Biografie Karl Kraus und die Folgen
Friedrich Rothe schreibt ein spannendes Zeitbild der „Fackel“
Mir fällt zu Hitler nichts ein“ – in der Regel kommt die Erinnerung an Karl Kraus heute über das berühmte Anfangszitat der Dritten Walpurgisnacht nicht hinaus. Warum fasziniert das „Schweigen“ von Kraus nach 1933 immer noch mehr als das, was er damals geschrieben hat? Dieser Frage geht Friedrich Rothe gleich zu Beginn seiner neuen Kraus-Studie nach. „Unsagbar“ – das war die Einstellung des Wiener Fackel- Herausgebers zur nationalsozialistischen Machtübernahme in Deutschland. Es war zugleich die polemische Methode, mit der er das überwältigende Ereignis schließlich doch bewältigte, das Versagen des Wortes vor den Taten zur Aussage brachte. 1934 erschien keine normale Ausgabe der Fackel , sondern die Erklärung Warum die Fackel nicht erscheint. Karl Kraus hatte den Druck der schon gesetzten Nummer mit dem 300 Seiten umfassenden Torso Die Dritte Walpurgisnacht gestoppt und stattdessen auf ebenso viel Seiten erläutert, dass er an eine Grenze geraten sei, weil „Gewalt kein Objekt der Polemik, Irrsinn kein Gegenstand der Satire“ sein könnten.
Paradoxerweise ist das Werk von Karl Kraus so schwer zu verstehen, weil es auf den ersten Blick so leicht verständlich erscheint. Rothe plädiert dafür, dass man Die Dritte Walpurgisnacht , die erst 1952 (Karl Kraus starb 1936) veröffentlicht wurde, nicht nur als ein Zeitdokument des Jahres 1933 lesen sollte, sondern vor allem als literarisches Werk. Seine entscheidende Bedeutung liege in dem Widerspruch eines lebendigen Menschen gegen die Unmenschlichkeit. Von diesem Standpunkt aus betrachtet, sei es gerechtfertigt, Die Dritte Walpurgisnacht im Gesamtwerk von Kraus auf die gleiche prophetische Höhe wie Die letzten Tage der Menschheit zu stellen.
Es ist nicht immer leicht, Rothe durch sein Labyrinth von dokumentierenden und erörternden Textstücken zu folgen, die durch Kapitelüberschriften zwar unterbrochen, aber nicht unbedingt gegliedert werden. Die Verlagsankündigung des Buches als Biographie ist irreführend. Entstanden ist im Wesentlichen ein materialreiches, analytisches und spannendes Zeitbild der Fackel. Im April 1899 wurde sie entzündet und sollte ein gutes Drittel des neuen Jahrhunderts hindurch leuchten. Ihr Herausgeber war ihr Verfasser, auch wenn er anfangs andere daran beteiligte. Von Dezember 1911 an hat er sie allein geschrieben. Sie ist sein Hauptwerk und spiegelt die Widersprüche der Moderne. Die Fackel war ein Schnittpunkt für beide Zentren deutschsprachiger Literatur und Kultur, für Wien und Berlin.
Rothe ist es gelungen, ein erregendes Zeitbild aufscheinen zu lassen. Sprache und Presse, Literatur und Theater, Justiz und Gerechtigkeit, Sittlichkeit und Kriminalität, Verantwortung und Politik werden im analytischen Spiegel der Fackel aneinander gemessen. Aber es geht nicht nur um das Zeitbild, sondern um beide: die Zeitschrift und ihren Verfasser. Durch das geschriebene Wort hindurch wird auch das Bild seines Autors in seiner Leidenschaft und seinen Identitätsbrüchen lebendig. Neben dem Polemiker, Lyriker und Sprachkritiker erblicken wir zum Beispiel auch den Medienwissenschaftler, der sich sogar das Fernsehen, von dem die Ingenieure gerade zu sprechen beginnen, als Erweiterung seines „Worttheaters“ vorstellen kann. Kraus war nicht nur der einsame, nächtlich schreibende Autor, den er den Fackel- Lesern präsentierte. Er war als Kritiker auch nicht immer unbestechlich. Wenn er schlechte Schauspielerinnen in höchsten Tönen lobte, dann wusste das Wiener Publikum, dass Kraus eine neue Affäre hatte. Das war auch im Fall der schlecht beleumundeten Schauspielerin Annie Kalmar so, die ihm nach seinen Lobeshymnen dankbar antwortete: „Sie sind der erste und einzige Journalist, der mich zu verstehen scheint!“
Er machte es seinen Feinden leichter als seinen Freunden
Mit der Frage, ob Kraus zu einem „jüdischen Antisemiten“ geworden sei, scheut Rothe auch nicht die Auseinandersetzung mit dem „wunden Punkt“ in Werk und Leben des Fackel- Herausgebers. Es wird belegt, dass kaum eine Ausgabe der Zeitschrift existiert, in der nicht ein das Judentum betreffendes Thema berührt wird. Dabei sei die Haltung von Kraus, der aus einem jüdisch-assimilierten Elternhaus stammte, zu diesem Thema so komplex, dass er sich selten eindeutig festlegen lasse. Theodor Lessings Stichwort vom „jüdischen Selbsthass“ sei zu einem geflügelten Wort geworden, zu „einem Schandzettel, der sich bequem Kraus und seinem Werk anheften ließ“. Allerdings hat es Kraus seinen falschen Freunden leichter gemacht als den echten. Seine in der Fackel dokumentierte Unterstützung der antisemitischen Dreyfus-Gegner, die Polemik gegen Herzl und den Zionismus, die Kritik jüdischer Journalisten und nicht zuletzt sein Pamphlet Heine und die Folgen sind keine leicht verdauliche Kost. Die „bestürzenden“ Folgen der Kraus-Polemik gegen Heine machen auch Rothe ratlos. Mit dem Vorwurf, der deutschen Sprache „ans Mieder“ zu gehen, trug Kraus zweifellos entscheidend dazu bei, der Anti-Heine-Position aus dem Ghetto des Deutsch-Nationalen herauszuhelfen.
Heine und die Folgen sollte sich als wirkungsmächtigste Formulierung des ästhetischen Vorurteils gegen Heine und die „romantische Moderne“ erweisen. Der wohl verständnisvollste Erklärungsversuch stammt von Walter Benjamin. Er sah die Tatsache, dass für Kraus „Gerechtigkeit und Sprache miteinander gestiftet bleiben“, als Beweis, dass dieser keineswegs das „Judentum in sich niedergerungen“ habe, und bezeichnete Kraus’ Verehrung der Gerechtigkeit in Form der deutschen Sprache als „echt jüdischen Salto mortale“.
Ob die 68er-Bewegung wirklich eine „Kraus-Renaissance“ bewirkt hat, wie Rothe annimmt, ist fraglich, obwohl Adorno von Kraus beeindruckt war: „Verglichen mit seiner Sprachanalyse sind die Instrumente der offiziellen Gesellschaftswissenschaft stumpf und harmlos.“ Außerhalb der elitären Zirkel der Kritischen Theorie jedoch ist Kraus ein stiller, ein schwieriger Klassiker geblieben. Es ist Rothes Verdienst, den verstummten Herausgeber der Fackel wieder zum Reden gebracht zu haben.
π Friedrich Rothe: Karl Kraus. Die Biographie
Piper Verlag, München 2003; 423 S., 24,90 ¤
- Datum 09.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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