Roman Vorhölle mit Seeblick

G. M. Oswalds allzu zarte Abrechnung mit der Münchner Schickeria

Der Titel ist so ironisch wie die Rosen auf dem himmelblauen Umschlag. Die Geschichte spielt im „Paradies“, einer reichen Villengegend am Starnberger See. Die Villenbesitzer, angetrieben von geschäftlichen Beziehungen und achtzylindrigen Porsche-Motoren, satt von Repräsentation und Genuss, machen sich Sorgen um ihre Brut, die nicht so erfolgsorientiert codiert ist wie sie selbst. Und warum nicht? Weil die Pubertät sie irgendwo im Niemandsland zwischen Sinn und Geld abgesetzt hat. Und weil es keine Antwort gibt in einer Welt ohne Fragen, werden sie – in dieser Reihenfolge – indifferent, lässig und, dann teilt es sich, entweder vergnügungssüchtig oder melancholisch.

Was aus Vergnügungssucht wird, die ihren Sättigungsgrad rasch erreicht hat, schildern uns die jungen Amerikaner seit etlichen Jahren: vom frühen Bret Easton Ellis in Unter Null bis zu Nick McDonnells Roman Zwölf. Brutaler Zynismus mit hohem Unterhaltungswert und heimlichem Identifikationsangebot. So weit sind wir hier nicht. Die deutschen Autoren sind skrupulöser. Zwar schauen auch ihre Helden sich zwischen Champagner, Joints und Partydrogen George A. Romeros The Night of The Living Dead an, aber sie stoßen ebenso auf Kafkas Brief an den Vater und finden das Wort „Nichtigkeit“ unterstrichen – vom eigenen Vater womöglich, was einiges zu denken gibt .

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Georg M. Oswalds Held und Ich-Erzähler Marcel stammt aus jenem „Paradies“ mit Alpenpanorama, ist gerade melancholische zwanzig geworden und wird nach zweimaligem Sitzenbleiben von seinen Eltern auf eine luxuriöse Privatschule gebracht. Der Unterricht beginnt erst in einer Woche. Und die nutzt er, um über die vergangenen Ferienwochen nachzudenken und uns von den jüngsten Ereignissen zu erzählen, die heiter und vergleichsweise normal beginnen und seltsam traurig enden.

Das tut er in fünf kapiteltragenden Episoden, mit starken Analogien im Aufbau, aber einer gewissen Steigerung in der Dramatik. Jedes Mal zieht es Marcel aus der Villa seiner Eltern in die ein wenig größere und feinere der Nachbarn Schmidt. Jedes Mal, sei es bei der Pool-Party oder beim Drogenkonsum, bekommt Marcel mehr von den Zusammenhängen mit, wird zum Beobachter, zum Zeugen gar. Und jedes Mal endet die Geschichte in kolossalen Rauschzuständen des Helden.

Die Schmidts (mit direktem Seezugang) sind reicher als Marcels Eltern, beide Väter sind Rechtsanwälte. Schmidts Tochter Britta hat ein Verhältnis mit einem besonders lässigen Burschen namens Tom und, wie sich herausstellt, Ehefrau und Mutter Schmidt auch. Nun gibt es die noch reicheren Kerschensteiners, und Britta soll deren Sohn Gerry heiraten. Das scheint zu funktionieren wie in vorbürgerlichen oder japanischen Ehevermittlungen. Aber niemand weiß Genaues, und es interessiert auch nicht. Im Hintergrund heiratet das Geld, denn Schmidts haben größere finanzielle Probleme, die sogar bis zu den Machenschaften des Großvaters Schmidt in der Nazizeit zurückreichen, als dieser, so ist es angedeutet, Zwangsarbeiter beschäftigte.

Doch dieser Strang führt nicht weit, dafür geht alles andere weiter, die Partys gehen weiter und die Sonnenuntergänge am See, das Gruppenvergnügen geht weiter und die Liebschaft von Britta und Tom, und das sogar an Brittas Hochzeitstag. Halt! Hier ist moralisch eine Grenze überschritten. Das sagt zwar keiner im Roman, aber der Bräutigam geht, noch im festlichem Anzug, ins Wasser, von der Terrasse des von Ludwig II. gebauten Festhotels aus in ebenjenen See, den auch schon der bayerische Kini für seinen Abgang wählte.

Georg M. Oswald gehört zu den deutschen Autoren der mittleren Generation, die uns wieder über die realen institutionellen und sozialpsychologischen Verhältnisse unserer „turbo“-kapitalistischen Gesellschaft aufklären wollen und deshalb einen Erzählort jenseits der selbstbezüglichen Avantgardismen und der intelligenten Spielereien mit Second-Order-Welten suchen. Zu diesem Zweck hat sich der vierzigjährige Oswald in einen knapp Zwanzigjährigen versetzt, der als spätpubertierender Einzelgänger noch jenes tiefe Gefühl des „Alles ist falsch“ hegt, aber nicht sagen kann, was genau und wieso, und wie komme ich hier raus?

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