Roman Ein Schicksal kommt selten allein
Der "Ullsteinroman" - Sten Nadolny erzählt die aufregende, verwirrende Geschichte der Verlegerfamilie
Frühe Fotos später berühmter Menschen zu betrachten ist immer ein banales Vergnügen der feineren Art. Zum Beispiel: Dieses selbstbewusste kleine Mädchen im dunkel gelockten Haar, das, umringt von den vier ihr sehr ähnlichen Brüdern, auf einer halbhohen Ziersäule sitzt, ist Katia Pringsheim, spätere Frau Thomas Mann. Oder: ein doppelreihiges Familienfoto, aufgenommen im parkartigen Hamburger Garten, in der zweiten Reihe links außen ein junger Mann mit Schnauzbart und in heller Jacke, es ist der Kulturhistoriker Aby Warburg, berühmtestes Mitglied einer in Sachen Konto, Kopf und Kinder wahrlich nicht armen Familie.
Und jetzt, auf einem frischen Buchumschlag: sieben Kinder aus dem Hause Ullstein. Vater Leopold ließ sie 1873, kurz vor dem zweiten Todestag ihrer Mutter, fotografieren. Er wollte das Bild auf seinen Schreibtisch stellen, damit Matilda, die nach der Geburt des jüngsten Kindes gestorben war, vom Himmel aus alle ihre Kleinen auf einmal sehen könne. Kurz darauf heiratete Leopold die 21-jährige Elise Pintus, geliebte Kinderfrau im Hause Ullstein. Das Foto mit den dann insgesamt zehn Kindern gibt es allerdings nicht, jedenfalls nicht in Sten Nadolnys Ullsteinroman. Das vorhandene Foto aber hat vor allem einen Mangel: dass Leopold Ullstein, der Erfinder und zielstrebige Vermehrer dieser Familie, der Gründungsvater des Zeitungs- und Buchverlages, nicht im Bild ist, wahrscheinlich, um himmlischen Unmut zu vermeiden.
So guckt der Betrachter sich den kleinen blonden Franz aus, der, halb angeschnitten am linken Bildrand, so reizend und komisch und nachdenklich aus seinem Mädchenkleid mit Dekolleté herausschaut. Auf dem Friedhof Heerstraße in Berlin entdeckt man auf dem Familiengrab der Ullsteins, dem ein trauerndes, von einer dorischen Architektur gerahmtes Paar von Joseph Torak vorsteht, den Namen von Franz und seiner ersten Frau Lotte, geborene Lehmann. Nur drei Ullsteins sind hier beerdigt. Franz, Dr. jur. und Freund der Bilder und Bücher, den die eigenen Brüder und Neffen 1930 aus der Verlagsleitung herausmanipulierten, wurde 1945 im Alter von 77 Jahren in New York von einem Autobus überfahren.
Sten Nadolny, 1942 in Brandenburg geboren, in Bayern aufgewachsen und seit Jahren vorwiegend Berliner, wurde als Schriftsteller bekannt und auch berühmt durch seinen 1983 publizierten Roman Die Entdeckung der Langsamkeit. Nadolny erzählt hier die Geschichte des englischen Seefahrers und Nordpolforschers John Franklin, der sich dem Zeitalter der temposüchtigen industriellen Revolution erfolgreich mit seiner Stärke, der Langsamkeit, verweigert. In seinem neuen Buch, auch dieses ein Gemengelage von facts and fiction, macht Nadolny aus der literarischen Kategorie und dem Sujet einen Titel: Ullsteinroman. Und wie geht so etwas?
„Ürjendwann jeht allet“, hätte hier vielleicht Rudolf Ullstein gerufen (frei nach Nadolny), der erste Sohn von Elise und ein begnadeter Fachmann für Druckmaschinen, schöne Frauen und ebensolche Autos. In diesem Fall ist das, was erstaunlicherweise alles geht: eine Familie zur Literatur zu machen und eine literarische Kategorie zur Nachsilbe einer Familie, mit anderen Worten, einen Sachroman zu schreiben.
Leopold Ullstein wurde 1826 in Fürth geboren. Sein Vater hatte eine Papiergroßhandlung, sein Schulfreund war Joel/Julius Ochs, der nach Amerika auswanderte und dessen Sohn Adolph eine vor sich hin siechende Zeitung kaufte, die New York Times – Ullstein-Sohn Franz trifft später bei einem Besuch in New York die Ochs-Enkelin Iphigenie. Als Leopold 30 Jahre alt war, verließ er das „fränkische Jerusalem“, ging, von seinem Vater mit Geld zur Gründung eines eigenen Geschäftes ausgestattet, nach Berlin, wurde preußischer Staatsbürger, eröffnete unter seinem Namen eine Firma und lieferte, genau wie früher aus Fürth, das Papier für die Vossische Zeitung.
Warum nur Papier liefern und nicht selber bedrucken? Im Jahr 1877 kaufte Leopold Ullstein eine Zeitung und die dazugehörige Druckerei, außerdem wurde sein letztes Kind geboren, die Tochter Toni. Zum Neuen Berliner Tageblatt kam bald die Berliner Zeitung hinzu, dann wurden beide Zeitungen fusioniert. 1887 wurde wieder eine Zeitung aus der Taufe gehoben, die Berliner Abendpost, 1894 kaufte Ullstein die Berliner Illustrierte, eine Wochenzeitung, die er bisher nur gedruckt hatte, 1898 gründete er die Berliner Morgenpost, die schon ein Jahr später 160000 Abonnenten hatte. Es war das Jahr dieses Erfolges, in dem Leopold Ullstein starb.
Klar, dass seine fünf Söhne, die Leopold ihren unterschiedlichen Talenten entsprechend ausgebildet und im Verlag eingesetzt hatte, nicht nur expandierten, sondern den nächsten Schritt machten. Im Zeichen der Eule, die vom mächtigen, steinernen Haustier heute leider zum Schrumpfvogel auf den Buchumschlägen ausgehungert ist, wurde 1903 der Buchverlag gegründet. 1904 folgte die Edition Musik, 1905 der Modeverlag und die Erfindung des gerade jetzt wieder in führenden Modebeilagen entdeckten Schnittmusterbogens, 1908 der erste von sechs Bänden der Ullstein Weltgeschichte, später wurden Remarques Im Westen nicht Neues, Vicki Baums Menschen im Hotel, Zuckmayers Hauptmann von Köpenick verlegt. Auch Brecht und Tucholsky schauten mal vorbei, Klassiker übernahm man vom Münchner Verlag Georg Müller, der in finanzielle Schwierigkeiten geraten war. 1927 wurde in Berlin-Tempelhof das größte Druckhaus in Europa für Zeitungen, Zeitschriften und Bücher gebaut.
Die Ullsteins: Wer versucht, die Geschichte dieses Familienimperiums, die gleichzeitig die des Medienkonzerns avant la lettre ist, zu memorieren, der bleibt an den großen Namen und den imponierend sich beschleunigenden Fakten hängen, schließlich am brutalen Ende, der Enteignung durch die Nationalsozialisten 1934, der Liquidierung des Verlags durch die amerikanische Regierung 1946 und der Rückgabe des Unternehmens an die Familie, so weit es sie noch gab, 1952. Eine deutsch-jüdische Geschichte zwischen der Gründerzeit, aus deren mit Plüschmobiliar voll gestellten Villen die kühnsten und gewinnbringendsten Zukunftsentwürfe der Zeit kamen, und Emigration oder Konzentrationslager.
Nadolnys kluge Idee, daraus einen Sachroman zu machen, hält den Gang der Erzählung in ständig gegenläufiger Bewegung. Der Fluss der Familiengeschichte wird unterbrochen von der zwischendurch kursiv eingefügten Zeitgeschichte einerseits, von kleinen Porträts der Hauptprotagonisten andererseits, dabei Authentisches mit imaginierten Szenen und Dialogen vermischend. Dem auf der Spur zu bleiben ist nicht so einfach, auch nicht für den Leser, der sich öfter mal verheddert zwischen Zeitsprüngen, Generationen und Vornamen. Da hilft nur noch der Griff zum fünfseitigen Stammbaum, aber der ist ja schon bei den Hohenzollern keine wahre Freude. Die schönste Lektüre ist natürlich die, wo Nadolny einen großen Solo-Auftritt im Hause Ullstein hat, eine ganztägige Geburtstagsfeier auskostet oder eine brüderliche Dandy-Spritztour auf dem Fahrrad in den Grunewald, die familiäre Begegnung mit dem Automobil namens Mercedes beschreibt, die Einübung in die Inflation am Beispiel eines Taschengeldgespräches zwischen Vater und Sohn erprobt oder einen Kindertraum träumt. Alles in jener animierten Nüchternheit, die so nur aus Berlin kommen kann und die den Autor und seine Protagonisten wahlverwandschaftlich zu verbinden scheint. Auf die Frage, wie viel er erfunden habe, antwortete Nadolny:
„Alles wahrheitsgemäß.“
Ein Schicksal kommt selten allein. Und weil das so ist, hat Nadolny, der Wahrheit entsprechend, auch den Verfall einer Familie beschrieben, die Selbstdemontage der Ullsteins, die das Verlagshaus im Streit der Brüder und Generationen demolierten, bevor sie dann von den Nazis enteignet, vertrieben oder vernichtet wurden.
Anneliese Fleischmann, eine leicht kapriziöse Enkelin von Elise, verheiratet mit dem Bauhaus-Meister Josef Albers und in Dessau selber Leiterin der Textilabteilung, wollte 1933 die familiären Verstrickungen gern in Teppichform gestalten und machte einen Entwurf für dieses Kunstwerk . Aber bei diesem Entwurf blieb es, zur Erleichterung der Familie. Jetzt gibt es den Ullsteinroman. Auch ein Kunstwerk. Und der Ullstein Verlag soll gerade verscherbelt werden.
π Sten Nadolny: Ullsteinroman
Ullstein Verlag, Berlin 2003; 495 S., 24,– ¤
- Datum 09.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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