RomanEinstürzende Neubauten, einstürzende Biografien

Haruki Murakami erzählt mit großem Gleichmut von dem Erdbeben in Kobe von Ludger Lütkehaus

Naturkatastrophen, Geschichtskatastrophen: Japan ist ein Leid gewohntes Land. Trotzdem war ein fassungsloses Erschrecken spürbar, als Anfang 1995 gleich zwei traumatisierende Ereignisse zusammenkamen. Im Januar erschütterte das Hanshin-Beben die Millionenstadt Kobe und ihre Nachbarschaft. Die Bilder kollabierender Hochhäuser, zusammenstürzender mehrstöckiger Autobahnen und -brücken demonstrierten in der Verbindung von Natur- und Zivilisationskatastrophe auch für Japan – das aus jahrhundertelanger Fragilitätserfahrung gelernt hatte, sich mit architektonischer und existenzieller Leichtbauweise auf das jederzeit Mögliche einzustellen – eine neue Art von Bedrohung.

Zwei Monate später verübte die Aum-Sekte Shoko Asaharas einen heimtückischen Giftgasanschlag auf das Tokyoter UBahn-System. Hier nutzte ein sektiererischer Terrorismus die Anfälligkeit des technischen und sozialen Systems. Beide Katastrophen waren im buchstäblichen wie im psychologischen Sinn Schocks.

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Der Boden wird flüssig, er trägt nicht mehr

Die Traumaverarbeitung musste hier einsetzen. Ihr bemerkenswertestes literarisches Beispiel lieferte ausgerechnet der als cooler Sprecher der japanischen Coca-Cola-Generation bekannt gewordene Haruki Murakami, Autor surrealistischer Monsterromane und gottlob nicht ganz so langer Liebesromane mit semipornografischem Erregungsfaktor, dazu sehr erfolgreicher Kurzgeschichten und Erzählungen. Hierzulande ist Murakami seit dem publizitätsförderlichen Streit um seinen Roman Gefährliche Geliebte der meistgelesene zeitgenössische japanische Autor.

Sein Untergrundkrieg über den "Anschlag von Tokyo" beeindruckte durch die Verbindung von genauer Beobachtung mit humaner Empathie (ZEIT Nr.14/02). Das Verdikt des Nobelpreisträgers Kenzaburo Õe, Murakami habe sich widerstandslos der kommerziellen Populärkultur unterworfen, "um seine innere imaginäre Welt aus sich herauszuspinnen, als lauschte er einer Hintergrundmusik", wurde hier gegenstandslos. Jetzt erscheinen in der deutschen Direktübersetzung von Sabine Mangold – die irreführenden Sekundärübersetzungen aus dem Englischen sind seit Naokos Lächeln glücklicherweise passé – sechs Erzählungen unter dem Titel Nach dem Beben.

Das Erdbeben von Kobe ist in allen Erzählungen mehr oder minder präsent, aber, anders als im Untergrundkrieg, nicht aus der Perspektive der unmittelbar Betroffenen, sondern mit seiner Wirkung in die Ferne, als fernsehmedial vermittelter oder albtraumartiger Reflex.

Der Hi-Fi-Verkäufer Komura (Ufo in Kushiro) wird abrupt von seiner Frau verlassen, nachdem sie fünf Tage lang ohne Unterbrechung vor dem Fernseher auf die Bilder der Zerstörung gestarrt hat. Die vierjährige Sara (Honigkuchen) wacht aus nächtlichen Albträumen auf, in denen sie der "Erdbebenmann" in einen viel zu kleinen Kasten zu stopfen droht – der Fernseher als tödliches Prokrustesbett. Murakami ist Spezialist für klaustrophobische Horrorszenarien.

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