Lyrik Gegen Abend liegt ein Glas zerbrochen auf der Treppe
In seinen Gedichten führt Martin Merz Zwiegespräche mit dem Tod
Wir kennen den Schweizer Schriftsteller Klaus Merz und erinnern uns an dessen grandiose Erzählung Jakob schläft, in der von einem Kind die Rede ist, das gerade durch seine Behinderung zum Mittelpunkt der Familie wird. Aber wer ist Martin Merz? Er war der jüngere Bruder von Klaus, der in dessen Geschichte Sonne genannt wird, fünf Jahre später geboren wurde und mit nur 33 Jahren nach langer und schwerer Krankheit starb. Und er war mehr als lediglich die reale Person zu einer bekannt gewordenen literarischen Figur, nämlich selbst ein Talent, wie die soeben im Haymon-Verlag erschienenen gesammelten Gedichte beweisen – und ein großes, füge ich hinzu. Auch wenn sicher nicht alles auf der gleichen poetischen Höhe erscheint, eines haben alle Gedichte gemeinsam: Sie sind authentisch und in ihrem Vorhandensein zwingend, und das ist mir noch immer die liebste Empfehlung zur Lektüre eines Buches.
Schon die Gedichte eines Kindes, geschrieben im Alter von 15 bis 18 Jahren, sind von einer erstaunlichen inneren Reife, ohne jedoch den fragenden Blick zu verlieren und den Charme der Naivität einer altklugen Gewissheit zu opfern: „Ich staune / über die Traumzeit, / die mich sucht. / Traumzeit / auf dem leuchtenden Zifferblatt / einer Uhr, / die still steht. / Ihr Stillstehn / ist schön. / Man denkt nicht an die Wirklichkeit. / Es würde mir leid tun. / Das Staunen meiner Kindheit: / Etwas, / das ich nie vergessen kann.“
Diese Reife entspringt der frühen Erfahrung, dass der Körper etwas Fragiles und schließlich Zerstörbares ist. Gewiss, irgendwie weiß das jeder – doch eben nur aus Büchern und fernen Berichten. Für den jungen Martin aber wird diese komplizierte Geschichte des Körpers zur existenziellen Grundsituation, die sich wie eine Folie auf die Anschauungen der Dinge und des Lebens legt. So geschieht für ihn alles vor dem Hintergrund einer großen Vergeblichkeit, und auch das Glück ist nur eine Variante des Unglücks.
Kurz gesagt: Die Gedichte sind sämtlich Zwiegespräche mit dem Tod, konkret oder symbolisch, in direkter Anrede oder in imaginärer Verweisung: „Gross / ist der Schmerz des Todes. / Ängste kommen, / ohne dass man es ahnte. / Schreie werden lauter. / Das Weinen schmerzt. / Die Trauer geht tief. // Gegen Abend, / wenn alles still ist, / liegt ein Glas / zerbrochen / auf der Treppe.“ Zugleich aber und ebenso intensiv wie diese Todesgewissheit versenkt sich der Blick in Momente von Schönheit. Eine leise Heiterkeit durchzieht die Melancholie und bringt die oft dunklen Gedichte in einen Zustand von Gelassenheit, durch den auch der reichlich sentimentale Stoff gewissermaßen „erkaltet“ und gerade dadurch zur Betroffenheit zwingt. „Die Sonne steigt. / Ich erwarte den Ruf / lange verstummter Vögel.“
Das ist wunderbar leicht und mit einer einzigen kontradiktorischen Wendung auch lyrisch pointiert. Oder wie ergreifend liest sich in diesem Zusammenhang der Sterblichkeitsfantasien das Gedicht Nachlass eines Einsamen: „Sie sind glücklich, / wenn ich fort bin. / Verzeihende Worte / bewegen mich nicht. / Es kommt alles zu spät. / Ein Tisch. / Eine Kerze / steht neben dem Strauss / verdorrter Rosen.“
Aber jetzt habe ich einen Eingriff gewagt und die zweite Strophe gestrichen. Sie lautet: „Sie kamen zu mir, / ihre Blicke gierig. / Gold, / sie meinten es, / fliesse wie ein Strom. / Enttäuscht gingen sie vorbei. / Sie kannten keine inneren Töne.“ Die Lakonie und schließliche Abgegrenztheit des Bildes – ein Tisch, eine Kerze, ein „Strauss verdorrter Rosen“ –, in das der ganze intentionale Sinn eingeschmolzen ist und im Rezeptionsakt neu hervorgebracht werden kann, wird jetzt mit einem zweiten Bild erklärt und damit aufs Empfindlichste verletzt. Die Requisiten der kleinen räumlichen Szene, die innerhalb der ersten Strophe eine zwingend metaphorische Bedeutung besaßen, verdinglichen vor dem „Gold“ und dem „Strom“ und den „Tönen“ der zweiten Strophe, und der „Nachlass“, der eben noch seine interessante Mehrdeutigkeit besaß, wird reine Materialität.
Er hatte keine Zeit, und das wusste oder ahnte er
- Datum 09.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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