Erzählungen Fremd in der Welt

Peter Stamm ist ein Meister der sprachlichen Askese

Peter Stamm ist kein Erzähler, der sich gerne in die Karten blicken lässt. Erzählungen, die ihre Deutung gleich mit sich führen, sind so wenig seine Sache wie absichtsvoll und wortreich aufgetragene Dunkelheit. Stamm ist im Wortsinn wortkarg und einsilbig. Und im vierten seiner Bücher, dem Erzählband In fremden Gärten, ist er es noch entschiedener als bislang, noch uneitler beschränkt er sich aufs Nötigste. Die Mehrzahl seiner Sätze besteht nur aus fünf bis acht Wörtern. Adjektive, Vergleiche und Metaphern meidet er, wo immer er kann. Deutungen muss man ohnehin lange suchen – „Als er sie küssen wollte, umarmte sie ihn“, das ist die Art, wie Stamm den Zustand eines Paares charakterisiert. Und natürlich passt diese stilistische Askese akkurat zu seiner Weltsicht, seinen Personen und den minimalistischen Geschichten, die er ihnen auf den Leib schreibt.

„Er hatte nie Erklärungen gehabt, aber er war sich immer sicher gewesen“, dieser Satz über eine seiner Figuren trifft auch den Stilisten Stamm. Er zeichnet Personen, die sich selber und der Welt recht fremd sind. Alle sind sie Angehörige einer weit verstreuten Familie von Unbehausten, oft passiv und Melancholiker – und doch hängen sie alle einem Sehnen nach, das mit diesem neuen Band Stammscher Erzählungen nochmals etwas klarer geworden ist. Und allen eignet in ihrer Ziellosigkeit wie ihrem Erzähler doch eine schwer erklärbare Energie und Bestimmheit.

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„Er sagte, er sei nicht interessiert“, so antwortet in der neuen Erzählung Alles, was fehlt die Hauptfigur David auf die Frage, „was seine Hobbys seien“. „Hobbys? fragte er und schaute sie erstaunt an. Was ihn interessiere. I am not interested, sagte er. In what? fragte Rosemary. In general, sagte er.“ David ist ein Held aus dem Innersten der überaus homogenen Stamm-Welt, ein Geistesverwandter von Camus’ Fremdem und von Melvilles Bartleby , ein Geistesverwandter aber auch des Helden der Stammschen Erzählung der Passion im Band Blitzeis, dessen Credo schlicht „Ich will nichts“ gelautet hatte, ein Verwandter aber auch der Evelyn aus Was wir können im gleichen Band, von der es heißt: „Evelyn schien keine Interessen zu haben.“

Im neuen Band findet Stamm für die Verlorenheit seiner Figuren, die im ersten Band bisweilen noch etwas programmatisch, überdeutlich gewesen war, subtile Bilder. „Eigentlich würde ich gern mit dir schlafen. Aber nur, wenn du mir versprichst, dich nicht wieder in mich zu verlieben“, hatte es in Jedermannsrecht in Blitzeis noch etwas simpel geheißen. Diese Figur kehrt nun wieder, aber fast Helke-Sanders-mäßig ins Witzige gedreht: Ein Mann, der mit seiner Liebsten sexlos lebt, damit die Liebe nicht stirbt, animiert sie, mit seinem Nebenbuhler zu schlafen, damit – dank Sex – keine Liebe entsteht.

Meist drückt Stamm die Vereinzelung seiner Figuren aber bestürzender aus. Der interesselose David, der kaum das Wort an seine japanische Nachbarin zu richten wagt, sieht sich im Fernsehen eine Sendung an, „in der ein Mann, ein Japaner, seine Hand im Abstand von vielleicht zehn Zentimetern über den nackten Körper einer Japanerin hin und her bewegte. Die Frau schien dadurch stark erregt zu werden. Der Japaner sprach von der Übertragung sexueller Energie.“

Eine ähnliche verschobene Berührung beschließt die Geschichte Der Kuss, eine der schönsten des Bandes. Eine junge Dänin, die in der Schweiz kellnert, hat ihren alten verwitweten Vater zu Besuch. „Sie mochte es, berührt zu werden“, heißt es von ihr. Aber einige Seiten später auch: „Die beiläufigen Berührungen genügten ihr“ – die Hände der Männer, die zufällig die Kellnerin streifen. Den Vater zu umarmen bereitet ihr Mühe. Und doch finden sich die beiden auch körperlich in der wunderbaren Schlussszene, in der erst die Tochter sich zum schlafenden fieberkranken Vater ins Bett legt, ihn ansieht wie die Mutter das Kind und ihn verstohlen sanft auf den Mund küsst. „Als er aufwachte, war sie eingeschlafen. Er schaute sie lange an. Sie glich ihrer Mutter. Aber das war so lange her. Vielleicht bildete er es sich nur ein, vielleicht träumte er.“

Natürlich besteht bei so weltverlorenen Gestalten, wie Stamm sie liebt, immer die Gefahr, sie entweder mit ein, zwei Worten zu viel zu zerreden oder sie zu unbestimmt, zu sehr in der Schwebe zu lassen. In Blitzeis schallte das Thema, das offensichtlich Stamms grundlegendes ist, bisweilen wie Fanfarenstöße aus den Geschichten heraus: „Nach Hause“ ist das Leitwort, das im ersten Satz der ersten Geschichte und danach fast in jeder folgenden erklingt: „Zu Hause war mir immer kalt“, steht in der zweiten, „Ich bringe dich nach Hause“ in der dritten, „Ich muss irgendwo zu Hause sein“ in der fünften, „Ist das ein Heim hier oder was“, steht in der siebten, „home, sweet home“ und „Ich wünschte mir heimzukehren“ in der nächsten, „Sie habe sich vorgestellt, dass sie nach Hause gehe“ in der letzten.

Auch die Erzählungen des neuen Bandes verdanken ihre Anziehungskraft zuletzt diesem Thema – alle sind sie Reflexionen auf das Zuhause, die Fremde und deren wechselseitige Durchdringung. Doch auch hier sind Stamms Lösungen raffinierter als in Blitzeis. Meist hat er sein Thema ins Unausgesprochene und Indirekte zurückgenommen und es, durchaus wirkungssteigernd, etwas an den Rand gerückt. Statt Gesprächsthema zu sein, durchläuft es nun die Fantasien oder bestimmt die Szenerie. In den ersten drei Geschichten geht es um Häuser, die durch den Auszug der Kinder, durch Tod und Krankheit zu groß oder gar leer werden, und um den stickigen Verschlag hinter der Fahrerkabine eines Truckers, der ins Leben kommen möchte und dabei den Tod findet. Durchgängig ist Stamm meisterlich in der diskret bedeutungshaften Schilderung von Wohnräumen und ihrer existenziellen Aura.

Erzählungen wie die Stammschen sind riskante Manöver. Sie verzichten um ihrer asketischen Ethik und Ästhetik willen von vornherein auf zwei starke ästhetische Lockmittel: Weder legen sie es auf üppigen sprachlichen Glanz noch auf spannende oder sonst überraschungsreiche Plots an. Sie leben ganz von den unauffälligen, aber hoch geladenen entscheidenden Momenten und von der Unterströmung, die von ihnen ausgeht – Tschechow und Carver sind die Großmeister dieser Art. Stamm überzeugt, wenn es ihm wie in der Titelerzählung, in Alles, was fehlt und in Der Kuss glückt, Figuren, Orte, Stimmung und Handlung in gemeinsame Schwingung zu versetzen. Die hellen und die dunklen Zimmer in In fremden Gärten wird man nicht vergessen. Doch Stamm enttäuscht auch durch unterernährte oder aufgesetzt lakonische Geschichten wie Fado oder Die ganze Nacht – dann fragt man sich, warum ein seit seinem Debütroman Agnes als Drei-Sterne-Koch ausgewiesener Autor einem unbedingt Sanatoriumskost vorsetzen muss.

Peter Stamm: In fremden Gärten
Erzählungen; Arche Verlag, Hamburg 2003;155 S., 18,–

 
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  • Serie belletristik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
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