Lyrik Ein Freund berühmter Männer

Herrliche Verse, gelehrte Gedichte – der polnische Lyriker Adam Zagajewski

Sein halbes Dichterleben lang hat sich der 1945 geborene Adam Zagajewski bemüht, kein Repräsentant zu sein. Doch was immer der junge Zagajewski tat, es wurde Programm. Noch dass er sich, schon früh in den staatsoffiziellen polnischen Schriftstellerverband aufgenommen, 1976 der politischen Opposition anschloss, war eine Entscheidung, die er ganz für sich getroffen haben mag, in der sich aber doch der Wunsch, das Drängen von vielen manifestierte.

1982 ging Zagajewski ins Exil nach Paris. Die Gedichte werden länger, sie bringen die Sache oft nicht mehr auf die didaktische Pointe, die Verse schwingen im eleganten Enjambement dahin, und ein elegischer Ton legt sich betörend über alles, was der Dichter mit seinem Zauberwort berührt.

Anzeige

In den ersten Pariser Jahren entdeckt Zagajewski eine neue Vielfalt des Lebens wie der Literatur. Blitz, ein zentrales Gedicht dieser Zeit, zieht die Bilanz der vorangegangenen Jahre und klingt vielleicht nicht zufällig, als hätte Brecht daran mitgeschrieben: „Wenig verstehend und wissensdurstig / lebten wir. Wie Pflanzen, die nach Licht / suchen, suchten wir Gerechtigkeit … daß wir in ganzen Sätzen sprachen, schien uns / ein seltsamer Scherz. Wie leicht es war / einen Polizisten zu hassen. Sogar sein Gesicht war / Teil seiner Uniform. / Fremde Fehler erkannten wir / gleich. Im Fluß, an hitzigen Tagen, spiegelten sich / Berge und Wolken.“ Mit Versen wie diesen wurde Zagajewski in den achtziger Jahren außerhalb Polens rasch bekannt. 1984 erschien im Oberbaumverlag ein erster Auswahlband auf Deutsch, schon damals zusammengestellt und übersetzt von Karl Dedecius.

Dieser ist es auch geblieben, der das Schaffen Zagajewskis alle paar Jahre in deutschen Ausgaben präsentiert, von denen nun – nach den Gedichten (1989) und der Mystik für Anfänger (1997) – mit Die Wiesen von Burgund bereits die dritte erschienen ist. Leider, wie die vorangegangenen, ohne bibliografische Hinweise auf die Originalausgaben und leider auch mit vielen, editorisch nicht begründeten Überschneidungen. Weit über die Hälfte der Gedichte finden sich schon in den zuvor erschienenen Sammlungen, bei gezählten davon hat sich Dedecius für minimal abweichende Varianten der Übersetzung entschieden. So kann, wer Zagajewski noch nicht gelesen hat, hier einige seiner besten Jugendgedichte ebenso kennen lernen wie die Höhepunkte seiner polnischen Bände Ode an die Vielfalt und Nach Lemberg fahren.

Im Lemberg, zur Zeit der Habsburger eine Stadt vieler Völker, ist Zagajewski zur Welt gekommen; 1945 wurde aus dem zuletzt polnischen Lemberg das ukrainische Lwiw und die Eltern mussten die Stadt verlassen, ins polnische Gliwice übersiedeln, das wiederum vorher das schlesische Gleiwitz gewesen war. Das titelgebende Gedicht beschwört ein Lemberg, wie es nicht mehr existiert und, trotz vieler topografisch exakter Hinweise auf katholische Kathedrale und orthodoxe Kirche, auf Theater und Alleen, so auch nie existiert hat. Es geht Zagajewski nicht um ein konkretes, wiewohl zerstörtes Lemberg, sondern um einen mythischen Urort der Poesie, seiner Poesie. Folglich endet das Poem mit der paradoxen Einsicht: „Lemberg ist überall.“ In diesem Satz konzentriert sich die Brillanz wie die Fragwürdigkeit von Zagajewskis Lyrik. In den neunziger Jahren wird er viel unterwegs sein, in den USA, Holland und Belgien, in Italien sowieso, und als gern gesehener Dichter, der die europäische Dichtung mit ihrem großen Erbe repräsentiert, zu Dichtertreffen in der ganzen Welt eingeladen werden. Aber Lemberg ist überall. Ob er über Amsterdam oder Paris, Houston in Texas oder Berlin schreibt, es wird immer eine Art Lemberg draus.

In einem langen Gedicht, Selbstbildnis überschrieben, wechseln großartige Verse mit schalen Referenzen einander fast Zeile für Zeile ab. „Ich wohne in fremden Städten und unterhalte mich manchmal / mit fremden Menschen über Dinge, die mir fremd sind“ heißt es ziemlich zu Beginn. Darauf folgt sofort die Anrufung der hohen Kunst: „Oft höre ich Musik: Bach, Mahler, Chopin, Schostakowitsch.“ Kein banales Geräusch verletzt das feine Gehör des Dichters, etwa wilder Rock oder seichter Pop aus dem Radio oder der Lärm von Autos und Motorrädern von der Straße. Nein, vor dem Fenster des Dichters blüht schön die Natur, die Anlass zu feinen, ins Philosophische zielende Gedanken gibt: „Gleich nebenan wachsen Bäume, ohne etwas auszudrücken, / sieht man von der grünen, gleichgültigen Vollkommenheit ab.“ So gesagt wäre es ja vollkommen, aber bedauerlicherweise sind da noch die schwarzen Vögel, die „dauernd auf etwas warten, geduldig wie spanische Witwen“. Mit Verlaub, das ist gedrechselt, nicht gedichtet. Die Mär von den spanischen Witwen, die ewig geduldig auf den Tod oder einen neuen Mann warten müssen, hat eine sozialgeschichtlich unheilvolle Tradition und birgt poetisch ein unzuträgliches Maß an Kitsch. Merkwürdig, in wie vielen Gedichten Zagajewski geradezu abrupt von genialen Zeilen voll sinnlicher Kraft, wundersamer Bilder des Zweifels und der Ermutigung in einen Manierismus abgleitet, der erlesene Versatzstücke arrangiert.

Ein paar Gedichte tragen Widmungen: an Czes¬aw Mi¬osz, Joseph Brodsky, Derek Walcott. Mein Gott, denkt man sich, der Mann hat es auch nicht leicht; nur mit Nobelpreisträgern befreundet zu sein, das kann schon arg belasten. Und wenn etwas gegen den bedeutenden Lyriker Adam Zagajewski spricht, dann dies: dass man ihm mitunter die Anstrengung anmerkt, ein so bedeutender Lyriker wie seine Freunde zu sein und lauter Gedichte schreiben zu müssen, die alles sind: sinnlich, aber trotzdem gedankenreich, kultiviert, jedoch auf überraschende Weise, unmittelbar anrührend, aber bitte stets vor dem Hintergrund der ganzen abendländischen Tradition. Seitenweise möchte man sich wunderbare Verse dieses Dichters notieren, aber kaum ein Gedicht als Ganzes merken.

Service