Werk

Hymnen der Fledermaus

Die unglaublichen Gesänge des Wortzauberers Oskar Pastior

In Berlin, wo Fledermäuse aus begreiflichen Gründen immer seltener werden, behauptet sich noch eine seltene Spezies, von der man allerdings nur ein einziges, einzigartiges Exemplar je zu Gesicht bekam. Wir kennen sie unter dem Namen Pastiorfledermaus oder einfach Pastior. Wenn sie sich nach Anbruch der Dämmerung in einem der schön restaurierten Gemäuer des Literaturbetriebs sehen lässt, ist stets eine treue Gemeinde zur Stelle, um ihren unglaublichen Gesängen zu lauschen.

Man ist betört von den Laut-Imaginationen, der Sinn- und Silbenmimikry, die auf unsere Gehörknöchelchen trifft, ohne ihr Geheimnis preiszugeben. Wir wissen nur: Pastior findet seine Nahrung in der Welt, die seit Borges die Bibliothek ist. Mit allerfeinstem Fühl- und Hörvermögen ausgestattet, bewegt er sich überaus gewandt darin, indem er – für unsere Sinne unhörbar – Signale aussendet und so Rücksprache hält mit seiner Beute. Er vertilgt Silben, Wörter, ganze Texte in großer Zahl beziehungsweise schlägt ihnen kleine Wunden, aus denen er das Blut saugt. Er wird auch mit großer und erhabener Beute fertig. Oden und Sestinen hat er vor Jahren pastiorisiert, Sonette zu „Sonettburgern“ verarbeitet. Zuletzt hat er Baudelaires Gedicht Harmonie du soir in einer opulenten Suite von Verdauungsvorgängen ins Eigene einverleibt und wieder ausgestoßen.

Aus „ Harmonie du soir“ wurde so, anagrammatisch, „o du roher iasmin“, nach der Substantiv-Verb-Adjektiv + 7-Methode (das heißt um sieben Stellen jeweils im Taschenwörterbuch weitergedreht) wiederum „hasard du solde“, was übersetzt als „zufall unterm strich“ herauskommt. Aus Baudelaires Eingangsstrophe: „Voici venir les temps où vibrant sur sa tige / Chaque fleur s’évapore ainsi qu’un encensoir; / Les sons et les parfums tournent dans l’air du soir / Valse mélancolique et langoureux vertige!“ – bei Friedhelm Kemp wie folgt übersetzt: „Nun naht die Zeit, wo bebend auf ihrem Stiel die Blüten alle sich verhauchen gleich einem Weihrauchfaß; / Töne und Düfte kreisen in der Abendluft: schwermütiger Walzer und süchtiger Taumel!“ – wird so: „sie graben würmer aus die spanner! alternde auf ihrer kesselpauke; / der schießprügel geht um wie einer der das meiste bietet; / echolote wie pariser streifen durch den überschuß in achselhöhlen; / pergamentene blasiertheit und laszive anstalt von bedürfnis!“

Was diese Zeilen versprechen, hält Pastior mit jedem weiteren Wortbruch respektive Zeilenbruch. Das von eigenen Säften drainierte Urpoem wird des Weiteren „buchstabengewichtet“ (169 Einheiten pro Zeile; also a = eins,b = zwei, c = drei und so fort), „oberflächenübersetzt“: „Chaque fleur“ mutiert so zu „schlackenflöhen“ und „valse mélancolique“ zu „das falsche mehl kolchis“. Sodann wird in einem weiteren Schritt „syntaktisch aufgeriffelt“, dann im Abstand von einigen Stunden je um eins, zwei, drei, vier Vokale weitergedreht, „zungenfrei gepointet“, als „phantasie mit stallgeruch“ filibustert et cetera, bis die Vorlage schließlich auch ihre ausgeweidete Form einbüßt zugunsten von „geschwenkten“ Zeilen und „Zopfmodulen“ und also ganz ins Pastior-Fledermäusische assimiliert worden ist in dieser großen, reich instrumentierten, sein ganzes bisheriges Werk kadenzierenden Dekadenzanstrengung.

Was weiß der Text noch von Baudelaire? Was weiß der Fuchs von der Maus, die er frisst und sich einverleibt samt ihrer Mäuseseele? Pastior nimmt, was er gebrauchen kann und braut daraus seinen Absurd-Absud. Dass poetische Sprache „unverständlich“ sein muss, ist seit Leopardis Poetik des Undefiniert-Unendlichen und der Betonung des rein phonetisch-symbolischen Wortwertes selbstverständlich Prämisse. Die aktuelle Mitteilungssprache ist mit zu viel Sprachschrott kontaminiert, bar jeder Unschuld und also unfruchtbar.

Ein Don Juan, ein gläubiger Kabbalist der Sprache

Oskar Pastior daher Dadaist, Surrealist, Futurist, Oulipotist zu nennen, kurz: einen Revenant aller bereits kanonisch geglaubten Literaturschrecken wäre nicht falsch, der leidigen Ismen wegen aber auch nicht angemessen. Pastior ist Magier, verspielter Komödiant und ein Im-Nebel-Stochastiker. Das heißt: Er lässt nicht das Erlebnis, sondern den Zufall, den es für einen gläubigen Kabbalisten seines Schlages eigentlich nicht gibt, sprechen, um ihm dann mit allerlei Reglements, Selbstfesselungskünsten und spitzfindigem Spiel ins Wort und in den Rücken zu fallen. Dem Automatismus der Surrealisten zieht Pastior den Somnambulismus der Regeln vor.

Zu seinem 75. Geburtstag im vorigen Jahr ehrt ihn der Hanser Verlag mit einer beginnenden Gesamtausgabe, deren zuerst erscheinender 2. Band, von Ernest Wichner ediert, jetzt vorliegt. Es handelt sich um die seit langem vergriffenen Bücher der siebziger Jahre: Gedichtgedichte, Höricht, Fleischeslust undAn die neue Aubergine (mit eigenen Zeichnungen), also um frühe Texte des 1968 aus dem Reiche Ceau≠escus Entwichenen. „Kleine Kunstmaschinchen“ nennt der Autor etwa seine Gedichtgedichte und: ein „Fazit all der Bukarester aufgestauten Form-Inhalt-Realismus-usw-Fruste, -diskussionen und -miseren“, von denen diese Texte also noch nicht ganz frei sind mit ihrem nachkartenden Witz, ihrer Persiflage von „dogmalaria“ und ihrer insubordinierenden Gelöstheit: „Jetzt kann man schreiben was man will.“

Was erwartet uns in Fleischeslust? – „Die Stulle im Palmengarten. Es ist eine himmlische Stulle, die durch die Anlagen geht, von Niemandes Widerspruch bemundet…“ – Oder: „Mit Kohldampf im Haar und Krautwickeln im Zickzack gelangt die Prompteuse ans Ziel…“ – Man liest Anekdotisches vom „Grübelbraten“, von „Immortellen-Eutern“, fleischgewordenen „Schnäuflein“, „Handgekochten Glucken“ und sieben- beziehungsweise „neunschwänziger Vermutung“.

Wir sehen zwar: die Stulle im Palmengarten anstelle der Stille. Das travestierte Rilke-Zitat. Anderswo ein Goethe-Satz, bei dem jede Vokabel ausgetauscht ist und nur die syntaktische Form als Gespenst des Originals stehen blieb. Wir registrieren Binnenreime, musikalische „Durchführungen“, Phrasenwiederholung, Sequenzierung, progressive Entstellung, Permutation, unausdenkliche Silben-und Subjektkreuzungen in der Petrischale seines vielsprachig privilegierten inneren Milieus. Und wir spüren des Öfteren ein Jauchzen und Kribbeln in der Magengrube: Hier sind die Erreger der Komik am Werk. Ein Schalk und Übermut, ein Herumtollen in der Sprache, wie man es in Mozarts Bäsle-Briefen, bei Heine, Jean Paul, Lewis Carroll findet oder bei Pastiors Landsmann Gellu Naum, den Pastior – wie manch anderen Dichter – bezaubernd schön übersetzt hat. Doch wie das alles zusammenwirkt, welche Fluchttriebe und Versteckmotive diese proteische Beweglichkeit und Verwandlungskunst antreiben mögen, bleibt Pastiors Betriebsgeheimnis. Irgendwie offenbaren die Texte orakelhaft etwas vom Kribskrabs des Ganzen, vermitteln in einer Art Wirklichkeitshalluzination etwas von der Morphologie des Tragikomischen, dem wir unterstellt sind. Bedrängende Realien bekommen durch das erhöhte Drehmoment ein leichteres spezifisches Gewicht. Einzelne Karikaturen können als Sprachkritik verstanden werden und fallen dann beinah als Unsauberkeit aus dem Rahmen. Denn Pastiors Element ist der verspielte Nonsens.

Man könnte Oskar Pastior einen Don Juan der Sprache nennen: einen Liebhaber auf der Flucht vor ihr, das heißt vor ihrer unanständigen Zweckmäßigkeit. Die „H-Messmolle von Johann Sebaldrian Bach“ ist kein höherer Blödsinn – schon Morgenstern ärgerte sich über den Ausdruck –, sondern ein intravenös gespritztes, schnell wirkendes Gegenmittel gegen toxischen Lebensernst. Rache nennt Pastior es selbst. „Ich räche mich an der mir verschlossenen Logik der Tatsachen durch scholastische Sprachtölpelei.“

Doch vielleicht sollte man von Göttern und Tieren nicht so vertraulich eingemeindend reden. Was wissen wir schon von Fledermäusen! Aber zumal im Kontrast zu dem Gespreizten und Angestrengten, das bisweilen als Lyrik firmiert, haben die Gesänge der Pastiorfledermaus für unsere Ohren etwas von ursprünglicher Dichtung. Also im Sinne von einfacher Lebenstätigkeit. Stoffwechsel. Hymnus. Natürlich müssen der Leser, die Leserin auch ein bisschen eigenes Blut hergeben, damit es lebt. Aber das ist ja normal.

P. S. In diesen Tagen erscheinen ebenfalls in der Edition Engeler Pastiors sämtliche Übertragungen der Gedichte des russischen Avantgardisten und Sprachspielers Chlebnikov, nebst einer CD, auf der Pastior – in unnachahmlichem Singsang – seine Wortlustspiele vorträgt. Chlebnikov, der Wortalchimist und Bruder im Geiste, war eine besondere Herausforderung. Seine „Sternensprache“ ist unübersetzbar, man kann sie nicht nachdichten, man kann sie nur weiterdichten. Doch das spielt sich bereits in jenem seligen Bereich ab, in dem „Musik und Sprache gleichermaßen sinnfällig werden“, wie Pastior in einer schönen Nachbemerkung schreibt.

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  • Von Gabriele Killert
  • Datum
  • Serie belletristik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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