowtschick kann ich mich endlich entfalten.“ Allerdings geriet der Protagonist des Romans Hundstage (1988) dann keineswegs so ganz anders als sein Autor. Kempowski ahnte es schon 1983: „Natürlich werden sie sagen: Das ist er selbst! Dabei denke ich nicht an mich, sondern merkwürdigerweise an Bieler, ohne ihn allerdings wirklich zu meinen.“ Außerdem sollten die Initialen A. S. an Arno Schmidt und Alexander Solschenizyn erinnern.
Hundstage verstörte damals große Teile der Kempowski-Leserschaft. Wo war Rostock, wo war das Projekt geblieben, eine durch Krieg und Nachkrieg zerstörte Familiengeschichte schreibend zu rekonstruieren? Stattdessen die natürlich vergnügliche, aber auch etwas schwiemelige Sommergeschichte um einen ebenso erfolgreichen wie pingeligen und ehrpusseligen Schriftsteller von 60 Jahren. Alle sagten: Das ist er selbst! Warum heißt er so anders, das hat er doch sonst nicht gemacht? Viele fanden ihn nicht mehr so sympathisch; manche lobten immerhin, dass hier einer so viel von sich preisgebe.
Und jetzt ist Sowtschick wieder da. Er ist älter geworden, aber nur ein paar Jahre; Letzte Grüße spielt im Herbst 1989, und der Held macht Pläne für seinen 70.Geburtstag, obschon es bis zu dem noch eine Weile hin ist. Während aber in den Hundstagen das Dichterhaus in Sassenholz Schauplatz der Ereignisse war, begibt sich Sowtschik in Letzte Grüße auf eine große Reise, zum wiederholten Male absolviert er auf Einladung eines einschlägigen Instituts eine Lesereise durch die USA: 50 Stationen, beginnend und endend in New York. Und was in den Hundstagen permanent beiher spielte: der Literatur„betrieb“ und Sowtschicks Haltung dazu –, das steht jetzt ganz und gar im Mittelpunkt. Die Lesereise des alternden und kränkelnden und auf nicht immer ganz sympathische Weise um seinen (Nach-)Ruhm fürchtenden Autors gerät zu einer diskret-apokalyptischen Katastrophe, zu einer Mischung aus Kreuzweg und Spießrutenlauf.
Kempowski lässt seinen Helden noch einmal alle, aber auch wirklich alle Malaisen und Malheure erleiden, die ein Autor in der Öffentlichkeit und speziell ein deutscher Autor in den USA durchleben kann. Was Sowtschick auf den 50 Stationen seines Kreuzwegs erleben muss, geht einfach auf keine Kuhhaut: miserable Organisation (man dachte, er komme im nächsten Monat); Desinteresse bei der studierenden Jugend; die Borniertheit der Veranstalter (natürlich habe man nichts von ihm gelesen, wo komme man da hin!) und die Anbiederung eines konsumistisch prominenzversessenen Publikums. Darüber hinaus muss Sowtschick immer wieder als Repräsentant des bösen Nazideutschland herhalten, ausgerechnet er, der Gerade-eben-noch-Kriegsteilnehmer und in Sibirien Kriegsgefangene, der liberale Autor, der in seinen Romanen so intensiv Vergangenheitsbewältigung betrieben hat. Ausgerechnet er muss sich allen (teils begründeten) Vorurteilen und aller (unverzeihlichen) Ignoranz waschechter Amerikaner und hyperkorrekter Auslandsgermanisten stellen.
Ein Kompendium verunglückter Begegnungen
Das kann nicht gut gehen und geht auch nicht gut. Wenn Letzte Grüße aber ein Kompendium und eine Typologie verunglückter Begegnungen zwischen dem Autor und den Repräsentanten der literarischen Öffentlichkeit ist, so hat auch der Autor (im Text) seine Schuld daran. Denn immer wieder sucht Sowtschick auf seiner Reise durch die Staaten nach dem Moment, nach der Begegnung, in der sich der Wert seiner Dichtung (und seiner selbst) unmittelbar ins Leben übersetzt beziehungsweise dort sich erweist. Sowtschick, der dem Literaturbetrieb durchaus mit Zynismus begegnen kann, derselbe Sowtschick wird zum Fanatiker der Eigentlichkeit, wenn es um ihn und sein Werk geht. Ginge es nach ihm, so sollte jede Lesung eine Offenbarung, jede Signierstunde eine Weihestunde und jedes Gespräch mit Lesern ein Musterbeispiel in Literaturpädagogik sein. Manchmal scheint es da, als wehrten sich Veranstalter und Zuhörer schon vorab gegen eine solche Zumutung, wenn sie den Autor mit Unhöflichkeiten, banalem Gerede und dummdreisten Beleidigungen eindecken.
Das alles ist, wie schon gesagt, natürlich wieder sehr „vergnüglich“ (eines von Kempowskis Lieblingshasswörtern aus den Rezensionen seiner Bücher). Und im Gegenteil! Denn der Roman ist nur an der Oberfläche die launig-(bitter)böse Abrechnung eines populären Autors mit den Niederungen des Betriebs und dem Quisquilantentum der Autorenschaft. Darunter liegt, in die lockere Form eines Slapstick-Romans gefasst, die Abhandlung über eine hoch prekäre Existenzform als Autor. Sowtschick nämlich hat – wie sein Autor Kempowski – bei aller Popularität (und teils wegen ihr) sein Leben zwischen den Stühlen und Schubladen verbracht.
Das gilt in der Sache. Er hat Vergangenheit aufgearbeitet, aber nicht mit den Ergebnissen, die eine politisierte 68er-Generation von ihm erwartete. Nun gilt er in den USA als „konservativ“, was ihn bei der Intelligenzija unmöglich macht, und dazu als „liberal“, was beim Bürgertum verpönt ist. Auf seiner Institutsakte, die ihm vorausreist, fehlt der politically correct- Vermerk. Es gilt aber auch in der Literatur. Sowtschik hat sich in Zeiten einer vom allgemeinen Sprachgebrauch entschieden wegdriftenden Spätavantgarde mit der Verständlichkeit eingelassen, er hat eine leicht lesbare Oberfläche, eine Art obersten Schriftsinn angeboten; das bringt zwar Auflage, macht ihn aber im Betrieb unmöglich.
In den USA reist Sowtschick bezeichnenderweise dem wesentlich jüngeren Kollegen Adolf Schätzing hinterher, der es (damals, 1989) allen recht macht. Als ausgetretener DDR-Bürger und radikaler BRD-Kritiker lebt er in Westberlin gleich hinterm KaDeWe ein exzessiv unbürgerliches Leben und verfasst zur Begeisterung des Literaturbetriebs hermetische Vierzeiler. Sowtschicks Spießrutenlauf besteht nun auch darin, dem guten Eindruck, den der junge Kollege trotz, ja wegen seiner Unbotmäßigkeiten hinterlassen hat, hinterherzuschlurfen. Sowtschick hasst Schätzings p. c.- und En-vogue-Sein, er hasst das Genie-Gehabe, mit dem der Flegel sich Permis für alles und jedes verschafft. Doch zugleich lechzt er nach der Anerkennung Schätzings noch viel mehr als nach der seines eigenen Publikums.
Herr Sowtschick ist bei aller Ähnlichkeit nicht Kempowski
Wer sich in die Öffentlichkeit begibt, kommt darin um. Letzten Endes ist Sowtschick nicht stark genug, um sein ästhetisches Konzept auch gegen seine Leser durchzusetzen. Er betont das Handwerkliche am Schreiben (und dessen Vermittelbarkeit), er vernachlässigt, was man ihm als das Zeitgenössische aufdrängt und was doch meistens nur das Modische ist. Aber indem er gegen alle Avantgarde am Kontakt mit der gesprochenen Sprache und gegen jede journalistische Tendenz an seinen „ewigen“ Themen festhält, liefert er sich seinem Publikum aus. Von einem Avantgarde-Sockel herab könnte er die Resonanz auf seine Texte gering achten. Er könnte sich dezidiert unbürgerlich geben und würde dafür vom Bürgertum hofiert. Doch wenn er, der bürgerliche Autor, sich einmal über eine wirklich miserable Behandlung beschwert, nimmt man ihm das bis in die New Yorker Institutszentrale übel.
Nun ist – natürlich! – Alexander Sowtschick bei aller Ähnlichkeit mit seinem Autor kein Selbstporträt, er ist, ich nehme Kempowski hier beim Wort, eine „Entfaltung“, das heißt die Entfaltung einer und nur einer Seite. Als Kempowski sein Alter Ego vor 20 Jahren schuf, hatte er bereits mit dem Aufbau seines Text- und Bildarchivs begonnen, im Tagebuch des Jahres 1983 ist allerdings noch wenig von dem zu vernehmen, was dann aus dieser Sammlung hervorgehen sollte: das Echolot, kollektives Tagebuch und Collage eines kollektiven Bewusstseins aus der Kriegszeit. Dessen Autor aber wird Alexander Sowtschick niemals werden, niemals werden können. Schon zu Beginn seiner anstrengenden Reise durch die Staaten gesundheitlich angeschlagen, stirbt er an deren Ende in einem schäbigen Hotel. Er stirbt, „plötzlich und unerwartet“, am Abend des 9. November 1989, vor einem amerikanischen Fernseher, in den sich ausnahmsweise einmal ein kurzer Bildbericht aus Deutschland geschlichen hat. Adolf Schätzing findet die Leiche und schaltet den Fernseher aus.
Ausgerechnet!, möchte man sagen. Und wirklich: Das ist genau und richtig ausgerechnet. Denn letztlich waren es die Ereignisse vom 9. November 1989, die klarstellten, dass „das mit Links und Rechts nicht mehr gilt“, wie Karl Kraus schon viel, viel früher einmal verkündet hatte. Wo jetzt rechts und links war, wusste plötzlich niemand mehr zu sagen. In den politischen Debatten nicht und erst recht nicht in den ästhetischen. Aber gerade diese Orientierungslosigkeit war die Voraussetzung dafür, dass das Echolot und die ihm folgenden Collagen Kempowskis überhaupt verstanden werden konnten: als beeindruckende Darstellung all dessen, was in den Diskussionen der bisherigen Lager weggeredet worden war. Und: als Beleg dafür, dass der Collageur Kempowski sich zwischen allen Stühlen am rechten Platz aufgehalten hatte.
Sowtschick aber überlebt die alte BRD und die alte DDR nicht um einen Tag, weil er einer ist, der in ihnen und ihren Scheinwidersprüchen noch weitgehend aufgeht. Seine wehmütig-grausame Hinrichtung in einem New Yorker Hotelzimmer ist Walter Kempowskis nachgetragener Abschied von einer seiner „Entfaltungen“, der eine andere gefolgt ist. Das Echolot hat gezeigt, was alles man nicht verstanden hatte, als man Tadellöser & Wolff so gut verstanden, aber doch auch verharmlosend gefunden hatte. (Wenngleich vergnüglich!)
π Walter Kempowski: Letzte Grüße
Roman; Knaus Verlag, München 2003; 432 S., 22,90 ¤
- Datum 09.10.2003 - 14:00 Uhr
- Seite 1 | 2 | 3 | Auf mehreren Seiten lesen
- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:







