WerkHymnen der Fledermaus

Die unglaublichen Gesänge des Wortzauberers Oskar Pastior von Gabriele Killert

In Berlin, wo Fledermäuse aus begreiflichen Gründen immer seltener werden, behauptet sich noch eine seltene Spezies, von der man allerdings nur ein einziges, einzigartiges Exemplar je zu Gesicht bekam. Wir kennen sie unter dem Namen Pastiorfledermaus oder einfach Pastior. Wenn sie sich nach Anbruch der Dämmerung in einem der schön restaurierten Gemäuer des Literaturbetriebs sehen lässt, ist stets eine treue Gemeinde zur Stelle, um ihren unglaublichen Gesängen zu lauschen.

Man ist betört von den Laut-Imaginationen, der Sinn- und Silbenmimikry, die auf unsere Gehörknöchelchen trifft, ohne ihr Geheimnis preiszugeben. Wir wissen nur: Pastior findet seine Nahrung in der Welt, die seit Borges die Bibliothek ist. Mit allerfeinstem Fühl- und Hörvermögen ausgestattet, bewegt er sich überaus gewandt darin, indem er – für unsere Sinne unhörbar – Signale aussendet und so Rücksprache hält mit seiner Beute. Er vertilgt Silben, Wörter, ganze Texte in großer Zahl beziehungsweise schlägt ihnen kleine Wunden, aus denen er das Blut saugt. Er wird auch mit großer und erhabener Beute fertig. Oden und Sestinen hat er vor Jahren pastiorisiert, Sonette zu "Sonettburgern" verarbeitet. Zuletzt hat er Baudelaires Gedicht Harmonie du soir in einer opulenten Suite von Verdauungsvorgängen ins Eigene einverleibt und wieder ausgestoßen.

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Aus " Harmonie du soir" wurde so, anagrammatisch, "o du roher iasmin", nach der Substantiv-Verb-Adjektiv + 7-Methode (das heißt um sieben Stellen jeweils im Taschenwörterbuch weitergedreht) wiederum "hasard du solde", was übersetzt als "zufall unterm strich" herauskommt. Aus Baudelaires Eingangsstrophe: "Voici venir les temps où vibrant sur sa tige / Chaque fleur s’évapore ainsi qu’un encensoir; / Les sons et les parfums tournent dans l’air du soir / Valse mélancolique et langoureux vertige!" – bei Friedhelm Kemp wie folgt übersetzt: "Nun naht die Zeit, wo bebend auf ihrem Stiel die Blüten alle sich verhauchen gleich einem Weihrauchfaß; / Töne und Düfte kreisen in der Abendluft: schwermütiger Walzer und süchtiger Taumel!" – wird so: "sie graben würmer aus die spanner! alternde auf ihrer kesselpauke; / der schießprügel geht um wie einer der das meiste bietet; / echolote wie pariser streifen durch den überschuß in achselhöhlen; / pergamentene blasiertheit und laszive anstalt von bedürfnis!"

Was diese Zeilen versprechen, hält Pastior mit jedem weiteren Wortbruch respektive Zeilenbruch. Das von eigenen Säften drainierte Urpoem wird des Weiteren "buchstabengewichtet" (169 Einheiten pro Zeile; also a = eins,b = zwei, c = drei und so fort), "oberflächenübersetzt": "Chaque fleur" mutiert so zu "schlackenflöhen" und "valse mélancolique" zu "das falsche mehl kolchis". Sodann wird in einem weiteren Schritt "syntaktisch aufgeriffelt", dann im Abstand von einigen Stunden je um eins, zwei, drei, vier Vokale weitergedreht, "zungenfrei gepointet", als "phantasie mit stallgeruch" filibustert et cetera, bis die Vorlage schließlich auch ihre ausgeweidete Form einbüßt zugunsten von "geschwenkten" Zeilen und "Zopfmodulen" und also ganz ins Pastior-Fledermäusische assimiliert worden ist in dieser großen, reich instrumentierten, sein ganzes bisheriges Werk kadenzierenden Dekadenzanstrengung.

Was weiß der Text noch von Baudelaire? Was weiß der Fuchs von der Maus, die er frisst und sich einverleibt samt ihrer Mäuseseele? Pastior nimmt, was er gebrauchen kann und braut daraus seinen Absurd-Absud. Dass poetische Sprache "unverständlich" sein muss, ist seit Leopardis Poetik des Undefiniert-Unendlichen und der Betonung des rein phonetisch-symbolischen Wortwertes selbstverständlich Prämisse. Die aktuelle Mitteilungssprache ist mit zu viel Sprachschrott kontaminiert, bar jeder Unschuld und also unfruchtbar.

Ein Don Juan, ein gläubiger Kabbalist der Sprache

Oskar Pastior daher Dadaist, Surrealist, Futurist, Oulipotist zu nennen, kurz: einen Revenant aller bereits kanonisch geglaubten Literaturschrecken wäre nicht falsch, der leidigen Ismen wegen aber auch nicht angemessen. Pastior ist Magier, verspielter Komödiant und ein Im-Nebel-Stochastiker. Das heißt: Er lässt nicht das Erlebnis, sondern den Zufall, den es für einen gläubigen Kabbalisten seines Schlages eigentlich nicht gibt, sprechen, um ihm dann mit allerlei Reglements, Selbstfesselungskünsten und spitzfindigem Spiel ins Wort und in den Rücken zu fallen. Dem Automatismus der Surrealisten zieht Pastior den Somnambulismus der Regeln vor.

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