Werk Hymnen der FledermausSeite 2/2
Zu seinem 75. Geburtstag im vorigen Jahr ehrt ihn der Hanser Verlag mit einer beginnenden Gesamtausgabe, deren zuerst erscheinender 2. Band, von Ernest Wichner ediert, jetzt vorliegt. Es handelt sich um die seit langem vergriffenen Bücher der siebziger Jahre: Gedichtgedichte, Höricht, Fleischeslust und An die neue Aubergine (mit eigenen Zeichnungen), also um frühe Texte des 1968 aus dem Reiche Ceau≠escus Entwichenen. „Kleine Kunstmaschinchen“ nennt der Autor etwa seine Gedichtgedichte und: ein „Fazit all der Bukarester aufgestauten Form-Inhalt-Realismus-usw-Fruste, -diskussionen und -miseren“, von denen diese Texte also noch nicht ganz frei sind mit ihrem nachkartenden Witz, ihrer Persiflage von „dogmalaria“ und ihrer insubordinierenden Gelöstheit: „Jetzt kann man schreiben was man will.“
Was erwartet uns in Fleischeslust? – „Die Stulle im Palmengarten. Es ist eine himmlische Stulle, die durch die Anlagen geht, von Niemandes Widerspruch bemundet…“ – Oder: „Mit Kohldampf im Haar und Krautwickeln im Zickzack gelangt die Prompteuse ans Ziel…“ – Man liest Anekdotisches vom „Grübelbraten“, von „Immortellen-Eutern“, fleischgewordenen „Schnäuflein“, „Handgekochten Glucken“ und sieben- beziehungsweise „neunschwänziger Vermutung“.
Wir sehen zwar: die Stulle im Palmengarten anstelle der Stille. Das travestierte Rilke-Zitat. Anderswo ein Goethe-Satz, bei dem jede Vokabel ausgetauscht ist und nur die syntaktische Form als Gespenst des Originals stehen blieb. Wir registrieren Binnenreime, musikalische „Durchführungen“, Phrasenwiederholung, Sequenzierung, progressive Entstellung, Permutation, unausdenkliche Silben-und Subjektkreuzungen in der Petrischale seines vielsprachig privilegierten inneren Milieus. Und wir spüren des Öfteren ein Jauchzen und Kribbeln in der Magengrube: Hier sind die Erreger der Komik am Werk. Ein Schalk und Übermut, ein Herumtollen in der Sprache, wie man es in Mozarts Bäsle-Briefen, bei Heine, Jean Paul, Lewis Carroll findet oder bei Pastiors Landsmann Gellu Naum, den Pastior – wie manch anderen Dichter – bezaubernd schön übersetzt hat. Doch wie das alles zusammenwirkt, welche Fluchttriebe und Versteckmotive diese proteische Beweglichkeit und Verwandlungskunst antreiben mögen, bleibt Pastiors Betriebsgeheimnis. Irgendwie offenbaren die Texte orakelhaft etwas vom Kribskrabs des Ganzen, vermitteln in einer Art Wirklichkeitshalluzination etwas von der Morphologie des Tragikomischen, dem wir unterstellt sind. Bedrängende Realien bekommen durch das erhöhte Drehmoment ein leichteres spezifisches Gewicht. Einzelne Karikaturen können als Sprachkritik verstanden werden und fallen dann beinah als Unsauberkeit aus dem Rahmen. Denn Pastiors Element ist der verspielte Nonsens.
Man könnte Oskar Pastior einen Don Juan der Sprache nennen: einen Liebhaber auf der Flucht vor ihr, das heißt vor ihrer unanständigen Zweckmäßigkeit. Die „H-Messmolle von Johann Sebaldrian Bach“ ist kein höherer Blödsinn – schon Morgenstern ärgerte sich über den Ausdruck –, sondern ein intravenös gespritztes, schnell wirkendes Gegenmittel gegen toxischen Lebensernst. Rache nennt Pastior es selbst. „Ich räche mich an der mir verschlossenen Logik der Tatsachen durch scholastische Sprachtölpelei.“
Doch vielleicht sollte man von Göttern und Tieren nicht so vertraulich eingemeindend reden. Was wissen wir schon von Fledermäusen! Aber zumal im Kontrast zu dem Gespreizten und Angestrengten, das bisweilen als Lyrik firmiert, haben die Gesänge der Pastiorfledermaus für unsere Ohren etwas von ursprünglicher Dichtung. Also im Sinne von einfacher Lebenstätigkeit. Stoffwechsel. Hymnus. Natürlich müssen der Leser, die Leserin auch ein bisschen eigenes Blut hergeben, damit es lebt. Aber das ist ja normal.
P. S. In diesen Tagen erscheinen ebenfalls in der Edition Engeler Pastiors sämtliche Übertragungen der Gedichte des russischen Avantgardisten und Sprachspielers Chlebnikov, nebst einer CD, auf der Pastior – in unnachahmlichem Singsang – seine Wortlustspiele vorträgt. Chlebnikov, der Wortalchimist und Bruder im Geiste, war eine besondere Herausforderung. Seine „Sternensprache“ ist unübersetzbar, man kann sie nicht nachdichten, man kann sie nur weiterdichten. Doch das spielt sich bereits in jenem seligen Bereich ab, in dem „Musik und Sprache gleichermaßen sinnfällig werden“, wie Pastior in einer schönen Nachbemerkung schreibt.
- Datum 09.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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