Wir haben uns an die Toten gewöhnt. An die zurückgelassenen Haare, an die übrig gebliebenen Koffer und Schuhe und an das Schweigen Gottes. Nicht, dass irgendjemand stolz auf diesen Gleichmut wäre. Immerhin sind Maßnahmen ergriffen worden, um das Unvorstellbare in der Erinnerung wach zu halten. Es sind Antworten gesucht worden, auf Stelen und auf Kongressen, auf Zelluloid und auf Papier. Auch die Literatur, eine mittlerweile in Deutschland eher fettleibige und kindische Dame, der übermäßige Beweglichkeit und Entschiedenheit nicht nachgesagt werden können, ist im vergangenen Jahrhundert wegen dieser ungeheuren Sache in Turbulenzen geraten und hat sich selbst wagemutig so manche Schwierigkeit bereitet. Bis sie nun mit dem Gleichmut auch die Schreibweisen des 19. Jahrhunderts zurückerobert hat.

Die literarische Restauration, die seit dem Niedergang des Staatssozialismus in Westeuropa einsetzte, hat ihren trostlosen Höhepunkt vermutlich noch nicht erreicht. Nichts gegen die Tränen, Abenteuer und Tragödien im Wasserglas der entpolitisierten und leidenschaftslos vertrauerten Nachkommen. Auch das Biedermeier kennt seine Abgründe. Große Literatur, wie sie noch in den ersten Nachkriegsjahrzehnten in Deutschland entstand, wird man das gleichwohl nicht nennen können. Große Literatur entsteht schon seit Jahren vor unseren Augen und vor unserer Haustür, im hässlichen, von der Geschichte versehrten Osten Europas. Und der Nobelpreisträger Imre Kertész ist ihr radikalster, unbeirrbarer Agent.

Es gibt viele Gründe für seinen Erfolg. Einer davon ist sein Ethos, der Eindruck, dass ihm Wahrhaftigkeit vor Schönheit geht. Seine Bücher sind schwierig. Nicht, weil ihr Autor sie kunstvoll verrätseln wollte. Nicht, weil er an literarischer Feinmechanik und postmodernen Handwerkskünsten interessiert wäre. Sondern aus Notwendigkeit. Sie sind so schwierig wie die Verletzungen, aus denen sie entstanden sind. Ihre Form steht, ganz altmodisch, in unlösbarem Zusammenhang mit ihrem Gegenstand.

Der einzige und immer wieder variierte Gegenstand dieses großen Autors ist Auschwitz. Und das Buch, das über Auschwitz geschrieben werden muss, damit Auschwitz, Kertész sagt das so, zu etwas gut war. Kertész, der als 16-Jähriger nach Auschwitz kam, hat dieses Buch geschrieben. Es heißt Roman eines Schicksallosen und ist die unerreichte Innenansicht der Hölle, die atemberaubende Rollenprosa eines unwissenden jungen Opfers. Ein Meisterwerk europäischer Literatur. Sein jüngster Roman knüpft hieran an. 40 Jahre sind vergangen. An die Stelle der tragischen Unmittelbarkeit des jungen Mannes sind Verzweiflung und Reflexion getreten. Für die Nachgeborenen steht der Wert von Auschwitz infrage. Sie sind nicht mehr Zeugen, sondern nur noch Betroffene, Verletzte, die den Ursprung ihrer Verletzung kaum kennen. Alle Figuren dieses Romans stochern im Dunkeln. Auch die erzählte Geschichte – in Roman eines Schicksallosen von bestürzender Geradlinigkeit – ist zerbrochen. Sie ist dermaßen zerbrochen und unansehnlich, dass man im ersten Augenblick vor ihrer rücksichtslosen Hässlichkeit, ihrer narrativen Unfreundlichkeit und Kälte zurückschreckt.

Die Geschichte geht so: Ein Mann, B. genannt, Schriftsteller und wie sein Erfinder Kertész Übersetzer der Werke von Thomas Bernhard und Peter Weiss, bringt sich um. Das geschieht im Jahr 1990 in einer schäbigen Anderthalbzimmerwohnung in Budapest. Er hinterlässt zwei Frauen. Seine große Liebe, die geschiedene Ehefrau, und seine letzte Geliebte. Er hinterlässt auch ein Theaterstück mit dem Titel Liquidation, der zugleich der Titel des in Rede stehenden Romans ist. Dieser wiederum ist im Jahr 1999 angesiedelt. In diesem Jahr wiederholen sich entscheidende Szenen des im Roman zitierten Theaterstücks in der Romanwirklichkeit: Der Verlag, in dem das Stück zur Publikation kommen sollte, wird teilweise liquidiert, eine Veröffentlichung kommt nicht mehr in Betracht. Der mit dem Stück betraute Lektor und Freund des vor neun Jahren gestorbenen Autors B. berichtet im weiteren Verlauf von seiner Suche nach dem verschollenen Roman B.s, von dessen Existenz er überzeugt ist, weil ein wirklicher Schriftsteller, wie er glaubt, nicht ohne Werk aus der Welt ginge. Doch der handschriftliche Nachlass, aus dem der Roman Liquidation zitiert, berichtet, dass der gesuchte Roman liquidiert wurde, verbrannt von der geschiedenen Ehefrau, im Auftrag des Toten. Womit, im Groben, die Schwierigkeiten des vorliegenden Romans umrissen sind: Es handelt sich um ein, selbst nach frühromantischen Maßstäben, überaus dichtes Verkehrsaufkommen von Schriftstücken, die auf Schriftstücke verweisen, hinter denen Schriftstücke zu vermuten… ja, das klingt abschreckend, aber es ist trotzdem alles ganz anders.

Es geht, wie gesagt, um Auschwitz und nicht um romantische Ironie. Es geht nicht um die heitere Unendlichkeit sich unablässig spiegelnder Fiktionen. Es geht um Tod, Mord, Selbstmord und Liquidation. Held B. ist im Jahr 1944 in Auschwitz geboren und im Stalinismus groß geworden. Er hat, wie Kertész, das eine Lager mit dem anderen vertauscht. Doch anders als Kertész erträgt er die im Jahr 1990 anbrechende Freiheit nicht. Denn eine Freiheit ohne Mauern ist, genau genommen, keine Freiheit, sondern ein Zustand. Ein Zustand, an den man sich gewöhnen kann. An den er sich nicht gewöhnen wollte. Er war, heißt es an einer Stelle, ein Schriftgelehrter.

Es ist dieser Glaube an die Schrift als die einzige Wahrheit, der diesem Werk über alle Beschwernisse hinweg große Würde verleiht. Es ist ein Schriftglaube, wie man ihn aus den großen Kunstreligionen, aus den Schriften der Buchheiligen Stéphane Mallarmé, Gustave Flaubert oder Edmond Jabès – ihren Träumen von einem absoluten Buch über Nichts – zu kennen meint. Aber das täuscht. Mit der poetischen Kabbala der vorletzten Jahrhundertwende hat dieser Schriftglaube nichts zu tun. Sein Ursprung liegt nicht im Salon, sondern im KZ. Seine Voraussetzung ist nicht Manierismus, sondern Zerstörung.

Was damals liquidiert wurde, ist mehr als ein Roman. Es ist die Wirklichkeit, wie sie bis ins frühe 20. Jahrhundert gegolten hat. In Auschwitz hat sie den Besitzer gewechselt. Sie gehört seither den Mördern. Und weil, sagt Kertész, seit Auschwitz nichts geschehen sei, was Auschwitz widerlegt habe, gehört sie ihnen noch immer. Für alle anderen sind nur Scherben übrig geblieben. Deswegen – und nicht wegen irgendwelcher sublimer Kunstvorbehalte – kann es im 21. Jahrhundert keinen Roman über die Wirklichkeit geben. Nicht im alten, sonntäglichen Sinn des Wortes. Das kann einem gefallen oder nicht gefallen. Auf Geschmack kommt es dabei nicht an. Auf ästhetische Urteile erst recht nicht.