Erzählungen Fremd in der WeltSeite 2/2

Natürlich besteht bei so weltverlorenen Gestalten, wie Stamm sie liebt, immer die Gefahr, sie entweder mit ein, zwei Worten zu viel zu zerreden oder sie zu unbestimmt, zu sehr in der Schwebe zu lassen. In Blitzeis schallte das Thema, das offensichtlich Stamms grundlegendes ist, bisweilen wie Fanfarenstöße aus den Geschichten heraus: „Nach Hause“ ist das Leitwort, das im ersten Satz der ersten Geschichte und danach fast in jeder folgenden erklingt: „Zu Hause war mir immer kalt“, steht in der zweiten, „Ich bringe dich nach Hause“ in der dritten, „Ich muss irgendwo zu Hause sein“ in der fünften, „Ist das ein Heim hier oder was“, steht in der siebten, „home, sweet home“ und „Ich wünschte mir heimzukehren“ in der nächsten, „Sie habe sich vorgestellt, dass sie nach Hause gehe“ in der letzten.

Auch die Erzählungen des neuen Bandes verdanken ihre Anziehungskraft zuletzt diesem Thema – alle sind sie Reflexionen auf das Zuhause, die Fremde und deren wechselseitige Durchdringung. Doch auch hier sind Stamms Lösungen raffinierter als in Blitzeis. Meist hat er sein Thema ins Unausgesprochene und Indirekte zurückgenommen und es, durchaus wirkungssteigernd, etwas an den Rand gerückt. Statt Gesprächsthema zu sein, durchläuft es nun die Fantasien oder bestimmt die Szenerie. In den ersten drei Geschichten geht es um Häuser, die durch den Auszug der Kinder, durch Tod und Krankheit zu groß oder gar leer werden, und um den stickigen Verschlag hinter der Fahrerkabine eines Truckers, der ins Leben kommen möchte und dabei den Tod findet. Durchgängig ist Stamm meisterlich in der diskret bedeutungshaften Schilderung von Wohnräumen und ihrer existenziellen Aura.

Erzählungen wie die Stammschen sind riskante Manöver. Sie verzichten um ihrer asketischen Ethik und Ästhetik willen von vornherein auf zwei starke ästhetische Lockmittel: Weder legen sie es auf üppigen sprachlichen Glanz noch auf spannende oder sonst überraschungsreiche Plots an. Sie leben ganz von den unauffälligen, aber hoch geladenen entscheidenden Momenten und von der Unterströmung, die von ihnen ausgeht – Tschechow und Carver sind die Großmeister dieser Art. Stamm überzeugt, wenn es ihm wie in der Titelerzählung, in Alles, was fehlt und in Der Kuss glückt, Figuren, Orte, Stimmung und Handlung in gemeinsame Schwingung zu versetzen. Die hellen und die dunklen Zimmer in In fremden Gärten wird man nicht vergessen. Doch Stamm enttäuscht auch durch unterernährte oder aufgesetzt lakonische Geschichten wie Fado oder Die ganze Nacht – dann fragt man sich, warum ein seit seinem Debütroman Agnes als Drei-Sterne-Koch ausgewiesener Autor einem unbedingt Sanatoriumskost vorsetzen muss.

Peter Stamm: In fremden Gärten
Erzählungen; Arche Verlag, Hamburg 2003;155 S., 18,–

 
  • Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
  • Serie belletristik
  • Quelle (c) DIE ZEIT 09.10.2003 Nr.42
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Peter Stamm | Literatur | Erzählung | Schweiz | Hamburg
  • Artikel-Tools präsentiert von:

Service