Reisebuch Angst vorm Meer
Jonathan Raban segelt nach Alaska und schreibt ein spannendes Buch
Ein Mann und seine Ketsch. Zweitausend Meilen allein in einem der übelsten Gewässer der Weltmeere. Whow, das klingt nach Schweiß und blutig gerissenen Händen, Abenteuer und literweise Testosteron. Irrtum.
Gleich auf den ersten Zeilen seiner endlich ins Deutsche übersetzten Passage nach Juneau stimmt Jonathan Raban einige Akkorde an, die tiefgründiger klingen, als es ein simpler Segeltörn in die Lachsgründe Alaskas erwarten lässt. Raban ist einer der besten Reiseschriftsteller unserer Zeit (und in Deutschland immer noch fast unbekannt); ein Autor, der nicht nur mit dem Bleistift arbeitet: „Das Boot war für mich ein Arbeitsgerät – das Vehikel meiner Erzählung. Auf dem Wasser war das Boot ein Un-Ort – eine Welt wie unter einer Glasglocke, in nützlichem Abstand zum aufdringlichen Hier und Jetzt der amerikanischen Küste. Doch dieses enge, dunkle und sargähnliche Ding war meine Schreibwerkstatt, meine Zuflucht, meine Arche.“
Die Fischgründe zwischen Microsofts Seattle und Juneau, der Hauptstadt des 49. Bundesstaats der USA, sind der letzte Rest vom Wilden Westen. Noch immer glauben junge Männer, in den zwei Monaten der Heringssaison ein Vermögen machen zu können. Nach Alaska geht, wer alle Gesetze und Vorschriften hinter sich lassen will, zum Beispiel das Alkoholverbot für Jugendliche unter 21. Doch wild, weiß Raban, ist, wenn überhaupt, nur das Meer, nicht das Land. Nicht nur, weil er, ein „schmächtiger, intellektueller Typ“, Angst vor dem Meer hat und sich „nie weniger in seinem Element befindet als auf See“. Sondern weil hier, im Unwettergebiet des pazifischen Nordwestens, auf der Inside Passage nach Alaska, einige der wüstesten Meerengen und Strudel zu befahren sind. Nebel, Stürme und Wellen drohen, die seit ihrem Ursprung in Japan nichts anderes getan haben, als Kraft zu sammeln.
Was ein literarischer Reisebericht ist, hat Raban in einem Interview auf den Punkt gebracht: „Ich strebe eine Art nicht-fiktionalen Roman an. Das Material ist faktisch, es ist eine Erzählung von Leuten, deren Nummern Sie im Telefonbuch nachschlagen können. Aber sie ist gestaltet, strukturiert und gegliedert wie ein Roman.“
Das Einzige, was wir Leser zu Beginn eines Reiseberichts sicher wissen, ist, dass der Autor die Reise so lange überlebt hat, dass er über sie schreiben konnte. Alles andere beginnt dort, wo alle großen Geschichten beginnen, in der Unbestimmtheit der Imagination, im Nebel. Gleich hinter Seattle. Nichts ist fest auf dem Meer, selbst das Ziel kann sich ändern. Aufgebrochen ist Raban, um „für die Dauer einer Fangzeit auf See über die See nachzudenken.“ Doch was geschieht, gehorcht nicht mehr ihm.
Ein Berg von Büchern als Ballast
Scheinbar assoziativ, je nach Wetterlage und Logbucheintrag und Begegnung, dümpelt oder stürmt Rabans Bericht voran, Flauten und Dämmerzonen eingeschlossen. Zahllose, scheinbar zufällige Beobachtungen von Wasserspiegelungen, Fabrikruinen, fischenden Bären, Supermärkten, Waldbildern, Potlaches, indianischen Kleidungs- und Essgewohnheiten, Holzfällern, Strudeln, Untiefen und Winden mischen sich mit Anekdoten: Was bei der Proviantaufnahme in Bella Bella geschah, wie es Raban wieder nicht gelang, Frau und Kind per Funktelefon zu erreichen. Mitgenommen hat er einen Berg von Büchern, der als Ballast seine Ketsch seetüchtig hält und bei Sturm in der Kajüte Chaos produziert. Als „stellvertretender blinder Passagier“ gibt Raban ihre Geschichten wieder, vorab die der Expedition, die 1792 Kapitän Vancouver (von ihm „Käpten Van“ genannt) zur Kartografierung dieser labyrinthischen Inselwelten unternahm.
Drei Themen, drei Spiegelungen bilden sich heraus. Das erste ist der Wechsel der Wahrnehmungen. Käpten Van kamen Küste und Meeresstraßen öde, destruktiv und steril vor. Doch bereits die nur 15 Jahre jüngeren Kadetten an Bord sind mit Haut und Haaren von der neuen Mode des „wohligen Schauderns“ vor dem Erhabenen erfasst. Als „postromantischer Tourist“ reflektiert Raban, dass er gar nicht mehr aus sich empfinden kann, alle Wahrnehmungsmuster sind ihm vertraut. „Im Desolation Sound hatte ich das ungute Gefühl, ein berühmtes Schlachtfeld zu betreten, das von einem fremden Krieg übrig geblieben war.“
- Datum 09.10.2003 - 14:00 Uhr
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- Serie belletristik
- Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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