Roman Stumme Schreie

Véronique Olmi erzählt knapp und anekdotisch

Short Cuts, knapp erzählte Episoden von filmischer Eindringlichkeit. Etwa diese: Ein kleines Mädchen mit blauem Hut geht langsam und furchtlos ins Meer hinein, bis es lautlos darin versinkt. Oder: Familienaufstellung am Strand. Der achtköpfige Clan der Delbast formiert sich zum selbstbewussten Gruppenfoto vor Vaters Leica. Doch etwas fehlt im perfekten Erscheinungsbild. Ungehalten zählt der Vater die Seinen. „Nummer sechs“, die Jüngste in der Geschwisterreihe, ist nicht dabei. Da sieht er den blauen Hut im Meer. Er stürzt davon und holt sie ins Leben zurück.

In ihrem zweiten, hundert Seiten schmalen Roman verbindet die französische Autorin Véronique Olmi Spotlights wie diese zu einem Gesamttableau, das ein einziges Thema umkreist: das lebenslange Ringen der Tochter um die bestätigende Liebe des Vaters, die sie zur Selbstfindung braucht wie die tägliche Nahrung. Als das Kind in kalter Einsamkeit den Tod sucht und der Vater sein Fehlen erst durch eine nummerologische Unstimmigkeit bemerkt, sind die Weichen in dieser Beziehung – wie meist bei Olmis Figuren – bereits gestellt. Fanny wurde in eine Familie geboren, die eigentlich komplett ist. Gerade will der Älteste das Elternhaus verlassen, beginnt der Jüngste zu pubertieren, hofft die Mutter auf die Wechseljahre und auf ungestörte Zweisamkeit mit ihrem Mann, da kündigt sich die Nachzüglerin an und sucht ihren Platz im geschlossenen System. Frei ist lediglich der dürre Außenposten der Beobachterin. Ihn nimmt sie ein – ein Leben lang. Er schärft den Blick auf eine patriarchalische Ordnung, die zur hohlen Form erstarrt ist und Gefühle von Schwäche, Schmerz und Schuld unter gesellschaftlicher Contenance verbirgt. Und er befähigt die 50-Jährige, die den 100-jährigen Vater endlich für sich allein hat, zur Bilanz ihrer verkümmerten Existenz und zur vorsichtigen Abrechnung mit dem „Mann ihres Lebens“, dem sie ihre gebremste Lebenskraft zuschreibt.

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Voll schmerzhafter Wut über ihren ungestillten Hunger nach Anerkennung und Zugehörigkeit lässt sie rückblickend noch einmal die strahlenden Facetten seiner Persönlichkeit aufleuchten, die sie zum entbehrlichen Schatten machten: den hoch respektierten Patriarchen, den liebevoll ergebenen Ehemann, den sie ebenso eifersüchtig wie vergeblich umwirbt, den aufopferungsvollen Arzt, der seine kranken Kinder dem Kollegen weiterreicht, den begnadeten Gartenliebhaber, „der die Wolken macht“ und ihre kindliche Andacht übersieht.

Doch Bewunderung hat stets das Gegenstück im Gepäck. Nach und nach setzen sich ihre Erinnerungsfragmente zu einem ernüchternden Vater-Bild zusammen. Es zeigt nun auch den Mann, der die deutsche Besatzung risikoarm und kommod überstand und der sich zeitlebens als Repräsentant eines hybriden, kolonialistischen Frankreichs begriff.

Erst in Extremsituationen, wie sie sich in seinen Kriegsbriefen spiegeln oder im selbst-entrückten Stadium der Altersdemenz auswirken, vermag die Tochter auch den kreatürlich leidenden Menschen im Vater zu erkennen und sich ihm mitfühlend zu nähern. Allerdings bleibt ihr eine letzte Enttäuschung nicht erspart. Ihr brennender Wunsch, von ihm als eigene Person geschätzt und geliebt zu werden, bleibt selbst dann unerfüllt, als sich die Machtverhältnisse diametral verkehrt haben. Der fast stumme Greis ist für niemanden mehr erreichbar.

Véronique Olmi erzählt diese unglückliche Kindheit in einem Ton milder Melancholie, der selten bitter klingt. Fanny konstatiert, statt anzuklagen. „Mein Leben ist mir im Hals stecken geblieben“, sagt sie einmal und gibt allein durch die Benennung dem Schrecklichen eine Form, macht es fassbarer und erträglicher. Die kurzen Hauptsätze, die zu anekdotischen Einheiten gebündelt sind, klingen lebendig und direkt wie das gesprochene Wort. Im reizvollen Kontrast zur Einfachheit der Sprache steht das Arrangement aus unterschiedlichen Erzählperspektiven und Zeitebenen, zwischen denen die Ich-Erzählerin geschmeidig hin und her geht: Sie spricht als Kind in der Vergangenheit, wechselt über in einen Dialog mit dem Vater und kehrt wieder zurück in die Gegenwart der alleinerziehenden Frau, die fürchtet, bei ihrer pubertierenden Tochter ebenso zu versagen wie damals ihr Vater.

Der Ausblick am Schluss ist tröstlich. Wie zu Beginn taucht das Bild vom Meer als Todesbringer auf, doch diesmal nicht als konkrete Bedrohung, sondern als Symbol für die natürliche Erlösung eines alten, lebensgesättigten Mannes. Er wird den Meeresrand – so der Titel von Olmis erstem Roman – ungestört überschreiten und in den Tod gehen; Fanny ist nun bereit, den Vater und mit ihm die längst überholten Werte eines verflossenen Jahrhunderts sterben zu lassen. Die unheilsame Symbiose ist zu Ende.

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  • Serie belletristik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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